Herbert Fritsch

"Der Senat hat mich vor die Tür gesetzt"

Herbert Fritsch wird beim Theatertreffen ausgezeichnet. Doch der Regisseur musste auch bereits einige herbe Rückschläge hinnehmen.

Regisseur Herbert Fritsch in der Volksbühne

Regisseur Herbert Fritsch in der Volksbühne

Foto: Joerg Krauthoefer

Ausgezeichnet wird beim Berliner Theatertreffen in diesem Jahr Herbert Fritsch (65). Der Regisseur und Schauspieler erhält den mit 10.000 Euro dotierten 3sat-Preis. Die Auszeichnung manifestiert den Aufschwung in seinem Achterbahnleben. Sein letztes Tief liegt knapp zehn Jahre zurück, als er Frank Castorfs Volksbühne im Unfrieden verließ und feststellen musste, dass die Welt außerhalb der Volksbühne nicht auf den Schauspieler Fritsch gewartet hatte. Er wurde zum Regisseur, inszenierte „der die Mann“, „Die (s)panische Fliege“ und „Murmel, Murmel“ in Berlin. Provokation könne heute nicht mehr über den Inhalt, so sagt er, sondern über die Form gelingen.

Berliner Morgenpost: Herr Fritsch, Sie werden im Feuilleton wahlweise als Neodadaist, Bühnen-Extremist und Anarcho-Provokateur bezeichnet. Was gefällt Ihnen am besten?

Herbert Fritsch: Der Stadelmaier von der „Faz“ hat mal „das Horror-Kasperle“ geschrieben, das hat mir gefallen.

Heute werden Sie beim Theatertreffen ausgezeichnet, was so nicht zu erwarten war. Als Sie 2007 die Volksbühne verließen, waren Sie raus aus dem Geschäft.

Und ich dachte, ich bin der King, weil ich ja schließlich an der Volksbühne gearbeitet habe. Und ich musste dann feststellen, dass an mir als Schauspieler keiner richtig interessiert ist. Durch die Zeit bei der Volksbühne war ich irgendwie stigmatisiert. Als ich eine Show in Hildesheim gemacht habe, kamen da fünf Leute zur Premiere. Das war bitter zu realisieren, wie schnell man wieder unten ist. Gut, ich habe gedacht, wenn ich schon out bin, dann gehe ich dahin, wo die Leute mich wenigstens mögen. Schauspieler wollte ich nicht mehr sein. Das ist schwer gewesen, diese Umstellung zum Regisseur. Es hat sich halt durch Zufall ergeben.

Das ist doch Irrsinn. Wenn ich Sie als Schauspieler nicht schätze, dann würde ich als Intendant alles tun, um zu verhindern, dass ausgerechnet Sie Regisseur am meinem Haus werden.

Das verstehe ich auch bis heute nicht, es hat sich alles gefügt. In Halle war ich kurz davor rausgeschmissen zu werden, weil der Hauptdarsteller sich gegen mich wandte. Der Intendant hat sich aber hinter mich gestellt, und ich habe die Hauptrolle übernommen.

Ihre Lebensgeschichte klingt wie aus der esoterischen Ratgeberecke: Du weißt nicht mehr weiter? Dann mache das, was dir wirklich Freude bereitet! Dabei erfährst du die lang ersehnte Erfüllung, und am Ende kehrst Du als König in die Hauptstadt zurück.

In meinem Leben lief alles seltsam. Als ich mit 22 Jahren vor Gericht stand, hätte es auch komplett scheitern können.

Was haben Sie als Regisseur erfahren, was Sie als Schauspieler nicht wussten?

Eine Menge. Mit so einem Schauspieler wie mir möchte ich nicht zusammenarbeiten. Und was mir als Schauspieler gefehlt hat, war die Demut. Ich hatte meine Erfolge schon gefeiert, bevor ich sie hatte. Ich habe viel abgesagt, auch große Filme, weil die Volksbühne für mich der Ort schlechthin war.

Das mit der Demut klingt ja immer ganz nett, aber Sie werden doch deswegen bewundert, weil Sie aus sich rausgehen können wie kein Zweiter.

Ich habe mich am Ende, als ich als Schauspieler an der Volksbühne aufgehört hatte, als gescheitert gefühlt. Das sage ich nicht kokett.

Frank Castorf erscheint einem mit den Jahren immer wirkungsmächtiger.

Er wird landauf, landab kopiert wird. Du siehst nur nach Castorf-Theater. Er verschwindet beinahe dahinter, das ist seine Katastrophe. Es vergeht ja keine Oper, in der nicht der Sängerin ein Eimer Blut über den Kopf geschüttelt wird. Überall laufen die Kopisten von Castorf rum, das ist die schlimmste Geisel.

Haben Sie eine Idee, wie die Volksbühne an Sommer 2017 sein wird, wenn Chris Dercon Frank Castorf abgelöst hat?

Ich werde jedenfalls nicht dabei sein. Wir hatten eine Begegnung, und da wurde mir klar, dass ich mit der Sache hier nichts mehr zu tun haben möchte. Er wird Tanz und Performances machen. Kann er machen, ist aber nichts meins.

Und wie finden Sie das?

