Deutsches Theater

Junges DT mit dem Drive eines guten Musikvideos

Das Junge DT spielt den Coming-of-Age-Roman "Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf". Und der Nachwuchs überzeugt damit.

Ein Glück, ein gutes Theaterstück zu sehen. Besser noch, wenn es von jungen bis sehr jungen Menschen gespielt wird und ein sozial relevantes Thema behandelt, ohne plump belehren zu wollen.

Romy (Linn Reusse), Johnny (Thorsten Hierse) und Clint (Benjamin Lillie) haben einen Autounfall. Sie waren, betrunken und voll Drogen, auf der Suche nach ihrem Vater Theodor, der zum 25. Geburtstag der Zwillinge Romy und Clint nicht aufgetaucht ist. Theodor, erfährt man in Rückblenden, hat die Kinder nach dem Tod der Mutter allein aufgezogen. Er lebt von mittelschwerer Gangsterei und hat nur Angst vor dem Jugendamt, das etwas zu genau ins Leben dieser schrägen Kleinfamilie leuchten könnte. Mit Schulzeiten, Ernährung und Gesetzestreue nimmt er es hingegen weniger genau.

Regisseurin Anja Behrens hat zusammen mit jungen Ensemblemitgliedern und Jugendlichen des Jungen DT Antonia Baums burlesken Coming-of-Age Roman "Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren" auf die Bühne gebracht. Sie animiert geschickt gewählte Stellen des Romans, teilt die Figuren auf verschiedene Schauspieler und Zeitstränge auf. Das führt teils zu schnell geschnittenen Doppel-Duo-Szenen, in denen die jüngeren Darsteller die Sätze der älteren zu Ende sprechen und umgekehrt. Und das hat nichts von verstaubter Lehrstück-Ästhetik ("Guckt mal, wir machen hier Theater"), sondern den Drive guter Musikvideos.

Wie die Figuren ohnehin aus dem Hiphop gespeist erscheinen – seiner Drastik, seinem Flow. Cool zeigt sich diese Herkunft im Stück, wenn Reusse und Lillie beim Sprechen in den Knien federn, die Arme locker aus den Schultern pendeln lassen; etwas weniger natürlich, wenn das Ensemble zwischendurch für eine halbe Minute in Rumgebange zu Beats ausbricht. Vielleicht der einzige unnötig modische Moment des Abends.

Schnörkellose Inszenierung

Sonst kommt die Inszenierung ohne Schnörkel aus, ohne Requisiten sogar. Jessica Rockstrohs Bühnenbild besteht aus einem Klumpen Autoschrott, der grün schimmernd über den Köpfen der Spielenden hängt. Der Rest wird allein durch das junge Ensemble getragen, seine Gruppierung zu immer neuen Tableaux, von Dialogen durchbrochen. Eine auch in der Form durch und durch musikalische Aufführung.

Da stört es nicht, dass Romy – auch im Roman die Erzählerin – viel davon übernimmt, Handlungsstränge zu skizzieren. Wie aus diesen Erzählteilen immer wieder in Szenisches gesprungen wird, wie Vater Theodor mal von Hierse, mal von Lillie gespielt wird – das sind sehr gelungene Lösungen für das Problem, wie man einen Prosatext ins Theater übersetzt. Die Hassliebe der Geschwister für ihren unmöglichen Vater wird so ins Körperliche überführt, aus dem Bericht transponiert in Darstellung, in einem grundlegenden Sinn.

Theodor, der seinen Kindern nicht verbietet, mit zehn Jahren Drogen zu nehmen und wenig später auch zu dealen, sie aber auch später im Studium noch täglich anruft, um zu hören, wie es ihnen geht, ist die Überfigur, um die sich Roman und Stück drehen. Wie im Leben der drei Kinder ist ihr Vater jedoch auch in der Inszenierung immer auch halb abwesend: "Mit dir als Vater muss man den ganzen Scheiß alleine regeln, sogar Sorgenmachen um sich selbst, weil du nicht mal das für einen übernimmst", sagt Romy einmal zu ihm.

Kein White Trash

Vor allem Benjamin Lillie sorgt in seiner Theodor-Version dafür, dass diese Figur nicht wie reiner White Trash daherkommt, sondern einen lausbubenhaften Charme behält. So bleibt nachvollziehbar, dass seine Kinder ihn auch nach dem Aufdecken einer Lebenslüge nie ganz zu lieben aufhören.

Nebenbei spielt Lillie auch noch die gelangweilte Frau Sellerie vom Jugendamt und eine furiose Szene mit dem jungen, sehr guten Oskar von Schönfels auf dem Arm, in der sie gemeinsam Mitschülern gegenüber zum ersten Mal einen – wenn auch frei erfundenen – Außenseiterstolz entwickeln: "Unser Vater ist Arzt, klar? […] Wir diskutieren zu Hause die blaue Phase von Picasso, während eure Scheißeltern überhaupt nicht wissen, wer Scheißpicasso war!" Dabei verschmelzen sie fast zu einem einzigen Lebewesen.

Nicht allein das erzeugt bewunderndes Gelächter. Und am Ende gibt es zu Recht viele – nicht vorhandene – Vorhänge für das tolle Ensemble. Die Wuttkes, Rois' und Eidingers dieser Stadt sollten sich warm anziehen. Der Nachwuchs ist am Start.

Weitere Vorstellungen:

14. März 2016, 19.30 Uhr

17. März 2016, 19.30 Uhr

12. April 2016, 18.00 Uhr

28. April 2016, 19.30 Uhr

Deutsches Theater, Schumannstraße 13a, 10117 Berlin

Karten: Tel 030 28441-225

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