Klassik

Das Orchester atmet mit seinem Dirigenten

Christoph Eschenbach dirigiert das Deutsche Symphonie-Orchester und setzt sich für den Komponisten Paul Hindemith ein

Ein charismatischer Dirigent: Christoph Eschenbach

Ein charismatischer Dirigent: Christoph Eschenbach

Foto: © Luca Piva 2009 [luca.piva@gma / BM

Beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin (DSO) kann man sich darauf verlassen, dass es sich auch um das vernachlässigte Repertoire kümmert. Mit Paul Hindemiths Symphonie in Es kann es jetzt in der Philharmonie sogar an seine eigene Tradition mit dem Komponisten anknüpfen. Zu der Aufführung passt ebenfalls Gastdirigent Christoph Eschenbach, der im November den Hindemith-Preis der Stadt Hanau erhält.

Das monumentale Werk ist drei Jahre nach der Emigration des Komponisten 1937 in die USA entstanden. Obwohl sich der 1895 in Hanau geborene und 1963 im nahe gelegenen Frankfurt gestorbene Hindemith an die klangliche Brillianz und die Virtuosität amerikanischer Ensembles richtete, blieb sein Stil in einer ausgesprochen deutschen Tradition verwurzelt. Der dichte Kontrapunkt spielt auf Bach, der monumental Einsatz von den Blechbläsern auf Bruckner an.

Expressionistische Melodien im romantischen Rahmen

Die harmonischen und rhythmischen Merkmale, die zu Zeiten der Weimarer Republik vorherrschten, sind auch nicht fern. Vor allem im dritten Satz, dem Scherzo, begegnen sich motorische Texturen, farbige Instrumentation und expressionistische Melodien innerhalb eines romantisch intendierten Rahmens.

Eine leichte Ironie ist schon bei der Ankündigung der Bläser in ersten Satz ("Sehr lebhaft") zu bemerken, wobei die Musik schnell in eine strenge Ausarbeitung des Hauptthemas mündet. Eschenbach kitzelt jede Stimme klar heraus und schafft eine ideale Balance.

Die hohe Qualität prägt auch den Rest des Abends, der durch drei verschiedene Phasen der Romantik reist. Eine erfreuliche Wahl ist Wieniawskis wenig gespieltes Konzert für Violine und Orchester Nr. 2, 1862 dem Virtuose Pablo de Sarasate gewidmet. An diesem Abend debütiert der aus Berlin stammende Geiger Iskandar Widjaja beim DSO.

Till Eulenspiegel flitzt durch das Orchester

Sein Mut, die Musik neu zu gestalten, ist bewundernswert. Das Hauptthema des ersten Satzes setzt am Rand des Tons ein. Jedoch ist Widjajas Klang nicht prägnant genug, um über das Orchester hinweg zu tragen. In der folgenden Romanze gewinnt der Ton mehr Resonanz. Wunderschön zart erklingt sein oberes Register, das Vibrato ist genau angemessen.

Der Schlusssatz "à la Zingara" rast aber so schnell vorbei, dass man den stampfenden Rhythmus kaum wahrnimmt. Widjajas auftrumpfende Haltung mag der bunten Musik entsprechen, aber sein zum Teil unausgeglichener Ton kann nicht mithalten. In Schumanns Fantasie für Violine und Orchester in C-Dur wird sein Spiel bodenständiger, der Ton reichhaltiger. Seine Leidenschaft wird endlich in die Musik kanalisiert. Das DSO atmet in großen Phrasen mit Eschenbach zusammen.

Zu Beginn wird Richard Strauss' Symphonische Dichtung "Till Eulenspiegels lustige Streiche", das einzige Schlachtross des Abends, auf Trab gebracht. Die Energie ist voller Heiterkeit. Und die Melodien erklingen schön getragen, als der Titelheld, ein Schalk des Mittelalters, durch das Orchester flitzt. Aber es fehlt an Klarheit der inneren Stimmen, die Architektur ist nicht so bedenkenvoll unter der Lupe gestellt wie bei der vorgehenden Interpretation von Hindemith. Das wäre ein Grund, den Komponist vermehrt in Berlin zu hören.

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