Open-Air-Konzerte

Geigerin Lisa Batiashvili: „Musik verschönert alles“

In der Waldbühne spielt Geigerin Lisa Batiashvili beim Saisonausklang der Berliner Philharmoniker. Im Juli folgt der Bebelplatz

Die georgische Geigerin Lisa Batiashvili

Die georgische Geigerin Lisa Batiashvili

Foto: Paul Zinken / dpa

„Ich weiß, dass ich diese Woche nie vergessen werde“, sagt Lisa Batiashvili. Die Geigerin ist gerade dabei, sich auf zwei der populärsten Ereignisse in der Berliner Klassik-Saison vorzubereiten. Am heutigen Sonntag spielt sie unter Leitung von Yannick Nézet-Séguin in der Waldbühne beim jährlichen Saisonfinale der Berliner Philharmoniker. Am 9. Juli kehrt sie zum vierten Mal als Solistin in der von Daniel Barenboim initiierten Veranstaltung „Staatsoper für alle“ auf den Bebelplatz zurück. Zu dem kostenlosen Konzert der Staatskapelle muss man sich seinen Klappstuhl mitbringen.

Für die 1979 in Georgien geborene, in München lebende Geigerin, bietet Berlin einen perfekten Rahmen für solche Open-Air-Veranstaltungen. „Berlin ist eine entspannte, offene Stadt. Deshalb kann man hier so vieles ausprobieren und dem Publikum so viele Konzerte hintereinander anbieten.“ Lisa Batiashvili strahlt im Gespräch viel Frische aus. Ein „sehr vertrautes Gefühl“ habe sie in der Stadt seit ihrem Debüt bei den Philharmonikern im Jahr 2004. „Die Vertrautheit macht das Konzertleben viel angenehmer und sinnvoller“, sagt Lisa Batiashvili, die wie alle international gefragten Solisten ständig unterwegs sein muss. „Man ist froh und dankbar, wenn man die Zeit genießen kann“.

Ihr Vater war ihr erster Geigenlehrer

Zu ihren Freunden gehören auch Philharmoniker. Sie bewundert die Musiker jedes Mal, wenn sie das Orchester erlebt. „Es ist wahrscheinlich das einzige Orchester, in dem so viele starke Persönlichkeiten zusammensitzen und jeder alleine für sich eine unglaubliche Leistung bringen kann, welche dann zu einer so gewaltigen Einheit wird“, sagt die Virtuosin. „Egal was man spielt, hat man das Gefühl, dass vom erstem bis zum letzten Pult alle für eine Idee da sind.“

Schon als Fünfjährige in Tiflis hat sie über der Schallplattensammlung ihres Vaters sitzend das Berliner Orchester lieben gelernt. Ihr Vater, zweiter Geiger im Staatlichen Georgischen Streichquartett, war ihr erster Lehrer. Die Familie ist 1991 aus politischen und künstlerischen Gründen nach Deutschland ausgewandert. Während ihrer Studienjahre in Hamburg und München verfolgte Batiashvili die philharmonischen Auftritte in der Waldbühne und träumte bereits davon, eines Tages dabei mitwirken zu dürfen. Heute ist es so weit.

Auf die Zusammenarbeit mit dem vor Kurzem zum Musikdirektor der New Yorker Met ernannten Dirigenten Yannick Nézet-Séguin freut sie sich besonders. „Seine Persönlichkeit hat etwas Berührendes und auch tief Musikalisches. Ich spiele manchmal Sachen, an die ich vorher gar nicht gedacht hatte, aber in dem Moment passiert es einfach“, sagt die Geigerin: „Es ist wie bei allen großen Dirigenten, man kann es nicht beschreiben.“ Gerade erst hat sie mit ihm in der Philharmonie Bela Bartoks erstes Violinkonzert gespielt. Es gibt auch ein New Yorker Link. Im vergangenen Jahr war sie dort „Artist in Residence“.