Wenn der Kultursenator sagt, die Volksbühne muss „weitergedacht“ werden, dann finde ich das fragwürdig. In der Volksbühne wird man das sehen, was man aus dem Hau schon kennt. Ich fühle mich vor die Tür gesetzt und zwar vom Senat. Mich verletzt es, dass ich hier weggehen muss und zwar von einem ganz besonderen Haus, das produktiv ist wie kein anderes Theater in Deutschland. Mehr will ich dazu nicht sagen.

Welchen Führungsstil haben Sie?

Motivierend, Mut machen, Angst nehmen.

Das ist mal was Neues. Von außen betrachtet erscheint Theater ein autoritäres Gebilde zu sein.

Ich werde nur dann sehr bestimmt und zwingend, wenn jemand zu sehr in dem bisherigen Theater verhaftet ist. Ich kann mit einer bestimmten Form der Schauspielerei nicht viel anfangen, zumindest für meine Arbeit. Meine Arbeit ist sehr artifiziell, sehr artistisch, sehr körperbetont. Bei mir ist der Schauspieler wieder Künstler, nicht die Reproduktion eines Regietheaterregisseurs. Schauspielern wurde immer gesagt, wie doof und eitel sie sind. Dabei haben sie eine andere Intelligenz, eine körperliche Intelligenz. Und diese Gequatsche über die Eitelkeit verstehe ich gar nicht: Wenn jemand mit seinem Körper arbeitet und auf der Bühne steht, muss das als eitel rüberkommen.

Es geht nicht anders.

Dann ist Schauspielen nämlich immer eitel. Aber aus dieser Diskussion sind sie erst entstanden, diese bescheidenen Schauspieler, diese ehrlichen Schauspieler, die sind ja so wie du und ich. Was für ein Quatsch. Ich will auf der Bühne nicht den Menschen so wie du und ich sehen. Ich will einen Helden sehen, einen Traum, Menschen, die Mut haben. An Schauspielschulen wird gelehrt, dass man über eine Bühne laufen soll, als wäre sie eine normale Straße – und das ist für mich der Fehler. Auf die Bühne gehen ist nämlich etwas ganz besonderes. Wenn man auf die Bühne geht, macht man Faxen. Daher ist die erste Frage: was macht die Bühne mit mir?

Manchmal fällt einem dieses Overacting aber auch auf die Nerven.

Das ist der Ausfluss des Regietheaters. Deshalb müssen viel mehr Schauspieler auch Regisseure werden. Die wissen, was auf der Bühne Sache ist. Die Regisseuren erklären und probieren endlos, „mach mehr blau, mach mehr grün“, und dann wird rumgefummelt, bis man es endlich hat und dann sagt der Regisseur: „Ja, das ist mir jetzt zu brillant.“ Dann wird das, was gut ist, 50.000 mal wiederholt, bis es kaputt ist. Den meisten Regisseuren fehlt einfach der Theaterinstinkt. Und daher gehen bei den Schauspielern die einfachen Dingen verloren: Wie trete ich vor ein Publikum, wie bin ich anwesend auf der Bühne, wie verbeugt man sich vor dem ganzen Saal und nicht nur vor den ersten zwei Reihen? Mir ist das alles wichtig. Da bin ich ein konservativer Regisseur.

Den Wechsel zur Regie scheinen Sie nicht bereut zu haben.

Ich wollte schon immer so etwas machen wie „Der die mann“ zum Beispiel, aber die Leute wollten bei mir den Verrückten sehen, den Durchgedrehten, den Wahnsinnigen auf der Bühne.

Aber Sie haben es auch gern gemacht.

Klar. Ich habe trotzdem irgendwann gemerkt, dass dieses sich Ausziehen und sich am Pimmel ziehen, das macht jeder, das langweilt mich, dieses Skandalbedürfnis. Es ist keine Provokation mehr, es ist etwas Kalkuliertes, und ein echter Skandal ist nicht kalkuliert. Die Provokation liegt inzwischen heute viel mehr in der Form. Ich habe erst gedacht, dass ich mit „Murmel, Murmel“ provozieren werde, dass es da Aufreger gibt. So hatten wir uns darauf vorbereitet.

Das ist schief gegangen.

Das ist mir schon mal passiert, in Heidelberg bei „Was Ihr wollt“, und ich dachte, da musste ich so richtig was heftiges zeigen und habe schon bei den Proben so überdreht gespielt, dass schon keiner mehr mit mir zusammenspielte wollte. Bei der Premiere habe ich den Tumult erwartet. Und was passierte? Genau das Gegenteil, freundlicher Applaus. Da merkt man wieder: Man darf sein Publikum nicht unterschätzen, alle denken immer, die Masse ist bescheuert. Das trifft ja auch manchmal zu. Aber ich denke, man muss sein Publikum fordern.

Wenn man vorab liest, da bahnt sich ein Theaterskandal an, dann weiß man schon, wie lasch das wird.

Volker Lösch sitzt bei der Probe und sagt immer wieder: das muss ein Skandal werden, das muß ein Skandal werden.

Wir müssen die Leute aufrütteln.

Dem Bürgertum die Maske vom Gesicht reißen. Was für ein Unsinn das ist. Das Bürgertum wartet doch nur darauf.

Dafür hat es ja auch Eintritt bezahlt.

Es gibt immer die gleichen Argumentationsketten – ihr da oben, wir da unten –, seit 40 Jahren der gleiche Schwachsinn. Ich will Theater machen. Und keine Politik. Es gibt ja auch keine politischen Tischler.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.