Abschied

Beatrice Knop - Die letzte deutsche Primaballerina

Die Berliner Primaballerina Beatrice Knop gibt mit „Schwanensee“ ihre Abschiedsvorstellung beim Staatsballett Berlin. Ein Porträt.

Primaballerina Beatrice Knop

Primaballerina Beatrice Knop

Foto: Reto Klar

Die Probe ist vorbei, im Foyer des Staatsballetts Berlin beginnt der Auflauf der Primaballerinen. Die Russin Polina Semionova hetzt in ihrem Mantel verhüllt vorbei. Sie sieht niemanden und will offenbar auch nicht gesehen werden. Man muss zweimal hinschauen, um sie überhaupt zu erkennen. In einer Ecke am Kaffeeautomaten steht Beatrice Knop. Alle lächeln und winken ihr zu. Und sie winkt zurück. Sie ist eine große, elegante Tänzerin, die sich etwas Mädchenhaftes bewahrt hat. Sie kann das auf der Bühne und im Leben verkörpern. In der „Schwanensee“-Aufführung heute tanzt die Semionova die verzauberte Prinzessin Odette, die in Schwanengestalt gefangen ist. Die Knop tanzt die Prinzenmutter. Die Vorstellung in der Deutschen Oper ist restlos ausverkauft. Wohl auch, weil es die Abschiedsvorstellung von Beatrice Knop ist. Sie zieht sich nach 17 Jahren als Berliner Primaballerina offiziell von der Bühne zurück.

Rückzug von der Bühne aus gesundheitlichen Gründen

Sie nippt gelassen an ihrem Kaffee. Bis Ende der Saison wird sie noch als Erste Solistin geführt und vielleicht das eine oder andere mittanzen, in der kommenden Spielzeit wechselt sie innerhalb des Staatsballetts ins Büro des Produktionsleiters. Dass sie mit dem Ende ihres Tänzerdaseins so entspannt umgeht, hängt wohl auch damit zusammen, dass der Abschied friedlich und freiwillig abläuft. Mit Ballettintendant Nacho Duato hat sie intensiv darüber gesprochen. Er habe es bedauert, sagt sie, dass er erst so spät zur Compagnie gekommen sei. Er hätte gerne noch mit ihr gearbeitet. „Ich habe ihm gesagt, dass ich es aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr schaffen werde“, sagt sie. Von Geburt an hat sie eine Hüftdysplasie, die Kugel im Hüftgelenk ist einer schnelleren Abnutzung unterworfen. Nur mit Schmerzmitteln hätte sie weitermachen können, irgendwann wäre das künstliche Hüftgelenk fällig gewesen. Das brauche sie nun wirklich nicht, sagt sie, und verdreht die Augen.

„Schmerzen gehören für die meisten Tänzer zum Leben dazu“, sagt sie. Bei den Männern ist oft der Rücken ein Schwachpunkt, bei den auf Spitze tanzenden Frauen sind es die Füße. Dass die Schönheit des Tanzes auch auf Schmerzen basiert, darauf hatte Vladimir Malakhov, der Gründungsintendant des Staatsballetts, als erster aufmerksam gemacht. Seine letzten Tänzerjahre in Berlin waren von Knieoperationen, Absagen und Auftritten unter Schmerzmitteln gekennzeichnet. Mit 46 Jahren hat er sich verabschiedet. Zu spät, wie alle wussten. Der Spitzentanz ist ein ständiger Kampf gegen die Schwerkraft. „Für die Sprünge braucht man zunehmend mehr Kraft, um leicht zu wirken“, sagt Beatrice Knop. Sie hat einmal nachgeschaut, wann bei den meisten Primaballerinen die Absagen von Vorstellungen begannen. Es war immer so um die 40.

Es bleibt die Hoffnung auf den Nachwuchs

Beatrice Knop ist im Dezember 1972 in Pankow geboren worden, aufgewachsen ist die Architektentochter im Friedrichshain. Im Prenzlauer Berg ist sie auf die Staatliche Ballettschule gegangen, 1991 hat sie beim Ballett der Staatsoper Unter den Linden begonnen. Sie ist die Primaballerina von nebenan, und eigentlich sie hat immer in Berlin gelebt. Zu ihrem Abschied erscheint eine Biografie, die den Untertitel „Die letzte deutsche Primaballerina“ trägt. Bei dem Thema wird sie etwas kühler. Um den Buchtitel gab es lange Diskussionen, sagt sie. Tatsächlich ist es so, dass es russische, amerikanische, japanische, in Berlin sogar eine mexikanische Primaballerina gibt, aber die deutsche Tradition endet heute Abend in Berlin. Das aber will Beatrice Knop nicht gelten lassen: „Ich hoffe, dass ich nicht die Letzte bleibe. Es gibt so gute Schulen in Deutschland.“

Einmal, das war 1995, hat sie die Rolle der Tatjana in „Onegin“ nach Essen verschlagen. Heute weiß sie, dass sie damals die Partie noch gar nicht füllen konnte. Sie bekam Heimweh. Ein Jahr später war sie wieder in Berlin und als Solotänzerin an der Lindenoper zu bestaunen. Die schnelle Rückwärtsrolle hat ihr nicht geschadet: 1998 wurde sie nach der Premiere als Odette/Odile im „Schwanensee“ überraschend zur Ersten Solotänzerin ernannt. Dieser Tschaikowski-Klassiker ist das Schicksalsstück fast aller großen Spitzentänzerinnen.

Beim Staatsballett hatte sie ihre besten Jahre

Zeitweilig konkurrierten in Berlin sieben Primaballerinen. „Ich habe jeder meiner Kolleginnen gerne zugeschaut. Das war für mich kein Problem, weil wir alle so unterschiedlich sind.“ Als Malakhov die erst 17-jährige Semionova holte, erinnert sich Beatrice Knop, da „konnte man gar nicht neidisch sein. Sie ist einfach phänomenal“. Es habe für sie große Bedeutung, dass Polina bei ihrem Abschied dabei ist.

Die Zeit beim Staatsballett, das 2004 innerhalb der Opernstiftung durch die Fusion der drei Operncompagnien entstand, bezeichnet Beatrice Knop als ihre besten Jahre. Malakhov stand für Aufbruch, sie war eine seiner Vorzeigetänzerinnen. Als bedrückend fand sie hingegen die Zeit der Streiks, die im letzten Jahr stattfanden. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal eine Vorstellung bestreiken würde“, sagt sie. Es hätte sie überrascht, aber auch beeindruckt, wie die jungen Tänzer etwas in Bewegung setzen. „Aber wir haben das alle nicht gerne gemacht.“

Buchpremiere: „Beatrice Knop“ von Jan Stanislaw Witkiewicz (Theater der Zeit, 18 Euro) am 24.2. um 12 Uhr im Staatsballett Berlin. Abschiedsvorstellung: Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Charlottenburg. „Schwanensee“, 24.2. um 19,30 Uhr

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.