Premiere

„Janacek ist der große Erotomane der Musikgeschichte“

Der Berliner Regisseur David Hermann inszeniert Janaceks „Die Sache Makropulos“ an der Deutschen Oper. Ein Porträt

Der Berliner Regisseur David Hermann im Foyer der Deutschen Oper

Der Berliner Regisseur David Hermann im Foyer der Deutschen Oper

Foto: Amin Akhtar

Ein ästhetischer Geheimniskrämer ist David Hermann, dessen Inszenierung von Janaceks „Die Sache Makropulos“ heute an der Deutschen Oper Premiere hat, mit Sicherheit nicht. Er gehört eher zu den mitteilsamen, humorvollen Regisseuren und keinesfalls zu den Um-drei-Ecken-Herumdenkern und Haderern. „Ich bin ein Themenverstärker, kein Gegenspieler“, sagt er über sein Verhältnis zu Opernstoffen. Das Inszenieren beschreibt er als einen anstrengenden Prozess, „weil man immer ganz klein vor einem Meisterwerk steht. Okay, man hat sein Team um sich, aber es bleibt eine lange Beschwörung, ein Drumherumlaufen, bis man endlich ein paar Eingänge ins Stück findet.“

An der Deutschen Oper hat Hermann, Jahrgang 1977, bereits zwei beeindruckende Regiearbeiten vorgelegt. 2012 debütierte er mit Helmut Lachenmanns „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“, es folgte Iannis Xenakis’ „Oresteia“ auf dem Parkdeck des Opernhauses. Seine temporeichen, imposanten Inszenierungen können vor allem eines: Staunen machen.

Hermann macht drei bis vier Inszenierungen pro Jahr

Dabei hat Hermann, der drei bis vier Inszenierungen pro Jahr macht, auch etwas Ungreifbares. Bislang ist er auf keinen Komponisten, geschweige denn eine Epoche oder Stil festgelegt. Er arbeitet sich quer durch die vier Opern-Jahrhunderte. Wagner macht er demnächst in Karlsruhe zum ersten Mal. „Ich habe in den letzten zwölf Jahren extrem viel ausprobiert. Teilweise sind meine Arbeiten so unterschiedlich, dass die Intendanten, die mich verpflichtet haben, vor Überraschung damit nicht klarkamen.“

Nach Berlin kam David Hermann 1997 zum Studium an der Musikhochschule „Hanns Eisler“. Er lebt heute in Mitte. Aufgewachsen ist er in Baden-Württemberg nahe der Schweizer Grenze in einer Ärztefamilie. Vater Gynäkologe, Mutter Psychiaterin. „Es war immer sehr lustig, was ich so am Mittagstisch gehört habe“, sagt er. In Basel und Zürich hatte er die ersten prägenden Theatererlebnisse. In seiner Biografie bezeichnet er sich als deutsch-französischen Regisseur, das ist ihm wichtig mitzuteilen. Seine Mutter ist Französin, er ist zweisprachig aufgewachsen.

Er glaubt, dass es auch sein Kulturbild geprägt hat. Er inszeniert sowohl in deutsch-, als auch in französischsprachigen Ländern. „Die Deutschen stellen lieber eine große Frage, eine These, in den Raum. Die Franzosen wollen eine Antwort geben und umarmen eher das Publikum.“ Hermann sagt, dass er in seinen Inszenierungen eigentlich immer beides mache. „Theater ist immer eine Verabredung, es kann auch still zugehen“, fügt er hinzu: „Das finde ich spannender als einen Skandal. Aber ich bin schon oft ausgebuht worden. Nur weiß ich manchmal nicht, warum es den Leuten nicht gefallen hat.“

Besessenheit ist wichtiger als alles Akademische

Über seine Studienzeit an der Eisler-Hochschule will er gar nicht reden. Lieber spricht er über den Berliner Regiealtmeister Hans Neuenfels, bei dem er anderthalb Jahre lang assistiert hatte. Bei ihm habe er die Besessenheit bei der Infragestellung eines Textes gelernt. Später im Gespräch wird Hermann sagen, dass ab einem gewissen Punkt das Inszenieren immer etwas Meditatives habe. Man müsse geduldig warten. Warten auf die Wahrheit. „Intelligenz und immer dranbleiben“, so Hermann, „was man immer so lernt im Studium, hilft manchmal wenig.“

Hans Neuenfels habe seine großen Themen, es gehe um Außenseiter oder um Frauenbilder. Das ist sein Position. „Neuenfels geht eher in Opposition zum Stück“, sagt Hermann, „ich versuche dagegen, ins Stück hineinzukommen.“ Aber natürlich verfügen Regisseure heute auch über ein anderes Instrumentarium. „Wir setzen viel mehr Videosachen ein, wir beleuchten anders. Die moderne Technik in den Theatern bietet heute viel mehr Differenzierungsmöglichkeiten als noch vor zwanzig Jahren.“

Das Regietheater steckt in keiner Krise

Ein bisschen Zweifel steckt in jedem guten Regisseur. Wobei Hermann abstreitet, dass die Regie, das Regietheater derzeit in irgendeiner Krise stecke. Dennoch: „Ich denke manchmal, huh, kann ich hier noch etwas wirklich Neues erzählen“, sagt Hermann: „Manche Stücke sind musikalisch so bekannt, dass beim Publikum sofort die Bilder ablaufen. Was macht es für einen Sinn, eigene Bilder dagegensetzen zu wollen. Es ist so, als würde von einem Filmstoff jedes Jahr ein Remake ins Kino kommen.“ Er fühle sich bei sperrigen oder unbekannteren Stücken wohler als im gängigen Repertoire.

Die 1926 uraufgeführte „Sache Makropulos“ gehört nicht zum Standard. „Janacek ist der große Erotomane der Musikgeschichte“, sagt Hermann: „Seine Musik hat den Sound des Körpers und des Triebes.“ Mozart sei eher für das Prickelnde, die Erotik des Blickes, der Sehnsucht. Strauss sei distanzierter, kühler. Wagner komponierte Erotik als großes Programm innerhalb seines Gesamtwerks.“ Hermann ist derjenige, der sie alle auf die Bühne bringt.

Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Tel. 34384343 Termine: 19.2. (Premiere), 25., 28.2.; 27., 30.4.