Film

Die Liebe in den Zeiten der Besatzung: „Suite française“

| Lesedauer: 3 Minuten
Peter Zander
Widerstreit der Gefühle: Das französische Mädchen (Michelle Williams) und der deutsche Besatzer (Matthias Schoenaerts)

Widerstreit der Gefühle: Das französische Mädchen (Michelle Williams) und der deutsche Besatzer (Matthias Schoenaerts)

Foto: X-Verleih / BM

Der Roman hat eine Entstehungsgeschichte, die betroffen macht. Die Verfilmung gerät dagegen allzu gediegen. Und erliegt dem Kitsch.

Er guckt so schön traurig. Und er spielt halt Klavier. Die Stimmung in dem französischen Dorf ist angespannt, seit die Deutschen es besetzt haben. Lucille (Michelle William) ist entsetzt, als sie sieht, wie willig Dorfmädchen sich, es gibt halt so wenig Männer im Ort, den Soldaten hingeben. Aber ist es bei ihr anders?

Im Haus ihrer gestrengen Schwiegermama (Kristin Scott Thomas), wurde ein deutsche Offizier (Matthias Schoenaerts) einquartiert. Der Protest von Madame ist anfangs auch ihrer. Aber Lucilles Ehe ist höchstens eine Vernunftehe, der Gatte in den Krieg gegen die Deutschen gezogen.

Bis er zurück ist, darf sie nicht mehr Klavier spielen. Aber das geht sowieso nicht mehr. Das Instrument steht ja im Zimmer des Offiziers. Bis der sich daran setzt. Und wunderschön spielt. Ja ja, es gibt eben auch das andere Deutschland. Das der Dichter, Denker und Feingeister. Und so verliebt sich Lucille gegen ihren Willen doch.

In den stärksten Momenten überzeugt „Suite française – Melodie der Liebe“ als Geschichte über eine Gemeinde, deren Gemeinschaft unter Druck in Angst, Neid, Auflehnung und Denunziation zerbricht. Im Mittelpunkt steht aber eine Kriegsromanze, wie wir sie leider schon oft gesehen haben.

Ganz am Anfang, immerhin, gibt es Bilder, wie wir sie noch nicht kennen. Da fährt Madame mit der Schwiegertochter aufs Land, um die Pacht einzutreiben, und dann bleibt ihr Auto in einem ross von Menschen stecken, die alle aus Paris fliehen. Bis deutsche Bomber kommen. Aber kaum sind die Deutschen im Ort, hat man das Gefühl eines permanenten Déjà-Vus. Und wenn der Offizier schließlich sachte den Klavierdeckel aufklappt, streift der Film den Kitsch nicht nur. Er erliegt ihm.

Nichts stimmt in dem gediegenen Werk des Briten Saul Dibb. Deutsche spielen Klischee-Nazis (Heino Ferch, Tom Schilling), aber auch jüdische Französinnen (Alexandra Maria Lara), Engländer (Sam Riley) Résistance-Kämpfer, eine Amerikaner und ein Belgier aber das Liebespaar. Das ist klassischer Europudding, der Aufeinanderprall zweier Kulturen geht angesichts so vieler beteiligter Nationalitäten unter.

Schade drum. Denn „Suite française“ hat ja eine starke und tieftragische Entstehungsgeschichte. Kurz nach der Besatzung hatte die jüdische Autorin Irène Némirovsky eine Romanreihe in fünf Teilen geplant, konnte aber nur die ersten beiden, „Sturm im Juni“ und „Dolce“, vollenden, bevor sie im Juli 1942 nach Auschwitz deportiert wurde und dort an Typhus starb.

Die Manuskripte wurden von ihren Töchtern in einem Koffer aufbewahrt, aber erst 2004 veröffentlicht – und zum Bestseller. Vielleicht hätte man die Genese dieses Buchs gleich (mit-) verfilmen müssen. Es wäre die spannendere und neuere Geschichte.