Berliner Staatsoper

Und die Sanduhr, sie rinnt: Dieter Dorns "La Traviata"

Die Staatsoper hat zwar schon eine "Traviata". Jetzt hat Dieter Dorn aber noch eine inszeniert. Mit einer überragenden Sonya Yoncheva.

Und Prosit: Alfredo (Abdellah Lasri ) und Violetta (Sonya Yoncheva, vorn in der Mitte) beim Ständchen „Libiamo“. Vorn auf dem Soufflierkasten die Kamelie der Dame

Und Prosit: Alfredo (Abdellah Lasri ) und Violetta (Sonya Yoncheva, vorn in der Mitte) beim Ständchen „Libiamo“. Vorn auf dem Soufflierkasten die Kamelie der Dame

Foto: Eventpress Hoensch

Warum eigentlich braucht die Staatsoper eine neue „La Traviata“? Die alte von Peter Mussbach stammt von 2003. Ja, es gibt manches an ihr auszusetzen, vor allem, dass man damals Unter den Linden auf den günstigen Plätzen nichts gesehen hat. Und doch funktionierte das Konzept, die Edelprostituierte Violetta als strahlende Außenseiterin auf eine verregnete Straße nach Nirgendwo zu stellen, ganz gut.

Die neue „Traviata“ von Dieter Dorn im Schillertheater geht ästhetisch erst mal einen Schritt zurück. Das war nicht anders zu erwarten, schließlich steht Dorn, der über Jahrzehnte in München die Kammerspiele und später das Residenztheater leitete, für feinfühliges psychologisches Theater.

Rückschau im Angesicht des Todes

Für Berlin hat er jetzt eine ziemlich zeitlose Inszenierung geschaffen, immer am ursprünglich von Giuseppe Verdi geplanten Titel „Liebe und Tod“ entlang. In pausenlosen 130 Minuten erzählt er die Geschichte von Violetta, die sich wider alle Vorsätze verliebt, aber an den Konventionen scheitert und an Tuberkulose stirbt, aus ihrer Sicht: als Rückschau im Angesicht des Todes.

Der grinst hier als fratzenhafter Schädel durch den zersprungenen Spiegel im Hintergrund. Fratzenhaft, weil er aus sechs Tänzerinnen gefügt ist, weiße, hagere Gestalten, die sich immer mal wieder an Violetta ranmachen und ihr signalisieren, dass ihre Zeit abläuft. So wie der Sack, aus dem weißer Sand zwischen Schreibtisch und Lotterbett rieselt.

Der Chor singt klasse und steh viel herum

Dass diese Bühne kein realer, sondern ein fiktionaler Raum ist, macht das runde Podest klar, auf dem alles arrangiert ist und das sich bis an die Rampe schiebt – anders als in der Mussbach-Inszenierung sieht man auch auf den günstigen Plätzen alles. Die halbrunde Wand löst mit ihren vielen Türen vor allem die Aufgabe, den großen Chor unfallfrei auf- und abtreten zu lassen.

Hier wartet Violetta zum Beginn der Ouvertüre auf ihr Ende. Die setzt erst ein, nachdem Katharina Kammerlohers Annina eine Kamelie auf den Souffleur-Kasten gelegt hat wie auf einen Grabstein – Verdi und sein Librettist Francesco Maria Piave schufen die Oper nach Alecandre Dumas Theaterrührstück „Die Kameliendame“. Übergangslos wird das Fest daraus, auf dem sich das übliche Dekadenz-Personal entsprechend benimmt. Der Chor singt hervorragend und steht viel herum.

Barenboim kennt die Schwächen seiner Sänger genau

Schon hier zeichnet sich ab, was Daniel Barenboim mit seiner Staatskapelle gute zwei Stunden lang demonstrieren wird: Die Gesellschaft ist kalt und grausam,. Entsprechend hart gellt es zunächst aus dem Graben, eine Kampfmusik, die später herrlichem Wohlklang weicht. Barenboim kennt die Stärken und Schwächen seiner Sänger genau, dröhnt nie über sie hinweg, sondern bettet sie weich.

Wobei er sich bei Sonya Yoncheva keine Sorgen machen muss. Wenn sie will, kann sie das ganze Haus zusammenbrüllen. Das tut sie auch. Eine selbstbewusste Noblesse-Göre, die sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt, auch nicht durch irgendwelche Liebesschwüre. Aber sie kann auch Töne klingen lassen, als kämen sie aus dem Nichts – oder als seien sie aus tiefster Verzweiflung geboren.

Der Tenor verrutsch in den Registern

Wie im Duett mit Alfredos Vater Giorgio, dem Simone Piazzola herrlich menschliche Töne abringt, ein Wunder an Nuancierung – was seine Forderung an Violetta, für die Heiratschancen seiner Tochter auf Alfredo zu verzichten, noch zynischer macht. Denn alles an Piazollas Körpersprache verraten sein verbales Mitgefühl als Pose.

Sein Sohn allerdings ist auch niemand, den man einer Frau an den Hals wünscht. Abdellah Lasris Alfredo tappst als wohlgenährtes, schüchternes Muttersöhnchen zwischen der Festgesellschaft umher. Als er Violetta seine Liebe gesteht, guckt sie nur leicht genervt. Das könnte aber auch daran liegen, dass Lasri einem mal die tenoralen Töne um die Ohren knallt und ihm mal das Register verrutscht. Oft klingt das angestrengt, um ein paar Spitzentöne mogelt er sich auch erfolgreich.

Am Ende verschwindet die Titelheldin einfach

Womit man noch stärker an Violetta dran bleibt, der bei Yoncheva jegliche Schwindsüchtigkeit abgeht, die aber durchaus eine junge Frau von heute ist, eigensinnig, leidenschaftlich, selbstbewusst. Nur gegen Ende prallt diese Zeitgenossin etwas brutal auf das kitschige Ende,. Dorn, dessen kluge Psychologisierungen vorher meist aufgingen, fällt hier auch nicht mehr ein, als Violetta und Alfredo die Umarmung zu verweigern und alle nebeneinanderstehen und –singen zu lassen.

Am Ende lässt Dorn die Titelheldin nicht auf der Bühne zusammenbrechen, sondern durch den Spiegel entschwinden, während sich alle verdutzt umschauen. Ist Violetta jetzt da, wo sie von Anfang an hingehörte? Oder funktionierte sie nur als Projektionsfläche des braven Bürgertums? Als Kommentar zur Verlogenheit der schönen Frauenopferung ist dieser Schluss zu schwach.

Staatsoper im Schillertheater, Bismarckstr. 110, Charlottenburg. Tel: 20 35 45 55. Nächste Termine: 22., 25., 27., 31. Dezember

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