Klassik

„Man soll Muskeln zeigen, kein Fett“

Mit französischer Musik verabschiedet sich Tugan Sokhiev als Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters. Es war eine kurze Ära

Blick auf die Philharmonie: Tugan Sokhiev verabschiedet sich als Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters

Blick auf die Philharmonie: Tugan Sokhiev verabschiedet sich als Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters

Foto: Krauthoefer

Auf ihren Chefdirigenten lassen die Berliner Musiker bis zum letzten Tag nichts kommen. Dabei war Tugan Sokhievs Ära beim Deutschen Symphonie-Orchester recht kurz. Nach fünf Jahren verabschiedet sich der russische Dirigent, Jahrgang 1977, der inzwischen einen Karrieresprung an das Moskauer Bolschoi-Theater gemacht hat, an diesem Wochenende mit zwei Konzerten in der Philharmonie.

Herr Sokhiev, wissen Sie schon, was Sie nach dem letzten Konzert am Sonntag machen werden?

Tugan Sokhiev: Einen letzten Drink nehmen. Das ist eine gute Tradition, dass wir uns nach dem Konzert in der Philharmonie backstage treffen, etwas trinken und reden. Das werden wir auch am Sonntag tun.

Was werden Sie aus Berlin mitnehmen?

Dass Berlin eine große kulturelle Bandbreite hat. Hier können viele unterschiedliche Einrichtungen nebeneinander existieren, ohne dass sich jemand zurückgesetzt fühlen muss. Es ist völlig egal, ob es sich um ein großes oder ein kleines Ensemble oder aber um einzelne Künstler handelt. Die Berliner profitieren enorm davon. Für mich war es in meiner Zeit beim DSO großartig, fünf Jahre lang Teil dieses kulturellen, musikalischen Ökosystems zu sein.

Was erzählen Sie in Moskau am liebsten über Berlin?

Ich sage immer, Berlin ist eine lebendige, dynamische Stadt. Vor allem ist es eine Stadt, in der jeder so sein darf, wie er ist oder sein will.

Und wie ist das in Moskau?

Ähnlich. Das hängt sicherlich mit der Größe einer Stadt zusammen. In Paris oder London gibt es vergleichbare Voraussetzungen.

Sie geben das Berliner Orchester auf, weil Sie in Moskau Musikchef des Bolschoi-Theaters wurden. Was ist der Kick einer Riesenoper?

Ich habe zwölf Jahre lang am Mariinski-Theater in St. Petersburg dirigiert, und meine Leidenschaft für die Oper ist ungebrochen. Das Angebot, eines der traditionsreichsten Opernhäuser zu leiten, konnte ich nicht ausschlagen. Es war für mich der Punkt in meinem Leben, um mich vom sinfonischen Repertoire wieder verstärkt dem Musiktheater zuzuwenden.

Was sind für Sie die wichtigsten Opernhäuser der Welt?

Die Pariser Häuser, die Mailänder Scala, die New Yorker Met, das Londoner Covent Garden, das Bolschoi …

Sie haben keine Berliner Oper genannt?

Moment. Zu den Großen gehören natürlich die Staatsoper, die Deutsche Oper, die führenden Bühnen in München, Amsterdam und Wien. Es gibt viele wichtige Häuser.

Wofür steht das Bolschoi?

Das Bolschoi ist ein Repertoirehaus, so wie es auch in Deutschland üblich ist. Das unterscheidet uns von allen anderen großen Bühnen der Welt. In Russland spielen im Übrigen alle Häuser Repertoire. Bei uns gibt es an einem Abend „Aida“, am anderen „Carmen“, dann wieder „Schwanensee“. Das stellt andere Anforderungen an ein Haus und den täglichen Betrieb.

Wie viele Mitarbeiter hat das Bolschoi gegenwärtig?

Ungefähr 3000 Mitarbeiter.

Und wie viele unterstehen Ihnen als Musikdirektor und Chefdirigent?

Es sind etwa 50 Sänger, 250 Orchestermusiker, 120 Choristen, 25 im Bühnenorchester und 15 im Jungen Ensemble.

