Pop

„Ich war immer ein bisschen anders“

Drangsal alias Max Gruber ist auf erfrischende Art größenwahnsinnig. Der Newcomer mit dem 80er-Charme hat ein neues Album vorgelegt.

Drangsal a.k.a. Max Gruber

Drangsal a.k.a. Max Gruber

Foto: Jim Rakete

Der Typ, der seine Einmannband Drangsal nennt und über den gerade alle schreiben, sitzt vor einem am Tisch und schiebt die dunkelgrauen Hemdsärmel hoch. „So“, sagt Max Gruber, 22 Jahre alt und von schmächtiger Statur: „Finden Sie jetzt immer noch, dass ich brav und total harmlos aussehe? Oder nicht doch ein wenig gefährlich?“ Naja – ehrlich gesagt nicht. Daran können auch seine gründlich tätowierten Unterärmchen nichts ändern.

Er wirkt ein bisschen beleidigt, er schmollt, und das ist lustig. „Ich kann auch wild und unerträglich sein. Ich kann ausrasten, echt ausrasten.“ Wie zum Beweis zählt er verschiedene Musiker und Bands auf, die er so echt mies findet. Es sind recht viele. Dann beruhigt er sich wieder. „Tatsächlich höre ich es oft, dass die Leute sagen, ich sei netter und entspannter als sie vorher dachten.“

Dieser großmäulige, drollig unverschämte Junge trifft gerade einen Nerv

Max Gruber, geboren im konservativen Herxheim in der Pfalz, ist zur Zeit genau jene Sensation, die das deutsche Pop-Feuilleton in Schnappatmung versetzt. Auf einmal ist da einer, über den man nicht schimpft wie über die Popspießer AnnenMayKantereit oder die Rockspießer Wanda. „Genau das, was deutsche Popmusik braucht“, schreibt „Spiegel Online“. „Die Stunde von Drangsal schlägt jetzt!“, wissen die Checker vom Magazin Intro, sogar mit Ausrufezeichen.

„Harieschaim“ heißt die Aufreger-Platte: Grubers erste. Die Lieder klingen zwar alles andere als neu, sie sind nicht einmal besonders originell, und doch trifft dieser großmäulige, drollig unverschämte Junge gerade einen Nerv. Hier ist tatsächlich jemand, dessen Glück nicht in der Anpassung und dem Vermitteln von Geborgenheitsgefühlen liegt. Sondern jemand, der anecken, sich reiben will. Aber mehr als Mensch, weniger als Musiker.

Und so sind seine Songs um einiges konventioneller als der Junge selbst. „Ich will die Leute erreichen, ich will groß werden, ich will Mainstream sein, dazu stehe ich“, sagt Gruber. „Mein Anspruch ist nicht zu schockieren, mein Anspruch sind gute Texte und ein perfektes Songwriting.“ Er will in die Charts, und das gern so hoch wie möglich.

Für sein Video konnte Max Jenny Elvers verpflichten. Es kommt zum Kuss

Es ist schon richtig, „Harieschaim“ hätte auch vor 30 Jahren in die Poplandschaft gepasst. Die Wave-Pop-Anleihen liegen offen da: The Cure, Joy Division, New Order, Morrissey, die Eurythmics, Depeche Mode. Wie Gruber singt und das gelegentliche Wechseln zwischen englischer und deutscher Sprache lassen an Falco denken.

Für sein Video zu „Allan Align“ konnte Max sogar Jenny Elvers verpflichten. Elvers gibt den gefallenen Engel, der halb so alte Gruber nimmt ihr als Priester die Beichte ab, es kommt zum Kuss. „Wir wollten jemanden verkünsteln, der in so einem Zusammenhang nichts zu suchen hat. Polarisieren und Gesprächsthema sein sollte das Video natürlich auch.“ Selbst mit der „Bild“-Zeitung hat Max Gruber daraufhin gesprochen, und wann kümmern die sich sonst schon um Indie-Pop-Jungs?

„Mit 13 interessierte ich mich sehr für Serienkiller und lackierte mir die Fingernägel“

„Ich mache Musik, weil ich immer schon ein geknickter Mensch war“, erzählt Gruber. „Ich war immer ein bisschen anders. Mit 13 interessierte ich mich sehr für Serienkiller und lackierte mir die Fingernägel.“ Wenn ihm jemand blöd kam, schrie er einfach doppelt so laut zurück. „Ich war störrisch. Ich habe mich immer gewehrt“, sagt er.

Nach dem Abi zog er nach Berlin, dann nach Leipzig („Berlin machte mir Angst“), 2015 wieder zurück („Jetzt bin ich bereit“). Max Gruber wohnt im bürgerlichen Schöneberg, den Party-Lifestyle vieler Kollegen lehnt er ab. Max verbringt viel Zeit mit seiner Musik. „Ich fühle mich immer ein bisschen allein“, sagt er. „Oft sitze ich da und denke, dass es wenige Leute gibt, die so sind wie ich.“

CD: „Harieschaim“, Caroline Records, 16,99 EuroKonzert: Lido, 19. November, 20 Uhr