Konzert

Flashmob-Konzert mit 1000 Musikern in der Mall of Berlin

| Lesedauer: 4 Minuten
Martina Helmig
"Symphonic Mob" mit Kent Nagano in der Mall of Berlin

"Symphonic Mob" mit Kent Nagano in der Mall of Berlin

Foto: Reto Klar

950 Hobbymusiker und 50 Profis gaben ein Flashmob-Konzert im Einkaufszentrum Mall of Berlin. Die Zuschauerplätze waren voll.

Der Klarinettist richtet nervös sein Mundblättchen. Die Geigerin mit den roten Ohren lockert ihre Bogenhand. Die Sänger atmen noch einmal tief durch. Das Deutsche Symphonie-Orchester hat zum dritten Mal zum „Symphonic Mob“ aufgerufen. Musikschüler, Hausmusiker, Hobbyspieler, Profis, einfach alle folgen der Einladung, mit dem Orchester zu musizieren. „Ihr spielt die Musik!“ lautet das Motto.

Zum ersten symphonischen Flashmob vor zwei Jahren sind 400 Berliner mit ihren Instrumenten gekommen. Diesmal sind es 950. Die Rekordzahl wird sicherlich auch erreicht, weil mit Kent Nagano ein Weltstar dirigiert. Der hebt gerade den Taktstock auf der Piazza des Einkaufszentrums „Mall of Berlin“. Der frühere DSO-Chefdirigent und heutige Ehrendirigent lässt den Gefangenenchor aus Verdis Oper „Nabucco“ erklingen. Die Sänger sind mit Hingabe dabei, wechseln ganz differenziert zwischen lauten und leisen Phrasen. Nie hat man gehört, dass der Chor von so viel schwerem Blech begleitet wurde.

Wagners Pilgerchor aus dem „Tannhäuser“ wirkt nicht ganz so gestaltungsfreudig, aber die hohen Töne sitzen, und am Ende gibt es dann auch einen schönen großen Auf- und Abschwung. Die 55 Orchestermusiker sind in dem Riesenorchester kaum zu hören, und doch sind sie der Nährboden der Aufführung, weil sich die Hobbymusiker an ihnen orientieren können. Alle Altersklassen zwischen fünf und 82 Jahren sind vertreten. Die Journalistin Shelly Kupferberg moderiert charmant. Die Akustik ist nicht überall gleich. Im ersten Rang des Einkaufszentrums ist die Nachhallzeit schon recht groß.

Im Vorfeld hat das Orchester den Laienspielern viel Mut gemacht. Ihr seid Anfänger? Kein Problem, das DSO stellt auch vereinfachte Noten zur Verfügung. Kein geeignetes Orchesterinstrument? Auch nicht schlimm, bringt einfach Trommeln oder eure Oud mit. Wer gar nichts hat, kann immer noch im Chor mitsingen. Tatsächlich sind in „Berlins größtem Spontanorchester“ nicht nur rund 150 Geiger und 80 Querflötisten auszumachen, sondern auch Saxophone, Blockflöten, Mandoline, Ukulele, Panflöte und Melodica. Die originellste Mitwirkende ist wohl eine Bildhauerin aus Halle, die eine Schlangenkopfskulptur als Perkussionsinstrument benutzt. Im Rhythmus schlägt sie mit Hammer und Meißel kleine Splitter aus dem Stein, die im hohen Bogen durch die Luft fliegen.

Das Zusammenspiel klingt nicht perfekt, aber viel besser, als man erwarten würde. Das liegt daran, dass dieser Flashmob eben doch nicht ganz spontan funktioniert. Alle haben sich vorbereitet. Das Orchester hat Noten und „Play along“-Files zur Verfügung gestellt. Am Spannendsten sind die Tutorials der Orchestermitglieder auf der Internetseite. Da verraten die Profis Details über Fingersätze und Grifftechniken. Vor dem Konzert gab es noch zwei Proben. Niemand kommt also ganz spontan mit seinem Instrument vorbei.

In der Pastorale aus Georges Bizets zweiter „L’Arlésienne“-Suite gelingen auch die filigranen Passagen und zarten Flötenmelodien. Kent Nagano dirigiert den wunderbaren Riesenmob mit klaren Gesten. Auch Bizets Farandole enthält kleine Herausforderungen für Querflötisten und Trommler. Mitreißend erklingt der Marsch als markiges Ausrufezeichen. Was an Professionalität fehlt, wird mit doppelter Spielfreude ausgeglichen.

Da ist wirkliche Begeisterung und ganz viel Adrenalin im Spiel. Wer sonst nur im stillen Kämmerlein übt, ist beeindruckt vom Gemeinschaftserlebnis. Für viele Hobbymusiker hat sich auch der Traum erfüllt, einmal mit einem professionellen Orchester zu spielen. Gefangenenchor und Farandole werden mit voller stimmlicher und orchestraler Wucht als Zugaben wiederholt. Jubel rundum, und der Dirigent ruft: „So viel Energie, unglaublich!“