Weltliteratur

Das Chaos der großen Stadt

John Dos Passos’ epochaler New-York-Roman „Manhattan Transfer“ ist nach fast 90 Jahren in einer Neuübersetzung erschienen.

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Es gibt Romane, die die Zeit in ein Davor und in ein Danach teilen – die mit Wucht ein Fenster aufstoßen, neue Wege des Erzählens entdecken und sie mutig zuerst beschreiten. Es ist sicher kein Zufall, dass gerade das 20. Jahrhundert mit all seinen jähen Hakenschlägen unzählige solcher Romane hervorgebracht hat, geschrieben von Franz Kafka, James Joyce, Vladimir Nabokov und vielen anderen mehr. Für das Genre des Großstadtromans hat kaum einer eine so epochale Bedeutung wie "Manhattan Transfer" von John Dos Passos. Er knallte in das Jahr 1925 hinein wie ein Pistolenschuss.

Es hatte natürlich schon vorher Versuche gegeben, die moderne Erfahrung großstädtischen Lebens literarisch aufzubereiten. Aber keiner traf den Nerv so präzise wie Dos Passos, geboren 1896 in Chicago. Keiner brach so entschieden mit ungeschriebenen Gesetzen, wonach ein Roman ohne eine Zentralfigur nicht auskommt, die Handlung einem immer nachvollziehbaren Verlauf zu folgen hat und die Stimme des Erzählers gottesgleich über dem Geschehen schweben muss.

Die Stadt als Durchlauferhitzer

Keiner erwies sich als so experimentierfreudig in der Form: Dos Passos würfelte Presse- und Reklametexte, erzählende Passagen und Bewusstseinsströme so virtuos durcheinander, dass die Lektüre seines Romans sich dem Leben im Moloch New York anglich: Hektik, Gereiztheit, Unübersichtlichkeit, Tempo, die Gleichzeitigkeit des Schönen und des Hässlichen, das Nebeneinander von Reichtum und Armut: All das ist "Manhattan Transfer".

Ein junger Einwanderer, ein Karrierist, ein Mörder, ein Gewerkschaftsführer, ein Alkoholiker: Sie und andere bilden das vielköpfige Personal des Romans, das sich durch die aufregende Metropole New York bewegt. Der Titel bezieht sich eigentlich auf einen Umsteigebahnhof in Harrison, New Jersey, beschreibt aber in der für Dos Passos typischen Doppeldeutigkeit auch die Stadt als Durchlauferhitzer.

Sein Markenzeichen ist die Perspektive einer Filmkamera, das berühmte "camera eye". Das liest sich dann so: "Drei Möwen kreisen über den zerbrochenen Kisten, den Orangenschalen und verfaulten Kohlköpfen, die sich zwischen den rissigen Planken heben und senken, und die grünen Wellen schäumen unter der Rundung des Bugs, als die Fähre, hin und her geworfen von der Strömung, klatschend und gurgelnd das Wasser zerteilt, schlingert und gemächlich am Anleger zur Ruhe kommt."

Ein Roman ohne Hauptfigur, unmittelbar gegenwärtig erzählt

So unmittelbar gegenwärtig beginnt der Roman, und so bleibt er auch. Sein Erzählprinzip ist nicht linear im klassischen Sinn. Es setzt auf Gleichzeitigkeit und überlässt es dem Leser, die vielen Eindrücke zu Stimmungen und Geschichten zu fügen. Darin liegt seine Kraft, und sie hat sich in deutscher Sprache bislang in der Übersetzung von Paul Baudisch erhalten.

Sie erschien 1927, nur zwei Jahre nach Veröffentlichung des Originals – schon darin spiegelt sich das internationale Aufsehen, das Dos Passos' Roman auf sich zog. Und sie stand natürlich in der damaligen Zeit vor gewaltigen Problemen – der Slang der Straße etwa, der in "Manhattan Transfer" gesprochen wird, war in einer noch weitgehend unvernetzten Welt viel schwieriger ins Deutsche zu übertragen als heute. Und auch heute gibt es ganz sicher leichtere Aufgaben, als diesen Meilenstein der Moderne hierzulande sprachlich zugänglich zu machen.

Mit Dirk van Gunsteren hat sich nicht nur einer der besten lebenden deutschen Übersetzer für dieses Projekt gefunden, sondern auch ein pro­filierter Kenner der amerikanischen ­Literatur. T.C. Boyle, Jonathan Safran Foer, John Irving, Philip Roth: Die Liste prominenter Romanciers, die auf ­seinem Schreibtisch landeten, liest sich wie eine Bestenliste der letzten Jahrzehnte. Er versteht es meisterhaft, sich in Tonlagen und Sprachnuancen einzufühlen und adäquate Entsprechungen im Deutschen zu finden.

Er selbst hat – nach viel Lob für seinen Vorgänger Baudisch – im Interview erklärt, was eine neue Übersetzung erforderlich ­gemacht hat: "Von den lexikalischen Fehlern und Irrtümern einmal abgesehen, ist es vor allem der altväterliche Duktus, der diese Übersetzung so furchtbar verstaubt wirken lässt und einem Werk dieses Ranges nicht angemessen ist."

Dirk van Gunsterens Übersetzung ist eine erfolgreiche Gratwanderung

Das Kernproblem erinnert an die Übersetzung von Salingers "Der Fänger im Roggen", an der Heinrich Böll 1962 mitwirkte. Die unverblümte, direkte Originalsprache, der auch Kraftausdrücke nicht fremd waren, wurde in der deutschen Version gleichsam abgepuffert, aus Sorge um das Anstandsempfinden des Lesers. Hinzu kamen Redewendungen wie "keinen Heller haben" oder "altes Haus", die damals vielleicht jovial und bodenständig wirkten, heute aber wie Grüße aus der Mottenkiste daherkommen.

Aus diesen Gründen ist es wohl wichtig, alle paar Jahrzehnte eine Neuübersetzung aufzulegen – wie es ja auch 2003 mit dem "Fänger im Roggen" geschehen ist. Und tatsächlich wirkt das New Yorker Epos in Dirk van Gunsterens Interpretation frischer und präsenter – ohne das historische Kolorit der 20er-Jahre zu beschädigen. Hinter einer erfolgreichen Gratwanderung wie dieser liegt eine große intellektuelle Leistung, die viel Arbeit, Akribie und Präzision erfordert.

Und so kann man sich wieder verlieren im Chaos dieser einmaligen Stadt – und der inzwischen älter gewordene Leser wird noch einmal all die Spuren entdecken, die Dos Passos in den Büchern seiner Nachfolger hinterließ. Er wird nicht nur an Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" denken, das vier Jahre später erschien und Dos Passos viel verdankte. Ihm wird vielleicht auch Wolfgang Koeppens "Tauben im Gras" einfallen. Und er wird sich noch einmal berauschen können an einem großartigen Text, ohne den wir heute so viel ärmer wären.

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