Nach Kritik

Jetzt schlagen Dercons Verteidiger zurück

In einem offenen Brief werfen seine Verteidiger den Volksbühnen-Rebellen reines Machtgehabe vor.

Chris Dercon soll die Volksbühne  übernehmen

Chris Dercon soll die Volksbühne übernehmen

Foto: Rainer Jensen / dpa

Im Machtkampf um die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz haben sich jetzt die Verteidiger des designierten Intendanten Chris Dercon zu Wort gemeldet. Der offene Brief, auf Englisch verfasst, ging am Freitag an Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD). Der Brief kommt aus dem Haus der Kunst in München, wo Dercon von 2003 bis 2011 Direktor war. Unterzeichner sind Okwui Enwezor, sein Nachfolger, und der Chefkurator Ulrich Wilmes. Auch internationale Architekten wie Rem Koolhaas, Jacques Herzog und David Chipperfield gehören dazu, genauso wie Filmemacher Alexander Kluge, Soziologe Richard Sennett und Hortensia Völckers von der Kulturstiftung des Bundes.

Dercon, derzeit noch Direktor der Tate Gallery of Modern Art in London, soll 2017 die Leitung der Volksbühne übernehmen. Die Unterzeichner reagieren mit ihrem Schreiben auf den offenen Brief zahlreicher Mitarbeiter der Volksbühne vor rund zehn Tagen. Die Vorwürfe zeigten klar, so die Dercon-Verteidiger, dass deren Motive nichts zu tun haben mit ihren Jobs oder der Verteidigung des Volksbühnen-Erbes. Es gehe ihnen auch nicht um die Theaterkunst oder die kritische Auseinandersetzung mit Ideen. Enwezor & Co. bezeichnen die Volksbühnen-Mitarbeiter als engstirnig. Ihr Vorgehen gleiche einem egoistischen „Staatsstreich“.

Der Regierende Bürgermeister verteidigt Wechsel an Spitze

Ihr offener Brief sei eine Machtprobe und stelle einen Missbrauch ihrer Anstellung dar. Mit ihrer Aktion werde nicht nur Dercons Vision, sondern auch seine Glaubwürdigkeit und Integrität angegriffen. Die Debatte würde rein alarmistisch geführt, ihr fehle jeglicher Anstand Chris Dercon gegenüber. Das sei „peinlich und schädlich“ für den Ruf einer internationalen Stadt wie Berlin. „Mr. Dercon“, so die Unterstützer, sei „eine kühne und inspirierte Wahl“. Zahlreiche Mitarbeiter der Volksbühne hatten Dercon kollektiv das Vertrauen entzogen, weil sie eine „irreversible Zäsur“ und einen Stellenabbau „bis hin zur Abwicklung ganzer Gewerke“ erwarten. Sie fürchten, dass die Volksbühne, eine der wichtigsten Sprechbühnen in Deutschland, ihr Profil verliert.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) hat mittlerweile den umstrittenen Wechsel an der Spitze der Volksbühne verteidigt. Der scheidende Volksbühnen-Chef Frank Castorf habe mehr als 20 Jahre „großartige Theaterarbeit“ geleistet, sagte der auch für Kultur zuständige Regierungschef im Abgeordnetenhaus. Aber man müsse nach so einer langen Zeit auch für die nächsten zehn oder 20 Jahre anderen Kreativen eine Chance geben, ohne dass die bisherige Arbeit auf null gestellt werde. Es gibt derzeit keine andere Entscheidung in der Berliner Kulturpolitik, die so kontrovers diskutiert wurde wie der Intendantenwechsel an der Volksbühne.