Friedrich-Luft-Preis

Sebastian Nübling: "Die Jugend provoziert mit Gradlinigkeit"

Der Berliner Regisseur Sebastian Nübling bekommt am Montag im Gorki-Theater den Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost.

Der Berliner Regisseur Sebastian Nübling an einem seiner Lieblingsplätze – gleich hinter der Bühne

Der Berliner Regisseur Sebastian Nübling an einem seiner Lieblingsplätze – gleich hinter der Bühne

Foto: Pressebild.de/Bertold Fabricius

Sebastian Nübling ist Hausregisseur am Maxim-Gorki-Theater, was aber nicht heißt, dass er stets in Berlin ist. Derzeit arbeitet an einem Projekt zu Melancholie mit jungen Leuten zwischen 14 und Anfang 20 in Basel, erzählt er, sein Lebensmittelpunkt ist der Süden Deutschlands. Mit der Jugend hat er es ohnehin. „Und dann kam Mirna“ ist ein Stück über die Generationen, über die „leicht orientierungslose Elterngeneration“, wie es Nübling sagt, und die Heranwachsenden, die „Ordnung und Klarheit“ schätzen. „Und dann kam Mirna“ ist die Fortsetzung von „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“, beide Stücke wurden von Sibylle Berg verfasst. Am Pfingstmontag bekommt Nüblings Inszenierung nun im Gorki-Theater den Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost als „beste Berliner und Potsdamer Aufführung des Jahres 2015“.

Berliner Morgenpost: Herr Nübling, was hat Sie daran gereizt, mit „Und dann kam Mirna“ ein Fortsetzungsstück zu machen?

Sebastian Nübling: Das war von Anfang an der Plan: Wir wollen eine lange Serie machen rund um die vier Frauen. Die Idee ist, jedes Jahr oder jedes zweite Jahr ein Stück über die namenlose Icherzählerin und ihre drei Freundinnen zu machen. Es altern sozusagen alle mit: die Figuren, die Schauspielerinnen und wir, das Publikum. Und die biografischen Sprünge, das Älterwerden bringen es mit sich, dass sich die Problemlagen verändern. Das Schöne an dieser Art der Fortschreibung könnte sein, mit den gleichen Spielerinnen eine Geschichte, einen Text weiterzudenken.

Immer mit Sibylle Berg?

Genau. Es wird immer ein Sibylle-Berg-Stück sein, und wir arbeiten während der Inszenierung immer im gleichen Team. Solange es hält.

Wo haben Sie diese vier sensationellen Mädchen her, die die Töchter spielen?

Das Gorki hat, wie jedes Theater, für Fälle, in denen Kinder besetzt werden müssen, eine Kartei mit möglichen Kandidatinnen, und auf die konnte ich zurückgreifen. Einige der Mädchen werden von Agenturen vermittelt, aber ein anderes ist die Tochter der Kantinenwirtin. Es gab eine Art Casting, aber das war im kleineren Rahmen.

Reden wir über die Jugend von heute. Mir erscheint sie, aber vielleicht ist das auch der falsche Umgang, braver als die Mädchen in Ihrem Stück.

Das Besondere an dem Text von Sibylle Berg ist, dass sie den Entwurf einer anderen Generation macht. Man hat eine vor sich hin daddelnde, leicht orientierungslose Mütter- oder Elterngeneration, deren männlicher Teil durch Abwesenheit glänzt. Das Stück verurteilt diese Elterngeneration gar nicht: Man kann sich treiben lassen, das ist eine Möglichkeit, sein Leben zu leben. Und dann kommt der Nachwuchs, der versucht, mit Ordnung und Klarheit und Zielen dagegen zu halten.

Hauptsache anders sein.

Diese Jugend provoziert mit Gradlinigkeit. Ein Junge, den ich kannte, ist in einem sehr offenen und liberalen Elternhaus aufgewachsen. Und was machte er, als er 18 Jahre alt wurde? Er ging in eine schlagende Verbindung. Er wollte sich abgrenzen.

Wie ist es zu der Zusammenarbeit mit Sibylle Berg gekommen?

Nach und nach – ich habe Texte von ihr gelesen, sie hat Inszenierungen von mir gesehen. Irgendwann haben wir uns zusammengefunden. In unserer Zusammenarbeit sind ja ihre Texte die Grundlage, die im Kolumnenstil verfasst sind. Sie positioniert sich dort, sie wird auch politisch, und sie äußert sich zu allem, was sie als ärgerlich oder falsch empfindet. Sie will provozieren und hofft damit auch auf eine Gegenreaktion. Von dieser Art von Texten gibt es nicht so viele.

Finden Sie sie eher bitter oder eher lustig?

Schwer zu sagen, ist genau die Kreuzung. Ich mag die Texte, weil sie leicht sind, so dem Leben zugewandt.

Ihre Inszenierungen haben einen eigenen Rhythmus, ist das gewollt oder irgendwie so gekommen?

Die Körperlichkeit ist für mich mitentscheidend, mich interessiert, was diese Textflächen, die ja bei Sibylle Berg nicht als Dialoge geschrieben sind, mit den Schauspielern machen: Was können sie parallel zur Textspur auf der körperlichen Ebene erzählen. Und durch die Körperlichkeit kommt auch eine Musikalität.

Der Rhythmus ist Ergebnis Ihrer Arbeit.

Ja, wir proben am Anfang recht großzügig herum. Was fällt den Leuten miteinander ein. Bei den beiden Sibylle-Berg-Stücken in Berlin wurde erst einmal eine Woche losgeprobt und mit der Choreografin Tabea Martin Material erarbeitet, das gar nicht an Texte gekoppelt war. Und so entsteht dann auch das, was mich am Theater interessiert: Dass sich Leute auch körperlich ganz anders und aus sich heraus auf der Bühne verhalten als im täglichen Leben.

Herbert Fritsch hat in einem Interview gesagt: Wenn du heute noch provozieren kannst, dann über die Form, nicht über textgetriebenes wie Volker Lösch.

Klar, Volker Lösch trägt sein Programm mit groß geschriebenen Buchstaben vor sich her, aber das ist auch in Ordnung. Das Tolle am Theater ist ja, dass es so viele Formen gibt. Mich interessieren, wenn ich ins Theater gehe, mehr so Tanzsachen, wo ich mir Mühe geben muss den Inhalt zu lesen.

Politisches Theater ist nicht Ihr Ding?

Doch, aber ich denke nicht in Kategorien, sondern in Stoffen. Das Entscheidende an meinem Job ist es, die richtigen Leute zusammenzuführen. Und ich möchte etwas machen, was mit dem heutigen Leben etwas zu tun hat. Dann kann man sehen, ob am Ende ein dezidiert politisches Stück dabei herauskommt. Aber ich denke nicht daheim über eine Liste von Themen nach, die ich unbedingt noch angehen muss.

Was ich noch unbedingt wissen muss: Spielen Sie noch Blockflöte?

Nee, die spiele ich nicht mehr.

Das ist natürlich ein Drama, Sie haben so lange durchgehalten bei einem Instrument, das ja eher mittelpopulär ist.

Mittelpopulär? Jeder lacht darüber.

Sie haben trotzdem lange durchgehalten.

Und ich habe sie auch gern gespielt. Ich hatte so eine steinalte Blockflötenlehrerin, die hat mich begeistert. Ich habe durchgehalten, sogar durch die Pubertät hindurch.

Und das auch noch als Junge.

Die einen spielten in der Band und ich halt im Blockflötenensemble.