Philharmonie

Simon Rattles Intendant hört bei den Philharmonikern auf

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Volker Blech
Die beiden Chefs in der Philharmonie geben ihre Ämter auf: Sir Simon Rattle (r.) und sein Intendant Martin Hoffmann

Die beiden Chefs in der Philharmonie geben ihre Ämter auf: Sir Simon Rattle (r.) und sein Intendant Martin Hoffmann

Foto: dpa Picture-Alliance / Rainer Jensen / picture alliance / dpa

Martin Hoffmann wird seinen Vertrag bei den Berliner Philharmonikern 2017 beenden. Damit hört auch Simon Rattles Intendant auf.

Martin Hoffmann (56), Intendant der Berliner Philharmoniker, lässt seinen Vertrag im Sommer 2017 auslaufen. Das geschehe auf eigenen Wunsch, ist aus der Philharmonie zu hören. Im September 2010 hatte Hoffmann die Nachfolge von Pamela Rosenberg angetreten. Er ist bei Vertragsende insgesamt sieben Jahre im Amt gewesen. Das ist eine übliche Amtszeit. Von unüberbrückbaren internen Streitigkeiten ist derzeit ebenso wenig zu hören wie über seine weitere Laufbahn, über seine Zeit nach den Philharmonikern.

Aber die Zahl 2017 steht im Raum, sie steht für den beginnenden Umbruch bei den Berliner Philharmonikern. Der amtierende Chefdirigent Simon Rattle wird im September 2017 sein neues Amt als Chefdirigent des London Symphony Orchestra antreten. Was im Klartext heißt: Rattle verlegt seine gefühlte Zukunft von Berlin nach London, selbst wenn er offiziell noch bis 2018 Chef bei den Philharmonikern ist. Es ist dann bereits seine Abschiedsrunde. Martin Hoffmann wiederum ist Rattles Intendant, dass beide den Lebensschnitt zeitgleich vollziehen, ist nicht wirklich überraschend.

Der Übergang von Simon Rattle zu Kirill Petrenko

Die Philharmoniker haben sich nach einer schweren, zunächst missglückten Nachfolgerwahl im vergangenen Sommer schließlich für Kirill Petrenko (44) als neuen Chefdirigenten entschieden. Nach Rattle (61), der in den letzten Jahren zunehmend entspannter wirkte, kommt ein jüngerer Dirigent, der als brillant, verschlossen, ja künstlerisch besessen gilt. Keiner weiß genau, wie Petrenko in sein Amt hineinwachsen wird. Offiziell tritt er 2019 an, wird aber vorher schon das ein oder andere Mal dirigieren. Und er will darüber hinaus seine Verpflichtungen an der Bayerischen Staatsoper in München erfüllen und deswegen zunächst weniger in Berlin machen. Das alles klingt mühsam, und viele haben sich gefragt, ob Hoffmann der Richtige wäre, sich auf die organisatorische Selbstfindung und das menschelnde Miteinander einzulassen. Er selbst hat die Frage jetzt mit Nein beantwortet.

Die Suche nach einem passenden Nachfolger hat bereits begonnen. Mit Hoffmanns Rückzug ist heute die offizielle Bewerbungsrunde eröffnet. Es wird wieder darüber diskutiert werden, ob ein Künstlerintendant besser wäre für die Philharmoniker oder ein Managerintendant wie Hoffmann. Noch werden keine Namen gehandelt, aber es ist davon auszugehen, dass der Nachfolger stärker politisch vernetzt sein wird. Der Intendantenposten ist zweifellos ein glamouröses Amt. In der politischen wie kulturellen Hauptstadt scheint es zum guten Ton zu gehören, irgendwie mit dem Philharmoniker-Intendanten befreundet, am besten per Du zu sein. Im Gegensatz zu den meisten seiner Vorgänger gilt Martin Hoffmann als sehr zugänglich, immer offen diskutierend, immer an Projekten interessiert und vor allem als humorvoll.

Im Laufe der Jahre verstummte die Kritik

„Er wird uns helfen, die Rolle des Orchesters im 21. Jahrhundert neu zu definieren“, sagte Chefdirigent Simon Rattle bei der Vorstellung seines neuen Intendanten 2010. Bis dahin war Hoffmann, der von Hause aus Jurist ist, Vorstandschef der Fernsehproduktionsfirma MME. Der frühere Sat.1-Geschäftsführer galt als Außenseiter. In der elitären Klassikbranche rümpften manche die Nase über den Fernsehfritzen, der TV-Formate wie „Bauer sucht Frau“ oder „Richterin Barbara Salesch“ hervorbrachte. Die Kritik nahm er seinerzeit sportiv, im Laufe der Jahre verstummte sie. Als Intendant hat er es tatsächlich geschafft, zu einem vertrauten Gesicht der Philharmonie zu werden.

Aber so glamourös das Amt auch sein mag, viel Macht hat ein Intendant in der Stiftung Berliner Philharmoniker nicht. Das hängt mit der ausgeklügelten Selbstverwaltung des Spitzenorchesters durch die Musiker zusammen. Auch die Chefdirigenten haben immer wieder ihre Kämpfe auszutragen. Der Intendant trifft auf einen mächtigen Orchestervorstand. Und auch in dem Bereich, in dem Hoffmann als Spezialist gilt, ist ein selbstbewusster Medienvorstand zugange. Festzuhalten bleibt, dass die Digital Concert Hall in den letzten Jahren mehr Aufmerksamkeit errungen hat. Inzwischen haben die Philharmoniker auch ihr eigenes Label.

Er hat die Diskussion ums Kulturforum vorangetrieben

Hoffmann ist immer wieder als Vermittler in Erscheinung getreten. Er versteht es, Leute an einen Tisch zu bringen und mit schnellen, bezwingenden Argumenten, ja auch einer gewissen Ungeduld, Themen voranzubringen. Die städtische Lage der Philharmonie gegenüber vom Potsdamer Platz gilt seit der Wiedervereinigung als prekär, das Kulturforum als unattraktiv. Als Hausherr hat sich Hoffmann deutlich stärker als alle seine Vorgänger für das Leben rund um die Philharmonie interessiert. Und dabei überraschende Dinge in Gang gesetzt. Vor zwei Jahren hat er etwa das Orchester überredet, einmal auf einer Open-Air-Bühne vorm Haus zu spielen. Alle Institutionen, die am Kulturforum ansässig sind, hatten sich für ein zweitägiges Fest verabredet.

Die öffentliche Diskussion rund um das Kulturforum wollte er vorantreiben. Das ist ihm gelungen, aber Revolutionen fressen bekanntlich gern ihre Kinder. Inzwischen schmückt sich der Bund mit dem öffentlichen Diskurs im Zusammenhang mit dem neuen Museum der Moderne. Mit den Lorbeeren werden sich am Ende andere schmücken.

Der Zeitpunkt, zu dem Hoffmann seinen Abschied bekannt gibt, ist schon bemerkenswert. Morgen findet in der Philharmonie das große Sonderkonzert für Flüchtlinge und Helfende statt. Alle werden gebannt auf die drei Berliner Orchester und die namhaften Chefdirigenten schauen. Nacheinander werden die Staatskapelle unter Daniel Barenboim, das Konzerthausorchester unter Iván Fischer und die Philharmoniker unter Simon Rattle bestaunt spielen. Offenbar will Hoffmann einen unbemerkten, leisen Rückzug.