Berliner Philharmoniker

Sieben auf einen Streich

Ein bunt gemischtes Programm: Simon Rattle dirigiert seine Philharmoniker. Es gibt teils Jubel, teils Routine.

Simon Rattle steht am Pult in der Philharmonie

Simon Rattle steht am Pult in der Philharmonie

Foto: Sven Hoppe / dpa

Sieben Werke auf einen Streich, und eines anders als das andere: Sir Simon Rattles letztes Philharmoniker-Abendprogramm in dieser Saison gleicht einem Sammelsurium. Darunter zwei kontrastierende Klassiker der Moderne als Eckpfeiler, eine kurze Uraufführung, ein Wiederbelebungsversuch und ein Repertoireabenteuer Richtung Australien.

140 Musiker sind auf der Bühne

Das Podium ist an diesem Abend so stark erweitert, dass Rattle auf den üblichen Weg über die Künstlertreppe verzichten muss. Der Grund: Am Ende sollen Edgard Varèses berüchtigte „Amériques“ in der originalen Orchesterstärke erklingen – und dies ist mit weniger als 140 Musikern kaum zu bewerkstelligen.

Beinahe kammermusikalisch mutet dagegen Claude Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“ zu Beginn des Konzerts an. Emmanuel Pahud ist der Star in diesem unaufdringlichen Meilenstein der französischen Moderne. Auf vorbildliche Weise verbindet der Soloflötist der Philharmoniker Sinnlichkeit und Transparenz, Sanftmut und Beschaulichkeit. Ein paar Grad kühler wirken die Streicher.

Rattle scheint Pahuds Faun-Töne zwar ebenso zu genießen wie das Publikum. Von den übrigen Musikern verlangt er jedoch mehr Sachlichkeit als Atmosphäre. Das klangliche Resultat wirkt trotzdem stimmig: Es entsteht ein Debussy in erfrischenden Farben, ein Debussy, der zum aktiven Hören einlädt.

Routinierte Kollegialität zwischen Rattle und Pianist Emanuel Ax

Einen umso blasseren Eindruck hinterlassen leider César Francks „Variations symphoniques“ für Klavier und Orchester. Der amerikanische Pianist Emanuel Ax leistet perfekte technische Dienste und gleichförmigen Wohlklang. Doch für eine überzeugende Reanimation ist das zu wenig. Zumal zwischen Rattle und Ax eine solch routinierte Kollegialität herrscht, dass sich das Publikum zu langweilen beginnt.

Vergleichsweise lebendig wirkt Betsy Jolas‘ „A Little Summer Suite“ kurz zuvor: ein Auftragswerk der Philharmoniker, das an diesem Abend zur Uraufführung kommt. Die hierzulande kaum bekannte 89-jährige Komponistin hat einen amüsanten Zehnminüter für romantisches Orchester, Klavier und erweiterten Schlagwerkapparat geschrieben. Ein motivisch vordergründiges Werk, das viel Geraschel und Geklapper, Gerassel und Geklingel enthält.

Ein skurriler Abenteurer: Percy Grainger

Auf höchstem gestalterischem Niveau melden sich die Philharmoniker dann in der zweiten Konzerthälfte zurück. Rattle kündigt dem Publikum einen skurrilen Abenteurer an: Percy Grainger, den ebenso genialischen wie unberechenbaren Australier, vergleichbar höchstens mit dem Amerikaner Charles Ives.

Graingers Bearbeitung von Ravels Klavierwerk „La vallée des cloches“ für melodiefähige Schlaginstrumente, Celesta, Klavier, Harfe und Streicher ist ein ebenso witziges wie utopisches Unterfangen. So viele Schlagwerker lassen sich eigentlich kaum koordinieren. Die spaßige Laienhaftigkeit, die dadurch entsteht, scheint vom Komponisten auch beabsichtigt.

„Amériques“ – ein monströs gelungenes Werk

Und Edgard Varéses „Amériques“? Selbst nach Graingers zwischen Genie und Wahnsinn angelegter „Nussschalen“-Suite, in der die Philharmoniker gnadenlos effektiv mit ihren sinfonischen Pfunden wuchern, trifft einen diese Musik wie ein Schlag in die Magengrube.

Varèse hat ein monströs gelungenes Werk geschaffen, eine Art „Le sacre du printemps“ hoch zehn. Im Jahre 1926 hatte diese Chaos-Partitur, in der sich eine ganze Horde von Futuristen auszutoben scheint, für einen handfesten Skandal gesorgt. 90 Jahre später dagegen herrscht einhelliger Publikumsjubel in der Philharmonie.

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