Kultur

Lieder über die komplizierte Liebe

Aber nein, mit Kate Moss hat das alles nichts zu tun: Jamie Hince stellt in Berlin das neue Album „Ash & Ice“ von The Kills vor

Lebte 1990 mehrere Monate im „Tacheles“: Inzwischen spielt Jamie Hince (l.) gemeinsam mit Sängerin Alison Mosshart seit anderthalb Jahrzehnten im britisch-amerikanischen Bluesrock-Popduo The Kills. Das Foto zeigt die beiden bei einem früheren Konzertauftritt in Berlin

Lebte 1990 mehrere Monate im „Tacheles“: Inzwischen spielt Jamie Hince (l.) gemeinsam mit Sängerin Alison Mosshart seit anderthalb Jahrzehnten im britisch-amerikanischen Bluesrock-Popduo The Kills. Das Foto zeigt die beiden bei einem früheren Konzertauftritt in Berlin

Foto: dpa Picture-Alliance / Henrik Josef Boerger / picture alliance / dpa

Wenn man über „The Kills“ schreibt, sollte man eines tunlichst vermeiden: Kate Moss erwähnen. Am schlimmsten wäre es natürlich gleich im ersten Satz. Damit würde man sich nicht nur als jemand outen, der von The Kills keine Ahnung hat und Jamie Hince nur aus den Boulevard-Nachrichten als Kate Moss’ Ex-Mann kennt, man würde sich auch als musikjournalistischer Totalausfall erweisen. Die Tatsache, dass Hince, die männliche Hälfte des britisch-amerikanischen Bluesrock-Pop-Duos, 2011 Kate Moss heiratete, dem Jahr in dem auch das Album „Blood Pressures“ erschien, muss hier also unerwähnt bleiben, genau wie die damit völlig unzusammenhängende Tatsache, dass erst jetzt, wo die Ehe gescheitert ist, wieder ein neues Kills-Album erscheint: „Ash & Ice“. Das Cover zeichnet ein Martini-Glas und darüber einen Vulkan.

Seine Hand wurde nach einem Unfall mehrfach operiert

Wir treffen Jamie Hince im Hotel de Rome. Er trägt zitronengelb, und eine riesige Tasche mit Utensilien – eine Kamera und mehrere Notizbücher – für den Fall, dass die Journalisten, die er an diesem Tag treffen wird, langweilig sind. Es gilt also zu verhindern, dass Jamie Hince seine Tasche öffnet. Das ist hier der Spannungsbogen. Zur Begrüßung küsst der Musiker einen auf die Wange und gleich ist man umfangen von seinem Charme. Er sagt, das neue Album – über das sollen wir uns hier unterhalten wollen – ist weniger druckvoll, weniger aggressiv, als die Vorgänger, ja, da gebe er uns Recht, denn es trage eine Traurigkeit in sich. Nicht irgend eine, sondern eine ganz bestimmte Traurigkeit, in der auch eine Spur von Triumph liege. Er sagt, es ist ein Gefühl, wie das, was man hat, wenn man die Schule verlässt, oder wegzieht, sich von etwas entfernt, ein Kapitel abschließt – noch einmal um die Trennung von Kate Moss soll es hier definitiv nicht gehen.

Der Grund für die längere Killsche Schaffenspause war zudem auch nicht etwa eine anstrengende Ehe oder Alison Mossharts Ausflüge in die Kunstszene oder ihr Gesang für „The Dead Wea­ther“, sondern die vielen Handoperationen, die Hince über sich ergehen lassen musste. In einem nicht weiter definierten Kampf – also definitiv nicht mit Kate Moss! – hatte er sich nämlich seinen Ellenbogen zerschmettert, wobei sich eine Sehne entzündete, und seine Hand schließlich zu faulen begann. Die Sehne mussten sie ihm herausnehmen und durch eine künstliche ersetzten. Danach musste er erstmal wieder lernen, Gitarre zu spielen. Das dauerte. Wir wandern ein wenig durch das Hotel de Rome, vor einer Balkontür bleibt er abrupt stehen.

Mit seiner Leica fotografiert er die St. Hedwigs-Kathedrale

„Das ist ja die Zwiebel“, ruft er der Kuppel der St. Hedwigs-Kathedrale entgegen. Moment! An der Stelle muss er ein Foto machen. Und damit hat die erste Interviewerin des Tages verloren. Denn Hince öffnet seine Tasche. „Wir haben sie früher immer ,die Zwiebel‘ genannt“, sagt er, während er sich seine Leica umhängt. „Nennt Ihr sie heute auch immer noch die Zwiebel?“ Und schon fällt die Balkontür hinter dem Musiker zu.

