Bowie in Berlin

David Bowie: „Nirgendwo so frei gefühlt, wie in Berlin"

Zurück zu alten Zufluchtsorten: Ein Video über seine Zeit in der Mauerstadt Berlin leitete 2013 das Comeback von David Bowie ein.

Bei diesem Look ist das Jahrzehnt nicht schwer zu erraten: David Bowie 1987 beim „Concert for Berlin“ vor dem Reichstag

Bei diesem Look ist das Jahrzehnt nicht schwer zu erraten: David Bowie 1987 beim „Concert for Berlin“ vor dem Reichstag

Foto: Heinrich / POP-EYE

Das Comeback nach neun Jahren Funkstille startet er am 8. Januar 2013 mit einem Video über seine Zeit in der Mauerstadt. An jenem in Berlin von Minusgraden geprägten Dienstag verbreitet David Bowie in aller Welt eine Hommage, die ahnen lässt, dass ihm die Stadt in den 33 Jahren seit seinem Rückzug zu so etwas wie einem Ort verlorener Unschuld geworden ist. „Ich hatte mich bis dahin nirgendwo so frei gefühlt, wie in Berlin“, zitiert ihn das Musikmagazin NME. Oft, wenn auch nur kurz, ist war er seit Ende der 70er-Jahre dorthin zurück gekehrt.

Die rauhe, mysteriöse Musik von damals soll 1980 den Soundtrack für das Heroin-Drama „Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ liefern. Großproduzent Bernd Eichinger will zudem Bowie für die Schlüsselszene, einen Live-Auftritt, bei dem ihn Christiane erstmals erlebt. Aber: Mit einer Antwort lässt sich Bowie Zeit - bis Scriptautor Herman Weigel von den Dreharbeiten zu einer Besprechung ins Berliner Büro einer Plattenfirma gerufen wird. „Guten Tag, Herr Weigel, ich führe sie nach hinten“, wird er dort begrüßt. Und dort „hinten“ - Weigel muss erstmal tief durchatmen -, sitzt Bowie.

Dreharbeiten in der einstigen Stammdisko von Christiane F.

Man wird sich schnell einig, so Katja Eichinger in ihrer Biografie „BE“. Danach ging es auf Kurzbesuch zum Filmset an der Genthiner Straße in Tiergarten, wo Christiane F. in der Disco „Sound“ in die falschen Kreise geraten war. Bowie testet seine Ortskenntnisse und setzt sich persönlich ans Steuer eines uralten Opel Olympia.

Im Jahr darauf macht er seine letzten Berliner Aufnahmen. Im Hansa Studio an der Mauer, wo er 1977 „Heroes“ gesungen hatte und eines Abends voll Panik unter das Mischpult gehechtet war, weil er den Eindruck hatte, die NVA gegenüber werde jeden Moment das Feuer auf ihn eröffnen. Im Meistersaal singt er dort nun Stücke für einen BBC-Film ein, in dem er Bert Brechts Tunichtgut „Baal“ verkörpern soll. Nachts führt Bowie seinen staunenden Begleiter, den ihm die BBC für eine möglichst Brecht-getreue Musikaufnahmen mitgeschickt hat, ins Berliner Nachtleben ein. Der erzählt danach ganz hingerissen von Spelunken, in denen „die Gäste auf Zahnarztstühlen abhingen“, einem Kellerclub mit Herman Görings vergoldetem Spiegel und dem obligatorischen Besuch im Szenetreff „Dschungel“, wo Bowie mit einem „elfenhaften Jungen“ getanzt habe.

„Let’s Dance“ ist das Erfolgsalbum, mit dem er im Juni 1983 in die Waldbühne kommt. Sein nächster Berlin-Auftritt 1987 aber wird nicht wegen schmissiger Rhythmen in Erinnerung bleiben. Ein „Wetterleuchten zum Ende der DDR“ schreibt später „Der Spiegel“ über das Pfingstwochenende, an dem die Ost-Berliner Jugend aufbegehrte.

