Berliner Philharmoniker

Andreas Ottensamer: In der Musik geht es nicht ums Umstürzen

Der schönste Mann der Berliner Philharmoniker: Klarinettist Andreas Ottensamer ist als Virtuose gefragt. Ein Treffen im Kaffeehaus.

Andreas Ottensamer auf dr Terrasse des Café Kranzler

Andreas Ottensamer auf dr Terrasse des Café Kranzler

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Andreas Ottensamer gehört zu den Musikern, deren Lächeln man ansieht, dass sie irgendwie Spaß am Leben haben. Als Solo-Klarinettist gehört er seit März 2011 den Berliner Philharmonikern an. Und da auch in der Klassik viel Schwärmerei im Publikum herrscht, muss man gleich anmerken, Ottensamer ist der amtierende „Schönste Mann“ des Orchesters. Im Zuge des Generationswechsels hat der 26-Jährige den Solo-Oboisten Albrecht Mayer (50) und den Solo-Flötisten Emmanuel Pahud (45) darin beerbt. Ottensamer trägt die Bürde mit jungenhaftem Charme.

Was die drei Philharmoniker verbindet, ist, dass sie als Bläsersolisten eine herausgehobene Stellung haben und außerdem auf dem Plattenmarkt präsent sind. Die Deutsche Grammophon weiß ihren Exklusivkünstler Ottensamer mondän in Szene zu setzen. Kürzlich hat er als „Instrumentalist des Jahres“ den Echo Klassik 2015 verliehen bekommen. Am heutigen Mittwoch spielt er mit der Kammerakademie Potsdam in der Philharmonie. Und beiläufig leitet er das Konzert mit Werken von Telemann, Cimarosa bis Brahms und Leo Weiner.

Ein Treffen im Café Kranzler am Kurfürstendamm

Unser Gespräch findet im Café Kranzler statt, einem Café, das anno dunnemals den Kurfürstendamm geprägt hat. Ottensamer, gebürtiger Wiener, bekennt sich zur Kaffeehaus-Kultur. „Aber der Kaffee muss super sein, ansonsten macht es keinen Spaß“, sagt er: „Und natürlich muss die Atmosphäre stimmen, ein gewisser Geräuschpegel sollte da sein. Es darf keine Totenstille sein, aber man muss sich im Gespräch verstehen können.“ In einem richtigen Wiener Café wolle man Zeitung lesen und seinen Papierkram machen können. Aber in Berlin sei alles schnelllebiger als in Wien, auch was die Cafes angeht. „Berlin ist viel mehr Großstadt. Im Positiven, dass man mehr Angebot in allen Dingen hat, wie im Negativen, dass die Stadt größer und damit schwerer zu erreichen ist.“ Er lebt in Kreuzberg.

In Berlin hat Ottensamer, der einer Wiener Klarinettisten-Dynastie entstammt, eine steile Karriere hingelegt. 2010 hat er als blutjunger Solo-Klarinettist des Deutschen Symphonie-Orchesters begonnen. Ein Jahr später wechselte der virtuose Überflieger bereits zu den Philharmonikern. Am Ende des Probejahres kam die Überraschung. Die Philharmoniker lehnten ihn ab. Nach Wochen des internen Hin und Hers fand sich schließlich eine Mehrheit.

In der Zeit bekam Ottensamer seinen Exklusiv-Vertrag

Er selber tut heute so, als habe es ihn die Zurückweisung nicht getroffen. „Es war nie auf Streit programmiert. Es war einfach eine Findungsphase des Orchesters. Es war ein Prozess“, sagt Ottensamer: „Ich habe so weiter gemacht wie vorher auch. Ich sehe das Leben mit offenen Augen. Es gibt keinen Stillstand.“ Es war die Zeit, als Ottensamer seinen Exklusivvertrag bekam, gern über Fußball und Tennis redete und zugleich seine Fotos als Unterwäsche-Model diskutiert wurden. Wer hat, der kann.

Ottensamer hat inzwischen offenbar gelernt, sich freundlich zurück zu nehmen. Das macht er im Gespräch mehrfach. Dabei hält er gerade die Philharmoniker für ein extrem offenes Orchester. „Man muss sich nur mal die Biografien vieler Musiker anschauen, die auch Karrieren und Leidenschaften im nichtmusikalischen Bereich verfolgen. Mancher ist nebenbei fast ein Profigärtner, der nächste lebt halb in Italien. Es gibt circa 15 Leute, die aktiv als Dirigenten unterwegs sind.“ Also muss es innerhalb des Orchesters doch eine große Toleranz für Individualität geben.

Die Cheffrage steht für die Philharmoniker sehr selten im Raum

„In jedem Orchester wird viel diskutiert, die Frage ist, wer hat am Ende etwas zu entscheiden“, sagt Ottensamer: „In den meisten Orchestern der Welt gibt es ein Gremium bis hin zu den Geldgebern, die entscheiden von außerhalb, bei den Philharmonikern ist es so, dass wir fast alles gemeinsam entscheiden. Und es ist wie überall, je mehr Leute an Diskussionen beteiligt sind, desto länger können sie dauern.“ Die Diskussionen um den neuen künstlerischen Leiter seien sehr interessant gewesen. „Jeder durfte seine Meinung vorstellen, man hat es sich angehört, darauf regiert. Dann ging es wieder von vorne los. Und am Ende des Tages stellte sich heraus, dass der Prozess mehr Zeit brauchte als gedacht. Keiner darf vergessen, dass die Cheffrage für die Philharmoniker sehr selten im Raum steht.“ Bekanntlich endete die Wahl im Mai ergebnislos, sechs Wochen später wurde Kirill Petrenko als Simon Rattles Nachfolger wie aus dem Hut gezaubert.

Ottensamer hatte nur ein Programm unter Petrenko gespielt. Er habe sehr genau geprobt, weiß er noch, und dass er ein sehr seriöser Musiker sei. „Es kommen große Aufgaben auf ihn zu. Er soll uns seine Klangvorstellungen, seine Arbeitsweise anvertrauen. Er muss die Musiker mitreißen, er muss auch bürokratische Dinge tun.“ Ottensamer steht für die Fraktion der jungen Philharmoniker. Generationskonflikte sind aber kein Thema. „Es geht in der Musik nicht ums Umstürzen“, sagt er. Sich in den Apparat einzuarbeiten, das brauche Jahre. „Klassische Musik ist von Traditionen gefüllt, die man erlernen muss. Darüber finden sich im Orchester die Generationen zusammen.“

Kammermusiksaal der Philharmonie: Am 6.1. um 20 Uhr