KINO

Alles hängt mit allem zusammen

Schillert meisterhaft zwischen Melodram und Poesie: „Ma Ma – Der Ursprung der Liebe“ mit Penélope Cruz

Foto: MFA+ FilmDistribution e.K.

Barbara Schweizerhof

Der Spanier Julio Medem macht seltsame Filme. Das ist unbedingt als Kompliment zu verstehen. Es heißt, dass sie sich mit keinen anderen Filmen vergleichen lassen, auch nicht mit denen seines außerhalb Spaniens viel populäreren Landsmanns Pedro Almodóvar.

Dabei gibt es auch Gemeinsamkeiten: Wie Almodóvar interessiert sich Medem für ein Kino der Gefühle als einer eigenen Welt jenseits von Logik und politischer Korrektheit. Wie Almodóvar sind ihm die Kategorien von Genre und Narration reichlich egal. Aber wo Almodóvar in die Vollen geht, was Klischee, Camp, Grenzüberschreitungen anbelangt, da übt sich Medem, 1958 in San Sebastian geboren, in Zurückhaltung und Andeutung.

Kein gewöhnlicher Film

Nur so kann man erklären, dass es sich bei „Ma Ma – Der Ursprung der Liebe“ nicht um ein Melodrama handelt, obwohl die Schicksalsschläge gleich schon zu Anfang dicht einschlagen: Es beginnt mit einer Brustabtastung. Magda (Penélope Cruz) lässt sich von ihrem Gynäkologen Julián (Asier Etxeandia) untersuchen und liest ihm im Gesicht ab, dass nichts Gutes dabei heraus kommt. Warum sie nicht früher gekommen sei, fragt der junge Arzt besorgt. „Ich wollte nicht paranoid sein“, antwortet Magda ohne jedes Drama. Es ist der Gegenentwurf zum egozentrischen, sonst in solchen Situationen fälligen „Warum ich?“.

Zumal es Magda schon in anderen Lebensbereichen getroffen hat: Sie wurde von ihrer Arbeit als Lehrerin entlassen (der Film spielt 2012 auf der Höhe der spanischen Wirtschaftskrise) und ihr Mann ist im Begriff, sich mit einer anderen Frau davon zu machen.

Als nächstes sieht man Magda nach der Krebsdiagnose auf der Tribüne beim Fußballspiel ihres kleinen Sohnes Dani (Teo Planell) sitzen, der gerade einen Elfmeter verschießt. Aber dann gibt es endlich eine gute Nachricht in Gestalt des Real-Madrid-Scouts Arturo (Luis Tosar), der Interesse für Dani bekundet, den er für sehr begabt hält. Wäre dies ein gewöhnlicher Film, wüssten wir sofort, wie es weitergeht.

Doch bei Medem erhält Arturo im selben Moment noch einen Anruf auf dem Handy – mit der Nachricht, dass seine Tochter bei einem Autounfall ums Leben kam und seine Frau im Koma liegt. Was sich eben noch wie ein gediegen-besinnliches Drama anließ, verwandelt sich zu etwas schwer Einschätzbaren, in dem sich düstere Momente mit heiteren Aussichten, Schmerzvolles mit Hoffnung mischen.

Torjubel trotz Krankheit

Diese manchmal schwer verdauliche Mischung kommt zugleich als das Natürlichste auf der Welt daher. Ein Tag im Leben von Magda verläuft so: Heiter schickt sie morgens ihren Sohn in die Ferien zur Tante, geht dann bedrückt zur ersten Chemotherapie-Sitzung, um anschließend in einem anderen Krankenhaus Arturo ihr Mitgefühl auszudrücken.

Abends sitzt sie allein vorm Fernseher und schaltet von den Wirtschaftsmeldungen zum Fußball, wo Spanien gegen Italien im Finale der Europameisterschaft spielt. Als das erste Tor fällt, reißt Magda die Arme hoch, stürmt auf ihren Balkon und jubelt mit den Nachbarn. Und noch mal, und noch mal, und noch mal. Tod und Tore: Alles hängt eben mit allem zusammen.

Von den Fesseln der Charakterzeichnung befreit

Julio Medems Stärke liegt darin, seine Figuren von den Fesseln der Charakterzeichnung zu befreien und sie als atmosphärische Chiffren durch den Film treiben zu lassen. Psychologisch-realistische Momente wie der, dass der kleine Dani nach der Krebserkrankung seiner Mutter nicht mehr länger als drei Sekunden in die Augen schauen kann, lösen sich mit bizarren Szenen in einem geheimnisvollen Sexklub ab, in dem sich Magda in letzter Aufbäumung gegen den Tod schwängern lässt.

Und am Ende singen drei Männer einem Baby einen Schlager vor. Sie tun es auf so einfache, schmucklose Weise, dass sein banaler Text wie reine, strenge Poesie erscheint.

Drama, Spanien 2015, 111 min.
von Julio Medem, mit Penélope Cruz, Luis Tosar, Alex Brendemühl