90. Geburtstag

W. Michael Blumenthal - "Ich habe 'Mein Kampf' gelesen"

W. Michael Blumenthal, Gründungsdirektor des Jüdischen Museums, kehrt zu seinem 90. Geburtstag nach Berlin zurück. Ein Treffen.

W. Michael Blumenthal ist mit seiner Familie nach Berlin gekommen. Es gibt eine straffe Planung für die Sehenswürdigkeiten

W. Michael Blumenthal ist mit seiner Familie nach Berlin gekommen. Es gibt eine straffe Planung für die Sehenswürdigkeiten

Foto: Sergej Glanze / Glanze

W. Michael Blumenthal, der frühere amerikanische Finanzminister, hat in Berlin das Jüdische Museum gegründet und zu einem internationalen Vorzeigehaus ausgebaut. Im Büro, wo das Gespräch stattfindet, zündet sich der frühere Direktor erst einmal genussvoll eine Zigarre an. Er ist schon in Plauderstimmung. Mehr als zwanzig Familienmitglieder sind zu seinem 90. Geburtstag am heutigen Sonntag angereist, denen der gebürtige Oranienburger dieser Tage – wie er stolz betont – sein Berlin zeigt. Das offizielle Festkonzert für den Jubilar findet am 7. Januar im Jüdischen Museum statt.

Berliner Morgenpost: Herr Blumenthal, was muss ein Mitglied Ihrer Familie von Berlin, von Deutschland wissen?

W. Michael Blumenthal: Meine Familie kennt meine Berliner Lebensgeschichte von Anfang an sehr gut. Es sind alles Amerikaner, sie sprechen kein Deutsch. Aber sie kennen meine Geschichte mit dem Jüdischen Museum. Sie wissen, dass ich gerne nach Berlin komme, Ehrenbürger geworden bin. Als meine Frau fragte, wo wir meinen 90. Geburtstag feiern wollen, kamen wir schnell auf mein Berlin.

Was werden Sie Ihnen zeigen?

Meine Frau hat ein Programm aufgesetzt. Wir haben uns das Mauermuseum an der Bernauer Straße angesehen, wir waren im Reichstag, wir haben ein Bach-Konzert im Dom besucht, natürlich waren wir im Jüdischen Museum. Einen Tag fahren wir nach Dresden. Den Geburtstag feiern wir im Kreis der Familie im „Hotel de Rome“, wo alle übernachten.

In den 30er-Jahren war das Geschäft Ihrer Eltern am Olivaer Platz 10.

Das Haus ist heute, weil im Krieg die Eckbebauung verloren ging, die Nummer 17, und es ist ein Schokoladengeschäft drin. Meine Mutter hatte damals ein Geschäft mit Damenmoden. Als Kind dachte ich immer, es ist ein riesiges Geschäft, heute finde ich es klein und niedlich. Aber es war groß genug, um die Familie anständig zu ernähren. Im ersten Jahr nach der Eröffnung haben wir dort auch gewohnt, dann sind wir um die Ecke an den Kudamm gezogen.

Ihre Familie hat das Geschäft nach der Reichspogromnacht 1938 aufgeben müssen?

Es ist meiner Mutter weggenommen, gestohlen, arisiert worden. Es ist weitergeführt worden von einer nicht-jüdischen Angestellten.

Hatte Ihre Familie nach dem Krieg wieder Kontakt zu Dora Hahn, die den Laden übernommen hatte?

Ich nie. Dieses Fräulein Hahn hatte einen Freund, der war Rechtsanwalt, ein Nazi und in der Partei. Bis 1937 wollten meine Eltern, die aus einer jahrhundertealten Brandenburger Familie stammten, gar nicht weggehen. Aber dann wurde es brenzlig. Meine Mutter hatte bereits einen sowieso schon geringen Preis mit Dora Hahn ausgehandelt. Wir brauchten das Geld für die Schiffspassagen. Dann kam die Reichspogromnacht und die Zwangsarisierung.

Wie lief die ab?

Es gab keine Verhandlungen mehr. Der Vertrag durfte nur noch unter Aufsicht der Gestapo gemacht werden, weil ja die Nazis behaupteten, dass die Juden immer schummeln und die armen Nichtjuden ausquetschen, um ihren Diebstahl zu rechtfertigen. Es kam also einer vom Staat, schaute in die Bücher meiner Mutter und sagte, das Geschäft ist genauso viel wert wie die ausstehenden Rechnungen für die Waren. Meine Mutter konnte also nur noch Auf Wiedersehen sagen und mit Nichts nach Hause gehen. So wurde den Juden das Geld weggenommen. Wir sind mittellos nach Shanghai gefahren.

Sind Ihre Eltern dafür entschädigt worden?