1990 hat Hince drei Monate mit einer früheren Band im „Tacheles“ gelebt. Berlin nahm er damals als eine komplett andere Stadt wahr, sagt er. Man ging um drei Uhr nachts in eine Bar, um dort wunderschöne Menschen zu treffen, die nichts als Lumpen trugen. Wir sagen, na, so viel habe sich da nicht geändert, aber dann fährt er fort: Im „Tacheles“ wurde er häufiger mal von Skinheads überrascht, die Papierbomben nach ihm schmissen, nicht viel kaputt machten, aber verdammt laut waren. Er hauste dort gemeinsam mit einer holländischen Kabarettgruppe und einer feministischen Künstlerin, die ihren Pinsel in die Scham einer Freundin steckte, um mit ihrer Menstruation zu malen. Er tat andere Dinge um Geld zu verdienen. Er klempnerte, baute eine Bühne und spielte auch eine Show für die Rote Armee, die ihn statt mit Geld mit Gemüse bezahlte. „Das klingt alles so, als wäre es 1926 passiert, oder?“, fragt er. Dabei war es 1990. Das ist eigentlich noch gar nicht so lange her.

Es gibt keinen Teufel mehr auf dem Highway

Richtig lang her findet Hince hingegen Rock ’n’ Roll-Idiome wie „Teufel auf dem Highway“. „Was ist das?“, fragt er. 2016 spricht das keinen an. Denn es gibt ja auch keine Teufel auf dem Highway. Seine Musik, sicher, die gehört heute keiner Szene an, seine Musik, als Sparte ist sie tot, schon Anfang der 2000er war sie ein Revival. Und sicher besteht ihr Band-Inventar immer noch aus E-Gitarren-Posen, wild zerzaustem Haar, Schweiß, der in ein Martini-Glas tropft, und natürlich die performative Spannung von nie ausgelebtem Sex zwischen Alison und ihm. Und sicherlich sind ihre Lyrics auch noch immer Liebe, Sex und Tod trifft auf Frucht-Metaphern und Autofahrten durch staubige Wüsten – aber Rock ’n’ Roll posierende Wut, sagt er, die steht ihnen nicht mehr.

„Fuck the people“ war 2003 und ein wichtiger Song für sie. Heute, sagt er, würden sie so etwas nicht mehr schreiben. Hince ist nun 47 Jahre alt. Alison ist zehn Jahre jünger. Sie hat sieben Songs für das Album geschrieben, die meisten handeln von komplizierter Liebe. Er steuerte sechs Songs bei. Fuhr im Winter, bevor sie „Ash & Ice“ aufnahmen, mit der transsibirischen Eisenbahn nach St. Petersburg. Zur Inspiration.

Wilde Fantasien in der transsibirischen Eisenbahn

Nur er, seine Gitarre und wieder seine Notizbücher und seine Kamera. Vor dem Fenster zeigten sich hier keine „Zwiebeln“, sondern zwei Wochen lang ausschließlich Schnee und schneebedeckte Birken. Die längste Zeit, die er den Zug verließ, waren zehn Minuten. Und wie er da so saß und immer nur Schnee und Birken, und Schnee und Birken an ihm vorbeizogen, da musste er an Putin denken, wie er auf einem Pferd durch das Weiß reitet und kein Shirt trägt. Putin trifft dann einen anderen, einen mächtigen Mann. Beide sind jetzt nackt. Sie umarmen sich innig und Putin sagt: „Lass uns erst morgen wieder Tyrannen und Diktatoren sein. Aber diese Nacht jetzt, die gehört uns. Lass uns nur hier liegen und uns halten.“ Aus diesem eben so malerischen wie hocherotischen Tagtraum ist der neue Song „Siberian Nights“ geworden.

Hince sagt, alles was er schreibt ist irgendwie autobiografisch, immer, aber eben nicht auf den ersten Blick. Man muss also zwischen den Zeilen lesen. Zwei dominante, zwei mächtige Menschen halten sich des nachts nackt und verletzlich warm. Am nächsten Tag, da ziehen sie sich wieder an, steigen gerüstet und gelackt in die nächste Runde Machtkampf. Asche und Eis. Ein Martini und ein Vulkan. Mit irgendeiner gescheiterten Ehe hat das alles bestimmt nichts zu tun. Beim Umherwandern im Hotel hat Jamie Hince die Suite von Alison Mosshart gefunden. Er klopft, sie kommt, umarmt ihn. Ein Starbucks-Becher steht auf ihrem Tisch, diverse Sonnenbrillen liegen auf einer Kommode. Jamie probiert sie auf. Die Gelbe, die steht ihm am Besten. Eine Frage noch, bevor es zum Rauchen auf den Balkon geht: Was hält länger, die Liebe oder der Wunsch danach? Freundschaft, sagen sie. Und manche Liebe, die wird zu Freundschaft. Und dann fällt die Tür zu.

The Kills: „Ash & Ice“-Tour im Tempodrom am 22.10. um 20 Uhr