Deutsche Oper

"Die Sache Makropulos" - ein fast filmischer Opernthriller

David Hermann erzählt in der "Sache Makropulos" an der Deutschen Oper kurzweilig über einige Probleme mit der Unsterblichkeit.

Evelyn Herlitzius als Emilia Marty (auf dem Stuhl sitzend): Am Ende der Vorstellung wird sie vom Publikum in einer selten zu erlebenden Heftigkeit bejubelt.

Evelyn Herlitzius als Emilia Marty (auf dem Stuhl sitzend): Am Ende der Vorstellung wird sie vom Publikum in einer selten zu erlebenden Heftigkeit bejubelt.

Foto: Bresadola/drama-berlin.de

Volker Blech

In der Sache Makropulos lässt Regisseur David Hermann zunächst einen merkwürdigen Erbschaftsfall an der Deutschen Oper verhandeln. Im Anwaltsbüro Kolenaty geht es um den fast hundertjährigen Streit zwischen den Familien Prus und Gregor. Dann erscheint plötzlich die berühmte Operndiva Emilia Marty und offenbart pikante Details über die Anfänge des Konflikts und den Verbleib des Testaments. Auffälligerweise gibt es in dieser Kanzlei keine Akten, Kolenaty trägt Kittel und weiße Handschuhe. Der Raum erinnert eher an eine Anstalt.

Am Ende der Premiere von Leos Janaceks „Die Sache Makropulos“ wird Evelyn Herlitzius als geheimnisumwitterte Diva vom Publikum in einer selten zu erlebenden Heftigkeit bejubelt. Die Rolle ist ihr auf den Leib und die Stimme geschneidert. Die an Wagner geschulte Sopranistin ist einfach großartig. Ihre Marty singt vollmundig, irrlichternd, getrieben. Das Publikum kann in ihr abwechselnd eine liebende Frau oder ein herzloses Monster, eine Verführerin oder ein Männeropfer entdecken. Jeder mag in dieser Frauenfigur sehen, was er sehen will. Kann sie bewundern, verachten oder bemitleiden. Das ist wohl auch das Erfolgsrezept dieser sehenswerten Inszenierung. David Hermann erzählt zwei Stunden lang in fast filmischer Kurzweiligkeit einen Opernthriller, dem man gerne folgt, und fast beiläufig öffnen sich anspielungsreich Fenster in andere Dimensionen. Der Regisseur, selbst ein Psychiaterkind, verleiht der Oper auf geschickte Weise kafkaeske Züge.

Es ist eine mitteilsame Oper mit unheimlich viel tschechischem Text

Dabei gibt es in der 1926 in Brünn uraufgeführten Oper genau genommen keine Geheimnisse. Irgendwann lässt Janacek, der sich das Libretto nach einer Komödie von Karel Capek zurecht bog, alles ausplaudern. Es ist eine mitteilsame Oper mit unheimlich viel tschechischem Text. Die Sache Makropulos ist eigentlich ein Rezept für Unsterblichkeit. Demnach gab der alte Kaiser Rudolf II. (1552-1612) seinem Leibarzt Hieronymos Makropulos den Auftrag, ein Mittel zu finden, um das Leben um 300 Jahre zu verlängern. Vorsorglich sollte der Arzt es an seiner Tochter Elina ausprobieren. Seither sind 337 Jahre vergangen, und das Rezept ist im Nachlass verschollen. Die Oper spielt in Prag 1922.

An der Bismarckstraße geistert die Marty der Evelyn Herlitzius in Zeitschleifen umher. Während in der Kanzlei das Gespräch geführt wird, läuft linkerhand im historisierenden Bühnenbild (Christof Hetzer) die Geschichte von vor 100 Jahren stummfilmartig ab. Gezeigt wird sie als Liebende, als Mutter, als Sehnsüchtige. Es ist eine der Fährten, die der Regisseur auslegt. Denn die Oper verbirgt etwas Biografisches. Der alte Janacek war in die 38 Jahre jüngere Kamila Stösslova vernarrt. Die Liebe blieb unerwidert. Für sie schrieb er sein zweites Streichquartett „Intime Briefe“, anstelle der Bratsche spielt eine Viola d’amore. Es ist in der Oper auch das Instrument für die Emilia Marty. Der Regisseur lässt sie der Liebe nachhängen, als ob jeder nur einmal in seinem Leben wirklich lieben kann.

Filmfreunde werden sich bei Inszenierung eher an den „Highlander“ erinnern

Dass Unsterblichkeit ein doofes Rezept ist, wissen Opernliebhaber längst durch Wagners „Fliegenden Holländer“, worin der düstere Seefahrer nur durch die bedingungslose Liebe einer Frau gerettet wird. Oder durch seine Kundry, die im „Parsifal“ ewig leben muss, weil sie Jesus Christus auf seinem Weg zur Kreuzigung auslachte. Und am Ende sterben darf. Der Zeitgeist mag es heutzutage menschelnder. Filmfreunde werden sich bei David Hermanns Inszenierung eher an den „Highlander“ von 1986 erinnern, in dem sich Christopher Lambert als Unsterblicher einmal auf die Liebe einlässt und seither unter dem Verlust, der Einsamkeit, der Erinnerung leidet. Hermanns Inszenierung ist eher von diesen Bilder – und wohl auch anderen Psychothrillern – beeinflusst.

Die Emilia Marty, kurz EM, springt durch ihre Identitäten als Elian MacGregor oder Elina Makropulos, durch Zeiten und Beziehungsgeflechte. Gelegentlich hat man im Zuschauerraum Probleme damit nachzuvollziehen, wer da vor auf der Bühne mit wem gerade in welcher Generation verwandt oder vertraut ist. Das Verwirrspiel gehört zum Stück. David Hermann treibt es im zweiten Akt, der an Lulu erinnert, auf die Spitze. Es ist viel Leid und Manipulation im Spiel. Jeder Mann will in ihr etwas anderes sehen und sie, wenn nötig, mit Gewalt besitzen. Der eine fordert sie als Mutter, der nächste will sie mit Liebe erpressen, der Dritte nur erobern. Im Clownskostüm erscheint der alte Hauk-Schendorf, der in ihr eine Jugendliebe wieder entdeckt. Robert Gambill schnoddert und spielt gekonnt einen ekelhaften Typen, der normalerweise Bonbons auf Spielplätzen verteilt. Marty und ihre fünf stumm leidenden Identitäten sind leibhaftig auf der Bühne Zugange, eine Art Persönlichkeitsspaltung. Man geht gemeinsam ab.

Der Schlussgag ist hübsch anzuschauen

Das Orchester der Deutschen Oper liefert unter Leitung von Donald Runnicles einen im besten Sinne Soundtrack zum Opernthriller ab. Wunderbar wird die motivische Kleinteiligkeit, der expressive Selbstfindungswille des musikalischen Materials ausgekostet. In Janaceks Klangbild hat eigentlich nichts Bestand, es gibt keine klassischen Arien oder Ensembles, aber in diesem orchestralen Fluss lässt Runnicles viel Sinnlichkeit aufspüren. Bis hin zur Schlussapotheose. Dann endlich darf die Marty bei Janacek sterben. Aber Hermann lässt es nicht zu. Seine Diva wechselt von einer Bühne zur nächsten, wo das Bühnenbild vom ersten Akt aufgebaut ist. Fortsetzung folgt. Das ist filmisch gedacht. Der Schlussgag ist hübsch anzuschauen und tut der Oper nicht weh. Das Publikum jubelt.

Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Tel. 34384343 Termine: 25., 28.2.; 27., 30.4.