Nach dem Krieg hat meine Mutter eine Wiedergutmachung eingereicht. Das war nicht einfach, denn in den vielen Behörden saßen noch ehemalige Nazis. Die haben sich hinter bürokratischen Schranken verkrochen. Man musste etwa beweisen, dass jemand gestorben war. Aber wie macht man das, wenn er in der Gaskammer ermordet wurde und es keinen Todesschein gab. Dann konnte man nichts machen. Frau Hahn war noch da, und ach, plötzlich fanden alle die Nazi-Zeit ganz schrecklich.

Im Januar soll Hitlers „Mein Kampf“, dessen Urheberrecht nach 70 Jahren abgelaufen ist, in einer kommentierten Ausgabe erscheinen und auch in Schulen behandelt werden können.

Es ist okay, obendrein wenn es kommentiert ist. Ich bin ein Mensch, der glaubt, dass man Menschen keine Informationen vorenthalten kann. Ich bin gegen Zensur. Ich habe „Mein Kampf“ gelesen, mehrere Male sogar. Den Wahnsinn sollen die Leute ruhig lesen. Es ist ein Buch voller Idiotien, es klingt heute völlig verblendet. Kein vernünftiger Mensch kann das Buch lesen und sagen, ja, das stimmt.

Sind Sie da nicht ein bisschen sehr optimistisch?

Rechtes Gedankengut gibt es sowieso, ich glaube nicht, dass da „Mein Kampf“ zusätzlich gefährlich ist.

Sie haben das 20. Jahrhundert einmal beschrieben als den Gegensatz von Großmut und Grausamkeit, Fortschritt und Rückschritt.

Das liegt in der menschlichen Natur. Im 20. Jahrhundert hat man es wieder deutlich gesehen. Der menschliche Geist ist zu wunderbaren Taten fähig, zur Barmherzigkeit, zur Weisheit, zur Kultur. Denken wir nur an Beethoven oder Botticelli. Andererseits schlagen sich Leute gegenseitig tot. Wir sehen das gerade an Syrien. Viele sorgen sich, was dort passiert und bedauern die Menschen. Und wenn sie dann flüchten müssen, will kein Land sie reinlassen.

Es erinnert an Ihre eigene Familiengeschichte?

Ja, es ist mir gut bekannt. Deswegen bewundere ich, dass die Bundeskanzlerin, die eigentlich politisch immer sehr vorsichtig handelt, angesichts der Krise spontan gesagt hat: Wir nehmen die Menschen auf. Das ist eine große Geste. Und dass sich bei Einwanderern immer Schwierigkeiten ergeben, ist überall so. Auch in Amerika, wo jeder irgendwann eingewandert ist. Als die Iren einwanderten, wollten die Einheimischen sie nicht. Später haben sie Amerika sehr bereichert. Dann kamen die Italiener oder die Juden aus Osteuropa. Irgendwann werden alle Teil der Gesellschaft und nicht mehr als Bedrohung wahrgenommen. Ich denke, drei bis vier Millionen Menschen werden jetzt nach Deutschland kommen. Es gibt eine Übergangsperiode von zehn bis fünfzehn Jahren, aber dann werden die Flüchtlinge Deutschland sehr bereichern. Deutschland ist längst ein Immigrationsland geworden, und da die Bevölkerungszahl absinkt, müssen junge Leute von außen kommen, damit das soziale Netz erhalten bleibt.

Was macht die Weltpolitik gerade falsch?

Ich glaube, die Politiker wissen, was zu machen ist. Sie haben nur oft nicht den Mut, es zu tun. Mut ist überall eine Mangelware, aber in der Politik besonders. Politiker pirschen sich nicht gerne nach vorne, sie wollen erst genau wissen, was der Bürger will. Und dann brüllen sie laut: Das will ich. Ich glaube, wir leben in einer Periode, in der sich das Leben mit rasanter Geschwindigkeit ändert. Denken wir nur an die Entwicklung der Technologie. Jeder ist mit jedem verbunden. Der Beduine in der Wüste kann nach New York telefonieren, mit den Jets können wir heute überall hinfliegen. Dafür sind viele Jobs weggefallen. Viele Grenzen lösen sich auf. Man kann sich nicht mehr wie früher abschotten. Als ich zum Beispiel Kind in Berlin war und ein Chinese über die Straße lief, habe ich mich umgedreht und ihn fassungslos angestarrt. Das war etwas ganz Besonderes. Wenn heute eine Mutter in der U-Bahn zu ihrem farbigen Kind in bestem Deutsch sagt: Putz dir die Nase, dann drehe ich mich auch wieder um, weil ich das aus meiner Kindheit gar nicht gewohnt bin. Das große Problem ist, dass die Politik der Technik hinterher hinkt. Die Institutionen, die Parlamente, können sich nur langsam bewegen. Die Technik ist schneller, die Diskrepanz macht unser Leben so kompliziert.