Wenn in Deutschland etwas vom Bolschoi berichtet wird, hat es meist mit Skandalen zu tun. Zuletzt ging es um den hausinternen Säureanschlag auf Ballettdirektor Sergej Filin. Wie gehen Sie mit solchen Geschichten um?

Das macht mich natürlich nicht glücklich. Ich frage mich schon, warum passiert so etwas an einem Theater. Aber seitdem Vladimir Urin vor drei Jahren die Leitung des Bolschoi übernommen hat, gab es einen Mentalitätswechsel. Früher mag es so gewesen sein, dass sich manche nicht auf die Kunst konzentriert haben, sondern nur daran gedacht haben, persönlich weiterzukommen. Aber ich kann nicht allzu viel dazu sagen, es war vor meiner Zeit.

Wie politisch ist man als Chefdirigent in Moskau?

Die einzige Anforderung an mich ist, die höchste künstlerische Qualität zu sichern. Und das hat nichts mit Politik zu tun. Aber natürlich ist das Bolschoi ein wichtiges Haus, das in Moskau beheimatet ist und auch der Repräsentation dient. Es wird gezeigt, wofür Russland und seine Kultur stehen. Es kommen auch wichtige Gäste ins Haus. Aber in diese Vorgänge bin ich als Künstlerischer Leiter nicht involviert. Ich selber habe keine politischen Ambitionen, sondern rein künstlerische.

Beim DSO verabschieden Sie sich mit Berlioz’ dramatischer Legende „La damnation de Faust“. Ende Juli hat das Stück in der Inszenierung von Peter Stein Premiere am Bolschoi.

Dort proben wir schon etwas länger daran. Ich habe das Glück, das Stück durch die doppelte Perspektive völlig neu zu entdecken. In Berlin habe ich es mit anderem Orchester, Chor und Solisten geprobt. Ich kann es mit einem Kunstwerk vergleichen, das man in verschiedenem Licht betrachtet. Dadurch fallen einem Dinge auf, die man sonst nie wahrnimmt. Dabei habe ich das Werk schon so oft dirigiert.

Was ist die Differenz?

Interessanterweise muss ich in Berlin wie in Moskau die gleichen Dinge zum französischen Klang erklären. Bei Berlioz geht es um den französischen Geist, es darf nie zu schwerfällig werden. Ich muss unerbittlich bleiben, um den spezifischen Klang zu bekommen. Alles muss sehr deutlich artikuliert werden, man soll Muskeln zeigen, kein Fett.

Heutzutage können alle Orchester weltweit alles spielen, heißt es, mit Ausnahme von französischer Musik?

Richtig ist, viele Künstler haben Respekt vor ihr, weil sie nicht wissen, wie man mit ihr umgeht. Hinzukommt das Vorurteil, es sei doch leichte Musik. Dabei muss man sich nur strikt daran halten, was Komponisten vorschreiben. Es ist anders als bei Beethoven oder Brahms, bei denen man mehr Freiheiten der Gestaltung hat. Bei französischer Musik ist viel mehr Detailarbeit nötig. Das muss ich selbst meinem französischen Orchester in Toulouse immer wieder sagen. Auch dort muss ich strikt einfordern, sich an den Komponisten zu halten.

Sie waren auch nach Berlin geholt worden, um das Russische ins DSO zu bringen. Welche Spuren wollten Sie hinterlassen?

Wir haben viel russische Musik gespielt, bekannte Werke etwa von Prokofjew oder Tschaikowski. Aber wir haben dem Berliner Publikum auch die unbekannte Seite gezeigt und kaum bekannte Stücke und Komponisten vorgeführt. Wir wollten eine Botschaft senden an alle, die durstig sind auf Neues, dass es in der russischen Musik viel zu entdecken gibt.

Was wollen Sie dem Orchester abschließend ins Buch schreiben, worauf sollen die Musiker künftig achten?

Sie sollen nie ihren besonderen Mut verlieren, die Musik zu verteidigen.

Philharmonie: Am 25. und 26. Juni jeweils um 20 Uhr, Karten an der Abendkasse