Hinter den Kulissen

Zwölf Stunden bei „Ballet Revolución“ im Admiralspalast

Mit dem „Ballet Revolución“ gastieren junge kubanische Tänzer im Admiralspalast. Ein Blick hinter die Kulissen einer Show.

Der Zeitplan ist genau abgesteckt: Heidi Batista Garcia und Nadiezhda Valdes Carbonelli bei den Proben

Der Zeitplan ist genau abgesteckt: Heidi Batista Garcia und Nadiezhda Valdes Carbonelli bei den Proben

Foto: Krauthoefer

11:00 Vormittags genießen Tänzerinnen und Tänzer ihre wohlverdiente Pause. Das gibt Tourmanager Rainer Tominski Gelegenheit, den Bürokram zu erledigen: Gästelisten vorbereiten, Tourabrechnungen durchsehen, das Catering und die Bustransfers organisieren oder die Probenpläne fertig machen. Abends während der Show ist er die ganze Zeit auf der Bühne und protokolliert für den täglichen Showreport, wie alles läuft. „Die allgemeine Kindermädchenfunktion habe ich daneben auch noch, ich bin quasi so etwas wie der Tourpapa“, sagt Tominski. Dabei hilft ihm, dass er 15 Jahre in Lateinamerika gelebt hat, „ich spreche Spanisch und kann mich gut in die Mentalität der Kubaner hineinversetzen“.

12:15 „Wer denkt, beim Ballet Revolución wird Salsa getanzt, irrt sich gewaltig“, sagt Producer Mark Brady. Der Australier hat die Idee zu dem neuartigen Konzept gehabt. „Kubanische Shows habe ich seit zwölf Jahren gemacht, Salsa, Rumba, Cha Cha Cha“, sagt er, „aber nie ging es um das heutige Kuba – das aber wollen wir mit dieser Show endlich einmal zeigen, das Kuba von heute und das Kuba von morgen.“ Das Ergebnis ist eine hochdynamische Show, bei der den Zuschauern kaum eine Atempause gelassen wird und in der zeitgenössischer Tanz sowie Elemente des klassischen Balletts miteinander verschmelzen. „Einzigartig, deswegen nennen wir es auch ‚Revolución’“, sagt Brady.

15:05 Auf einem Stuhl am Bühnenrand sitzt Isis Amanda Schery Ramirez und überwacht mit Argusaugen das „Warm Up“ der Tanztruppe. Nach einem Studium an der renommierten klassischen Ballettschule in Havanna und einer 25-jährigen Karriere als Ballerina entgeht ihr nichts. Bei jeder Vorstellung sitzt sie im Publikum und macht sich Notizen, sobald ihr Kleinigkeiten auffallen, wird am nächsten Tag daran gearbeitet. „Die größte Herausforderung ist, die Truppe technisch fit zu halten“, sagt Ramirez, „das Showtraining zählt da noch gar nicht dazu“. Eine halbe Stunde Ballett und eine Stunde reguläres Training täglich absolviert jedes Mitglied der Kompanie. „Mit der Abendvorbereitung und der Show selbst kommt da jeder auf sechs Stunden am Tag.“

15:50 Für die musikalische Untermalung der Show ist eine richtige Liveband zuständig. Osmar Salazar ist der Bandleader und arrangiert für sein Ensemble sowohl traditionelle kubanische Rhythmen als auch Popsongs von Rihanna, Usher oder Beyoncé. „Unsere Musikauswahl gibt letztlich eine Vorstellung vom modernen Havanna,“ sagt Salazar. „Das entspricht einerseits zwar immer noch typischen Kuba-Klischees, andererseits hören die jungen Leute heute natürlich nicht nur Folkmusik. Das wollen wir musikalisch rüberbringen. Es gibt eine neue Generation, die den bekannten Rahmen längst gesprengt hat.“ Seine sieben Profimusiker klingen dabei mitunter wie ein ganzes Orchester.

16:35 Hinter der Bühne sitzt Yeleni Aguirre Camacho auf dem Boden und nimmt sich Zeit für ein paar Dehnübungen zwischen den Proben. Die Biegsamkeit der Tänzerinnen und Tänzer ist erstaunlich, aber sie müssen auch täglich daran arbeiten.

