DHM

Die Krise am Deutschen Historischen Museum verfestigt sich

Das Deutsche Historische Museum ist noch immer führungslos – ein unhaltbarer Zustand. Niemand weiß, wer auf Alexander Koch folgt.

Leuchtet abends schön: Doch das Deutsche Historische Museum steckt in einer Krise. Noch weiß niemand, wer auf Alexander Koch folgt

Leuchtet abends schön: Doch das Deutsche Historische Museum steckt in einer Krise. Noch weiß niemand, wer auf Alexander Koch folgt

Foto: Paul Zinken / picture alliance / dpa

Im Film „Nackte Kanone“ gibt es eine lustige Szene, in der ein Polizist am Hafenbecken steht und durch ein Megaphon einem eng umschlungenen Paar ins Gesicht schreit: „Bitte gehen Sie auseinander. Es gibt hier nichts zu sehen“, während im Wasser wie ein Rettungsring die Kreidezeichnung eines Verbrechensopfers schwimmt. So war jetzt auch die Stimmung im Deutschen Historischen Museum (DHM). Gerufen wurde zur Pressekonferenz für die Ausstellungseröffnung von: „Immer bunter. Einwanderungsland Deutschland“, die vom Haus der Geschichte in Bonn übernommen wurde. Aber ging es wirklich darum? Natürlich nicht.

„Dazu gebe ich keine Auskunft, darf ich keine Auskunft geben“

Eigentlich hätte Direktor Alexander Koch einleitende Worte sprechen sollen, so war es Anfang Mai noch angekündigt worden. Doch es kam ganz anders. Allen Anwesenden war klar, hier war in den letzten Tagen Dramatisches geschehen: Der bisherige DHM-Präsident Koch musste nach einer Sitzung des Kuratoriums sofort seinen Posten räumen. Nach fünf Jahren wurde er unsanft vor die Tür gesetzt. Offiziell bestätigen wollte das aber bislang niemand – weder aus dem DHM, noch von Seiten der Politik. Schließlich ist der Bund – genau genommen das Haus um Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), das BKM – Träger des Hauses.

„Ich kann zu dieser Sache gar nichts sagen. Dazu gebe ich keine Auskunft, darf ich keine Auskunft geben“, sagte die stellvertretende Präsidentin Ulrike Kretzschmar – was soll sie machen? Bei der Causa Koch sind alle zu Stillschweigen verpflichtet. Persönlichkeitsschutz. Arbeitsrechtliche Gründe. Gehen Sie auseinander, es gibt hier nichts zu sehen.

Aber hinter den Kulissen des DHM merkt man die Verstörung. Die Abberufung Kochs kam schnell und heftig. Und jetzt weiß niemand aus dem Haus nichts Genaues. Eine unwürdige Situation für alle. Während der Pressekonferenz kracht und rumpelt es. „Brechen Sie das hier ab?“, fragt Hans Hütter, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik, grinsend – und meint damit: Reißen Sie jetzt ihr eigenes Haus ein? „Das hatten wir eigentlich nicht vor“, antwortet Ulrike Kretzschmar trocken. Galgenhumor. Was bleibt auch sonst?

Zeit also, außerhalb des Hauses herumzufragen. Was war nun der Grund für deb Abgang Kochs? Einerseits die Ausstellungspolitik – zu viele Übernahmen, zu viele fremde Kuratoren. Hat Koch seinen eigenen Leuten im Haus womöglich nicht mehr getraut? Es gab massive Auseinandersetzungen mit einer Vielzahl von Mitarbeitern, die Konflikte schwelten seit Jahren. Eine „eklatante Führungsschwäche“ wurde Koch vorgeworfen, seine mangelnde Kommunikation kritisiert. Das machte die Stimmung im DHM nicht besser – dementsprechend blockierten sich einzelne Abteilungen gegenseitig. Burgenmentalität. „Er hat die Streitigkeiten einfach nicht in den Griff bekommen“, so ein Kenner des Hauses.

Dass Koch nie einen Langzeitvertrag bekam, ist sicher als Indiz zu werten, dass man nicht zufrieden war mit der Art, wie Koch agierte. Angeblich enthielt sein Zeitvertrag sogar eine Auflage zur Mediation mit seinen Mitarbeitern, eben um die Stimmung im Museum zu verbessern. Geholfen hat die Klausel nicht. „Er war nicht der richtige“, heißt nun die Sprachreglung zum Abgang.

Doch wie geht es nun weiter beim DHM? Von den Beteiligten – Koch oder dem BKM – hört man kein Wort dazu. Der DHM-Chef ist freigestellt. Das Schweigen auf beiden Seiten hat juristische Gründe, denn es geht um arbeitsrechtliche Konsequenzen. Eine Klage möchte man gerne vermeiden. Das mag ja alles sein – trotzdem bleibt die Situation unmöglich. Wenn das Kuratorium, das rein politisch besetzt ist, so einen massiven Schnitt macht, dann muss man auch dazu stehen. Und sagen, wie es nun weitergehen soll. Denn durch dieses beredte Schweigen bleiben alle beschädigt zurück: nicht nur der geschasste Alexander Koch, sondern auch das DHM und im schlimmsten Fall sogar ein Nachfolger.

Egal ob nun Koch kündigt oder ihm gekündigt wird, leicht wird es für Monika Grütters nicht, eine Koch-Nachfolge zu finden – obwohl die Führung des wichtigsten deutschen Geschichtsmuseums mit einem Jahrestat von 49 Millionen Euro alles andere als unattraktiv ist. Doch natürlich hat jeder so seine Vorstellungen, auch das Haus Grütters. Eine Frau an der Spitze sei wünschenswert, heißt es. Aber so einfach geht das nicht. Bei Neubesetzung der Stelle wird vom Kuratorium zuerst eine Findungskommission eingesetzt. In diesem Jahr noch jemanden zu finden, wäre ambitioniert, heißt es im Umfeld des DHM. Vorerst also wird Ulrike Kretzschmar, die Stellvertreterin von Koch, das Haus als Interim führen.

Wer am Ende das Spitzenamt – und darum handelt es sich bei der Position im DHM – besetzt, braucht vieles: historische Kompetenz, Führungsstärke und diplomatisches Fingerspitzengefühl, um die vorhandenen Risse zu kitten. Und ein starkes Rückgrat. Denn im Haus selbst wünscht man sich jemand, der sich nicht mehr dauernd von Außen, von der Politik reinreden lässt. Eine starke Persönlichkeit also, ob Frau oder Mann, die dem DHM mit seinem erfahrenen Team und seiner wichtigen Sammlung die Stimme zurückgibt. Das DHM hätte es verdient.

Noch ein paar Worte zur Ausstellung „Immer bunter. Einwanderungsland Deutschland“. Im Zentrum steht die Arbeitsmigration nach Deutschland in den letzten Jahrzehnten: die „Gastarbeiter“ in der alten Bundesrepublik, die „Vertragsarbeiter“ in der DDR. Der Titel ist verstörend pädagogisch: Deutschland, Du Multi-Kulti-Büllerbü. Das tut der Ausstellung unrecht, die vor Ausstellungsobjekten fast platzt und die durchaus Widersprüche zulässt.

Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2. Tgl. 10-18 Uhr. Bis 16. Oktober. Katalog: 19,90 Euro