Zur 750-Jahrfeier spielt Bowie am 6. Juni beim „Concert for Berlin“ auf dem Platz der Republik, ganz dicht bei denen, die nicht dabei sein können. Ausweiskontrollen auf Ostseite nutzen nichts, immer mehr Menschen versammeln sich dort vor dem Brandenburger Tor. Drei Tage lang treten vor dem Reichstag Bands wie Genesis und die Eurythmics auf. Auch mit Blick auf die vielen Hörer im Osten strahlt der Radiosender RIAS die Konzerte live aus. In beiden Stadthälften haben Musikfans 72 Stunden lang die Finger stets nahe den Aufnahmetasten ihrer Cassettenrecorder.

Die Menschen hinter der Mauer sangen mit

„Als wir anfingen, ,Heroes’ zu spielen, hörten wir, dass auf der anderen Seite der Mauer mehrere tausend Menschen laut mitsangen“, sagt Bowie später. Ein Lied danach ruft er auf Deutsch: „Wir schicken unsere besten Wünsche zu allen unseren Freunden, die auf der anderen Seite der Mauer sind.“

In der Nacht lassen die Menschen, die den Auftritt nur hören aber nicht sehen durften, ihren Frust heraus. „Gorbi, Gorbi“ rufen sie auf der Straße Unter den Linden. Die Außeinandersetzung wird bald handfest. Ost-Berlin reagiert mit Polizeiketten, Hundestaffeln, Gummiknüppeln und vielen Festnahmen.

Aus den folgenden Jahren sind von Berlinbesuchen und den Erinnerungen von Stadt und Künstler aneinander viele Momentaufnahmen geblieben: Lange Warteschlangen bei der großartigen „David Bowie“-Ausstellung im Martin-Gropius Bau, zu der 2014 150.000 Besucher kommen. Ein triumphales Konzert 2002 in der Max-Schmeling-Halle, am Sonntag als Edmund Stoiber nicht zum neuen Bundeskanzler gewählt wird. Seine Rückkehr nach den grässlichen 80er-Jahren zu alter Klasse mit dem 93er-Album „Buddha of Suburbia“. Im CD-Booklet gelingt es einem frisch verheirateten Bowie, die Worte Roxy Music, Philip Glass, New York clubs und Unter den Linden in einen Satz zu bringen.

Dann der Auftritt mit seiner ulkigen Hardrock-Band Tin Machine 1991 im Huxley’s, wo er rauchend und - das wäre nun wirklich nicht nötig gewesen - oben ohne zur Zugabe erscheint. Und schließlich jener Januarmorgen 2013, als Bowie aus dem Nichts wieder da ist und den Comeback-Titel „Where are we now“ veröffentlicht, das Stück über seine alte Liebe, West-Berlin. Das Video zeigt langsame Fahrten entlang der Mauer und das Haus an der Hauptstraße, wo einmal „David Jones“ auf dem Klingelschild stand.

In fünf Jahren geht die Menschheit unter

Drei Jahre später: In den prächtigen Räumen des einstigen Hansa-Studios kommen am Abend des 8. Januar 2016 400 Fans zusammen, um den 69. Geburtstag Bowies zu feiern. Die Menschen strahlen. Es gibt seit dem Morgen ein neues Album, zwei von Bowies ehemaligen Berliner Tontechnikern sind da, erzählen lebhaft Anekdoten, und eine Dame in Blau raunt, sie habe früher mal was mit Bowie gehabt.

Auf der Bühne sitzt ein täuschend echter Bowie-Imitator mit Schrammelgitarre. Er singt den Klassiker „Five Years“, eine packende Hymne über den Tag, als die Menschheit erfährt, dass ihr noch fünf Jahre bis zum Untergang bleiben. Eine Menge Zuschauer singen mit, man tanzt, ruft „Five Years“ und reckt die Fäuste bei jeder Silbe in die Höhe. Es ist Freitagnacht in Berlin. In drei Tagen wird die Nachricht von David Bowies Tod auf Facebook erscheinen.

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