In Berlin bekam das Stück seinen letzten Schliff

Die Chance, in der Waldbühne Antonin Dvoraks Violinkonzert mehr als 20.000 Zuschauern zu präsentieren, sei ihr besonders wichtig, sagt Lisa Batiashvili, gerade auch, weil es im Schatten der Konzerte von Brahms, Tschaikowsky oder Sibelius steht. Das dem Geiger Joseph Joachim gewidmete Stück hat viel mit Berlin zu tun. Joachim, Gründungsrektor der Königlichen Hochschule für ausübende Tonkunst (heute Universität der Künste), hat Dvoraks Noten sehr kritisch begutachtet und intern an der Hochschule vorgestellt. Uraufgeführt wurde es 1883 in Prag.

„Musik verschönert alles“, glaubt Lisa Batiashvili. Für die beiden Berliner Open-Air-Konzerte hofft sie vor allem auf gutes Wetter. „Man ist der Natur ausgesetzt. Auch wenn die Leute nicht so konzentriert zuhören wie in einem Saal“, sagt sie, „wird die Musik doch Teil des Lebens.“ Und niemand müsse sich extra chic anziehen.

Auf dem Bebelplatz bringt Lisa Batiashvili zusammen mit Daniel Barenboim ein Werk zur Aufführung, das eine Schlüsselrolle in ihrer Karriere spielt. 1995 wurde sie mit gerade mal 16 Jahren die jüngste Siegerin in der Geschichte des Sibelius-Wettbewerbs in Finnland. Ihr Debütalbum vereinte das Sibelius-Violinkonzert mit einem neuen Werk von Magnus Lindberg. In Zusammenhang mit „Staatsoper für alle“ hat sich Barenboim gewünscht, Sibelius mit ihr noch einmal aufzunehmen. Somit veröffentlicht die Deutsche Grammophon im Herbst ein Album, auf dem Sibelius gemeinsam mit dem Tschaikowsky-Violinkonzert aus dem Vorjahresprogramm erscheint.

Benefizkonzerte für neue Geigen

Die Georgierin setzt ihre Popularität auch für soziale Projekte in ihrer Heimatstadt Tiflis ein. Durch Benefizkonzerte konnte sie neue Geigen für begabte Kinder ermöglichen. Sie hat dafür gekämpft, dass die Musikschulen eine bessere Infrastruktur entwickeln. „Die Kinder brauchen den Kontakt zur europäischen Kultur“, so Batiashvili. „Seit dem großem Sprung nach vorne Anfang 2000 ist alles irgendwie still geblieben. Ich habe das Gefühl, dass die Welt Georgien vergessen hat. Ich möchte, dass die Gesellschaft selber für etwas besseres kämpft, statt sich auf Politiker zu verlassen“. Als sie 2014 mit dem Putin-Freund Valery Gergiev nach der russischen Besetzung der Krim in Rotterdam auftrat, nutzte sie das Konzert zum Protest. Als Zugabe spielte sie das „Requiem für die Ukraine“ des georgischen Komponisten Igor Loboda. „Wir müssen unsere Stimme erheben“, sagt sie, „wenn wir denken, dass Unrecht geschieht.“

Lisa Batiashvili ist mit dem Oboisten François Leleux verheiratet, der Professor an der Münchner Musikhochschule ist. Beide treten auch gemeinsam auf. Die Geigerin fühlt sich an Deutschland wie an ihr Geburtsland gebunden. „Georgien ist die Heimat meiner Kindheit, aber die Heimat meiner Musik, meiner Familie und meines Lebens ist Deutschland. Das ist nicht nur auf dem Papier so, weil ich einen deutschen Pass habe. Ich wurde von den Menschen hier unterstützt – als Schüler, als Student, dann als Künstler. Das ist etwas Besonderes.“

Waldbühne: Am heutigen Sonntag 20,15 Uhr. Das Konzert wird live von 3Sat, RBB Fernsehen und RBB Kulturradio übertragenBebelplatz: 9. Juli um 18 Uhr