Berlinische Galerie

Schau über Porträtkunst: Der inszenierte Schnappschuss

Die Berlinische Galerie zeigt in ihrer Ausstellung „Das sind wir“ die heutige Porträtkunst. Fazit: Ein realer Hintergrund ist wichtig.

Loredana Nemes’ Foto „Max und Corinne“ aus der Serie „Blütezeit“ von 2012

Loredana Nemes’ Foto „Max und Corinne“ aus der Serie „Blütezeit“ von 2012

Foto: Loredana Nemes

Sein Gesicht ist jugendlich glatt, die Wangen leuchten kindlich rot. Die Haare sind streng zurückgegelt. Der junge Schüler sitzt in Anzug und roter Krawatte an einem Schreibtisch, am Handgelenk blitzt eine schwere Uhr. Er hält einen Kugelschreiber, stützt sich auf dem Schreibtisch ab und lächelt erhaben in die Kamera. Das Foto des jungen Mannes ist Teil der Reihe „Les Acteurs“ des Fotografen Michael Schäfer. Er fordert genau das: Die Darstellung eines Managers, möglichst repräsentativ, von Schülern und Schülerinnen eines Eliteinternats inszeniert. Ein Teil von Schäfers Projekt wird im Rahmen der aus neun Serien bestehenden „Das sind wir“-Ausstellung in der Berlinischen Galerie gezeigt.

Mit klassischen Porträts wird recht schnell gebrochen, nur Birgit Kleber zeigt einige. Sie fotografierte jahrelang Prominente für die Serie „Im Gespräch“ des Berliner „Tagesspiegels“. Alle Modelle posieren ähnlich, Körper leicht nach vorne, aus nächster Nähe porträtiert, die Augen scharf gestellt, der Rest verschwimmt. Die Bilder haben dadurch Wiedererkennungswert.

Im Umfeld von Prostitution und Drogenkonsum

Tobias Zielony versucht in seiner Reihe „Jenny Jenny“ eine Geschichte mit dokumentarischem Wert zu erzählen. Zwei Jahre begleitete er sechs junge Frauen in einem von Prostitution und Drogenkonsum geprägtem Umfeld. Eine blonde junge Frau in Nahaufnahme, das Gesicht durch ihre Hand, mit der sie sich ins Auge fasst, verdeckt. Das Foto ist unscharf, wie viele andere aus dieser Reihe. Es erweckt den Anschein eines amateurhaft aufgenommenen Schnappschusses aus einer Bar. Irgendwie schillernd, auch begünstigt durch das Licht von Neonwerbung und Straßenlaterne. In der derzeitigen Ausstellung werden leider nur eine Handvoll Bilder aus der Reihe gezeigt.

Amateurhaft wirken auch die Bilder von Boris Mikhailov. In der Sowjetunion gab es keine Ausstellungen des ukrainischen Fotografen, der KGB warf ihm gar Pornografie vor, weil er die Vorliebe besitzt, seine Partnerinnen sowie sich selbst nackt abzulichten. Sein Projekt „In The Streets“ gibt sich hingegen ganz züchtig. Mikhailov lebt mittlerweile in Wilmersdorf und fotografierte dort auch Rentnerpaare auf den Straßen. Ob die davon wussten?

Eine Restmülltonne steht im Hintergrund

Im Hintergrund sieht man nicht die Straßen von L.A., sondern die von Berlin mitsamt unrühmlichem Imbisswagen. Ein altes Paar läuft vorbei. Sie, schlecht gekleidet in typischem Oma-Hosenanzug mit blassrosa Blumenmuster, weißer Umhängetasche und bequem aussehenden braunen Schuhen. Er, mürrisch-eingefallener Blick, leicht nach vorne gebeugter Gang, Hände in den Taschen, besser sitzender grauer Anzug, dazu aber völlig unpassende Agentensonnenbrille. Im Hintergrund die Restmülltonne. Solche Bilder hätte der KGB bestimmt nicht verboten.

Fünf weitere Serien der Porträtfotografie werden in der Schau gezeigt. Der Ansatz ist einleuchtend, man möchte möglichst vielseitige Arbeitsweisen und Stile präsentieren. Doch hätte man interessanten Projekten wie dem Tobias Zielonys oder Verena Jaekels, die in ihren Bildern die Probleme gleichgeschlechtlicher Elternpaare thematisiert, mehr Platz einräumen können.

Porträts der Schauspielerin Natalie Portman

Stattdessen wird auch der Isländer Kristleifur Björnsson mit „My Girlfriend Natalie“ ausgestellt. Dieser zeigt allerdings keine Fotos seiner Freundin Natalie, sondern überlebensgroße Porträts der Schauspielerin Natalie Portman. Arbeitsweise: Natalie Portman bei Google eingeben, Bilder suchen, drucken und mittels Din A4 Papier ein überlebensgroßes Porträt erstellen. Damit will er Kritik üben am Umgang mit Massenmedien und Bildrechten und überhaupt. Seine Arbeitsweise sowie seine Kritik scheinen uninspiriert wie Tütensuppen. Nur noch einer, der sich über die Schnelllebigkeit und Unkontrollierbarkeit des Internets erbricht. Den Platz in der Galerie hätte man besser jemand anderem überlassen.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124-128, Kreuzberg. Bis 21. März. Mi-Mo 10–18 Uhr