Kiezkunst

William Wires malt das vermeintlich Banale

Berlins Hotspots reizen den Künstler nicht, ihn inspiriert die Berliner Alltäglichkeit. Und so entsteht zum Beispiel der Görli in Öl.

Seine Staffelei hat William Wires immer dabei. Und wenn ihm etwas auffällt, wie hier das Haus an der Falckensteinstraße, dann legt der Künstler los

Seine Staffelei hat William Wires immer dabei. Und wenn ihm etwas auffällt, wie hier das Haus an der Falckensteinstraße, dann legt der Künstler los

Foto: Amin Akhtar

Zwei ausgebrannte Autos vor einer Graffiti-Wand, eine Polizeikontrolle vor dem Görlitzer Park, der leere Parkplatz vor einem Discounter, eine unrenovierte Fassade, ein Wettbüro, ein Café im Wrangelkiez alltägliche Momente in Kreuzberg. Und es ist gerade diese Alltäglichkeit, die den Künstler William Wires inspiriert. Typische Berlin-Motive: bekannte Plätze und Sehenswürdigkeiten, malt er kaum. Damit trotzt er dem Trend, denn die Hotspots der Stadt, oft in grellen Farben und Acryl, verkaufen sich eigentlich gut. Aber Wires ist keiner, der mit der Mode geht und ist damit trotzdem gut im Geschäft.

Der Künstler, der selbst mit Frau und zwei Kindern im Wrangelkiez lebt, hält die scheinbar belanglosen Dinge fest. Er malt sie in Öl und verleiht dem zunächst Banalen Tiefe und Poesie. „Oft gehe ich viele Male an einem Haus oder einem Ort vorbei, ohne dass mir etwas auffällt“, erzählt der 58-Jährige, „aber auf einmal ist da ein bestimmtes Licht, ein Kontrast, eine Veränderung, und dann ist dieser Ort nicht mehr langweilig, sondern bekommt Bedeutung“.

Neuerdings gibt es Auktionen seiner Bilder im Internet

Seine Staffelei und seinen Farbkasten hat William Wires immer dabei. Seit fast 30 Jahren zieht er damit herum. Manchmal macht er auch nur eine Skizze im Notizbuch oder ein Foto und entwickelt das Bild dann in seinem Atelier. Meist malt er aber draußen, sein Motiv direkt vor Augen. Im Kiez ist er bekannt und viele Menschen bleiben stehen, schauen ihm zu, wissen etwas über das Motiv. „Was ich schon alles erfahren habe, wer wo gewohnt hat, was an welchem Ort passiert ist!“ Und wenn er einen Copyshop oder eine Kneipe malt, kommt schon mal ein benachbarter Geschäftsinhaber an: „Ach, können Sie nicht auch mein Haus malen?“ Aber darauf geht Wires fast nie ein: „Ich bin ja nicht der Maler vom Dienst.“

Beim Gespräch an der Staffelei hat Wires auch schon manchen Kunden gewonnen. Er hat immer Visitenkarten dabei, lädt Interessierte in sein Atelier in der Cuvrystraße ein. „Eine Galerievertretung habe ich nicht mehr, das hat zu wenig gebracht“, erklärt er. Mehr bringen die Postkarten, die er inzwischen von 180 Ölbildern drucken ließ und von denen bislang 100.000 verkauft wurden. Und neuerdings gibt es bei ihm auch Auktionen. Am Donnerstag stellt er ein Aquarell auf seine Facebook-Seite und lässt Interessenten nach dem Ebay-Prinzip bieten. Es gibt eine Sofortkauf-Option, dessen Preis variiert, ansonsten gilt: „Mindestgebot sind 100 Euro und am Sonntag kurz vor dem ,Tatort' endet die Auktion.“

70 Prozent seiner Szenen stammen aus Kreuzberg

Man könnte Wires als Chronisten bezeichnen, aber diesen Begriff mag er nicht. „Das klingt zu sehr nach Geschichte, dabei sehe ich mich als Gegenwartskünstler.“ Außerdem male er ja aus seiner persönlichen Perspektive, da würde sich höchstens seine eigene Biografie abbilden, aber nicht die des Kiezes. Zu seinen Vorbildern zählt Edward Hopper und tatsächlich zeigen manche Bilder Parallelen. Dieses Verlorensein, mitunter die Einsamkeit, die typisch ist für Hopper, findet sich mitunter auch bei Wires. Aber vergleichen, nein, das würde er sich nicht mit Hopper. Überheblichkeit liegt dem hochgewachsenen Mann fern.