Das betrifft doch aber weniger die Krise im Nahen Osten?

Dort gibt es das Problem, dass eine Gesellschaft, die noch im Mittelalter lebte, plötzlich ins 21. Jahrhundert bugsiert wurde. Die Milieus kommen mit den Veränderungen nicht klar: Dass man plötzlich das Gesicht einer Frau sehen darf oder man den Menschen nicht mehr die Hände abhackt, weil sie etwas geklaut haben. Ein Teil der Menschen, die jetzt Bomben werfen, kommen mit der Entwicklung nicht mehr klar. Sie wollen zurück ins Mittelalter.

Sie haben unter drei Präsidenten gedient, bei Jimmy Carter waren Sie Finanzminister. Unser Bild von amerikanischen Präsidenten ist von Hollywood geprägt. Wie sind sie wirklich?

Präsidenten ziehen sich am Morgen genau so die Hosen an wie wir. Man denkt als Außenstehender immer, die wissen schon, was sie machen. Wenn man hinter die Kulissen guckt, dann sieht man, dass es nicht immer ganz so ist. Natürlich hat ein Präsident mehr Möglichkeiten, um Informationen zu bekommen. Er hat gute Berater. Präsidenten sind meist auch intelligente Menschen, ehrgeizig und sie können auch ein großes Ego haben.

Wie mächtig ist ein Präsident?

Er hat sehr viel Macht, er ist Präsident, Oberbefehlshaber, Kopf seiner Partei. Alles kommt auf ihn zu. Aber wir sind eine Demokratie, er ist kein König oder Diktator. Er muss mit allen Seiten verhandeln, diplomatisch sein. Mir ist aufgefallen, dass Präsidenten sehr schnell altern, weil sie unter so großem Druck stehen. Das kann man sehen, wenn man sich den jungen Barack Obama vor acht Jahren ansieht. Es ist ein anstrengender Job.

Wie war die Zeit als US-Finanzminister für Sie?

Es war eine wichtige Erfahrung, man hat viele Möglichkeiten. Aber man ist andauernd vom Secret Service umgeben und hat keine Privatsphäre mehr. Wenn sie in ein Restaurant wollen, dann gehen vorher sechs Leute mit Knopf im Ohr rein, um zu sehen, ob alles sicher ist. Ich war froh, als das zu Ende war.

Sie haben einmal gesagt, dass das deutsch-jüdische Verhältnis davon geprägt ist, dass Juden misstrauisch sind und viele Nicht-Juden von Schuldgefühlen geplagt werden.

Das war vor 20 Jahren noch mehr so. Ich bin selbst überrascht, wie schnell sich das verändert hat. Heutzutage gibt es die dritte und vierte Generation nach der Shoah, die damit unbelasteter umgehen kann. Aber ich erlebe beispielsweise immer noch, wenn ich etwas Kritisches zur Jüdischen Gemeinde in Berlin sage, wo intern ja unschöne Dinge passieren und man sich gegenseitig die Schuld zuweist, dass Außenstehende meinen, sie dürften so etwas nicht laut sagen. Aber warum eigentlich? Umgekehrt denken viele Juden, wenn ein jüdischer Bürger kritisiert wird, der andere muss ein Antisemit sein. Solche Ansichten müssen sich auf beiden Seiten noch normalisieren.

Ist der Antisemitismus, wie es viele Terrorakte auch in Europa vermuten lassen, international zunehmend?

Das hat mehr mit den jungen Leuten aus dem Nahen Osten und mit Israel zu tun. Das Anti-Israel-Problem wird oft mit Antisemitismus vermischt. Dabei kann man Israel kritisieren, ohne ein Antisemit zu sein. Ich kritisiere auch manchmal die israelische Politik, deswegen bin ich kein Antisemit. Ich glaube nicht, dass unter deutschen Bürgern der Antisemitismus größer geworden ist. Und bei uns in Amerika auch nicht.

Die Generation der Holocaust-Überlebenden wie der Täter und Mitläufer verabschiedet sich gerade.

Den Holocaust werden die Leute nicht vergessen, er wird aber keine so zentrale Rolle in der Erinnerung spielen und auch nicht mehr von Schuldgefühlen belastet sein. Die Schoah ist ein dunkler Teil der westlichen, insbesondere der deutschen Geschichte für Hunderte, wenn nicht für Tausende Jahre. So wie die Kreuzzüge zur Geschichte gehören oder die Schwarze Pest. Darüber reden die Leute noch Jahrhunderte später und ziehen Lehren daraus. Die Schoah bleibt ein einmaliges Ereignis und darf deshalb nicht vergessen werden.