17:30 Showprobe. Wenige Stunden vor jeder Vorstellung werden Abläufe gefestigt, Choreografien angepasst oder Solonummern wiederholt. Heidy Batista García und Nadiezhda Caridad Valdes Carbonell haben eine schwierige Nummer zusammen und gehen die einzelnen Schritte noch einmal durch. Der Zeitplan für die Proben ist genau abgesteckt, daher muss konzentriert gearbeitet werden.

18:10 Mit geübten Handgriffen massiert Romniel Piñera Maza den Knöchel von Leandro Tamayo. „Eine kleine Zerrung“, sagt der Physiotherapeut, „das bekommt man wieder hin“. Maza ist ein äußerst erfahrener Therapeut, unter anderem hat er schon kubanische Olympioniken oder das kubanische Fahrradteam betreut. Seit vier Jahren ist er mit dem Ballet Revolución auf Tournee. „Die physische Belastung der Tänzer ist enorm, ich bin da hauptsächlich präventiv tätig, damit sie Probleme erst gar nicht bekommen.“ Wehwehchen und kleinere Verletzungen allerdings lassen sich in diesem Job nicht vermeiden – und natürlich weiß Maza auch dann immer, was zu tun ist.

18:50 Michael Buenen und Graham Fraser sind die Jungs an der Technik, zuständig für Licht und Sound. „Ich habe das Lichtdesign entwickelt“, sagt Buenen, „ein besonderes Augenmerk muss man bei Tanzshows dabei auf die Seitenstrahler legen“. Die nämlich verleihen den Körpern auf der Bühne Kontur und ergeben so insgesamt eine bessere Optik. „Das genau ist hier im Admiralspalast allerdings etwas trickreich, denn die Seitenöffnungen zur Bühne sind ziemlich eng.“ Auch der Sound auf der Bühne muss genau auf die Bedürfnisse der Tänzer abgestimmt sein. „Draußen soll es sowieso satt klingen, aber die Tänzer müssen die Musik auch sehr gut hören können“, sagt Tontechniker Fraser. Der eine braucht mehr Bass, der andere mehr Schlagzeug. „Inzwischen weiß ich aber, was sie wollen, sie beschweren sich eigentlich nie.“

19:20 Auf dem Schnürboden absolviert Joss Finnegan einen letzten Kontrollgang und steigt über große Kabelhaufen. „Das sind alles unsere Kabel, die sind immer mit auf Tour“, sagt der technische Leiter. Zwölf Mann zählt seine Techniker-Crew, „für den Aufbau hatten wir noch einmal 24 Leute aus Berlin zusätzlich dabei“. Mit dem Show-Equipment werden zwei große Trucks vollgeladen.

21:10 Über die am Bühnenrand bereit hängenden Kostüme wacht Faisal Sayed. „Mehr als 200 Kostüme müssen jeweils im richtigen Moment griffbereit sein, jeder Tänzer muss sich im Schnitt zwölf Mal umziehen“, sagt Sayed. Das muss ziemlich schnell gehen, deswegen sind die meisten Kostüme aus praktischen Stretch-Materialien gearbeitet. Nach der Show ist die Arbeit für Sayed aber längst nicht zu Ende, „bis zum nächsten Tag muss alles einmal durchgewaschen sein.“

22:20 Tosender Applaus, Bravorufe, Pfiffe im Admiralspalast. Kaum verbeugt sich das Ensemble nach der gelungenen Premiere von „Ballet Revolución“, erheben sich die Zuschauer für Standing Ovations – ein buchstäblich atemberaubender Abend geht zu Ende. Mit seiner energiegeladenen Performance hat das energiegeladene Ensemble die Herzen der Berliner im Sturm erobert.

„Ballet Revolución“ gastiert bis zum Sonntag im Admiralspalast, Friedrichstraße 101, Mitte. Tel. 01805-20 01, Termine: Do., Fr., Sbd. 20 Uhr, Sbd. auch 15 Uhr, So. 14 und 19 Uhr