Was ihm auch fern liegt, ist, das Klischee eines verträumten Künstlers zu verkörpern. Auf seiner Jacke findet sich keinerlei Farblecks und in seinem Atelier herrscht Ordnung statt Chaos. Der lichtdurchflutete Raum im vierten Stock ist voller bemalter Leinwände, die ordentlich aufgereiht in den Regalen stehen. Zu etwa 70 Prozent sind die Motive in Kreuzberg verortet. Aber er malt auch in anderen Bezirken und Städten. Auf seiner Internetseite hat er eine Art Inventarliste angelegt und dazu eine genaue Preistabelle. Ein Wires-Ölbild kostet je nach Größe zwischen 500 und 2000 Euro.

Er kannte Deutschland nur aus Geschichten von den 20er-Jahren

Wires ist Amerikaner, unschwer ist das an seinem Akzent zu hören, auch nach 30 Jahren in Deutschland. Nach der Schule und einem Kunststudium in Boston zog es ihn mit Anfang 20 nach Europa. Dass es ihn ausgerechnet nach Deutschland verschlug, ist kein Zufall. In dem Dorf in New Jersey, wo er aufgewachsen ist, gab es eine kleine Community deutscher Einwanderer, einige waren jüdische Immigranten. Er lernte ein älteres Ehepaar aus Süddeutschland kennen, das in den 20er-Jahren Deutschland verlassen und sich in den USA eine neue Existenz aufgebaut hatte. Die beiden betrieben eine Gärtnerei, in der Wires als Jugendlicher mitarbeitete.

Und sie erzählten viel von Deutschland, aus der Kaiserzeit, aus den 20er-Jahren. Von den beiden hat er auch Deutsch gelernt, ein altmodisches Deutsch, die Wörter geschrieben in Sütterlinschrift. „Es war wie in einer Zeitmaschine“, erinnert er sich, er fühlte sich wie auf einer Insel im alten Europa, auf der die Zeit stehengeblieben war.

Touristen kaufen selten seine Bilder – sie erkennen die Motive nicht

Als Wires dann 1980 nach Deutschland kam, fand er kaum etwas wieder von diesen Erzählungen. Gefallen hat es ihm trotzdem, also blieb er. „Es war hier damals alles so unkompliziert, Job, WG-Zimmer, das war alles kein Problem.“ Er landete zunächst in München und arbeitete dort in einer Werkstatt für Druckgrafik. Nach Berlin kam er über eine Berlinerin, die er in München kennengelernt hatte. An Berlin mochte er das Unvollkommene, das Inselartige. Er blieb, studierte Architektur an der TU und arbeitete danach für verschiedene Architekturbüros.

Gemalt hat er damals nebenbei, die Architektur stand lange im Vordergrund. Doch irgendwann verschoben sich die Prioritäten. Der Architekt lässt sich aber immer noch erkennen, schließlich gehören Häuser zu seinen Hauptmotiven. Und vor allem die Menschen, die in diesen Häusern wohnen oder gewohnt haben oder die aus anderen Gründen eine emotionale Bindung zu dem Motiv haben, kaufen seine Bilder. Touristen finden hingegen nur selten den Weg zu ihm. „Die erkennen die Motive nicht“, so seine Erklärung.

Häuser gehören zu seinen Hauptmotiven, schließlich ist er auch Architekt

Ja, die Touristen, die würden, wenn sie in Massen auftreten, schon etwas nerven. Eigentlich hat er nichts gegen sie, „ich bin doch selbst oft einer“. Er hat auch nichts gegen Veränderung, „wir sind doch nicht im Museumsdorf und ich will auch nicht eingestaubt werden“, sagt er. Aber deshalb müsse man ja nicht jede Entwicklung gutheißen. Er ärgert sich vor allem darüber, wie die Politik mit öffentlichen Flächen umgeht, wie sie sie zunehmend kommerzialisiert: „Erst war da die Idee, mehr Freiflächen und verkehrsberuhigte Zonen für die Bewohner zu schaffen. Dann wurde aber jeder Quadratmeter auf der Straße vermietet, es gab noch ein Café und noch mehr Tische draußen. Und nun beschweren sich alle darüber.“ Nicht nur die Kreuzberger, auch die Politiker selbst.

In die USA zurück? Das kann sich der Amerikaner heute nicht mehr vorstellen

Darum überlegt er inzwischen, ob er nicht mal nach 30 Jahren in einen anderen Stadtbezirk ziehen soll. Ganz weg aus Berlin, das kann er sich nur schwer vorstellen. Und in die USA zurück? Er zieht eine Augenbraue hoch: nach 30 Jahren? Nein, das würde wohl nicht gehen. Seine Heimat, die sei doch inzwischen hier, in Berlin, in seinem Atelier, inmitten von Hunderten Alltagsmotiven in Öl.

williamwires.com; www.facebook.com/William.Wires.Fine.Art/; Postkarten zum Beispiel bei Papier & Spiele, Oppelner Straße 8, Kreuzberg

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