Film

Schmachten mit Mia Wasikowska: „Madame Bovary“

An Verfilmungen von Flauberts Klassiker mangelt es nicht. Diese hier handelt einmal nicht von Literatur, sondern von Geschichte.

Tiefe Entfremdung: Frau und Herr Bovary (Mia Wasikowska, Henry Lloyd-Hughes)

Tiefe Entfremdung: Frau und Herr Bovary (Mia Wasikowska, Henry Lloyd-Hughes)

Foto: Warner Bros.

Wer dogmatisch am Geist der Romanvorlage hängt, wird diesem Film wenig abgewinnen können. Denn Gustave Flauberts „Madame Bovary“ von 1857 erzählt bestenfalls eine ähnliche Geschichte wie die französisch-amerikanische Regisseurin Sophie Barthes.

Natürlich: In beiden trägt die Titelheldin denselben Namen, und beidesmal geht es darum, dass diese einen französischen Landarzt heiratet, an dessen Seite in der französischen Provinz vor Langeweile bald verzweifelt, Trost bei wechselnden Liebhabern sucht, sich in ihrer Sucht nach kostspieliger Kleidung und Inneneinrichtung alsbald dramatisch verschuldet und am Ende keinen Ausweg mehr sieht. Und doch ist es, als würde diese Erzählung von zwei so unterschiedlichen Stimmen vorgetragen, dass die Unterschiede schwerer wiegen als die Parallelen.

Denn Flaubert hat mit seiner Emma Bovary ja deshalb Literaturgeschichte geschrieben, weil er mit ihr eine Hauptfigur ersann, die den einfühlenden Leser mit seinem Wunsch nach Identifikation immer wieder brüsk zurückwies.

Seine Emma ist eine nicht allzu sympathische, launenhafte, immer wieder zutiefsMillt lächerliche Figur, die in der personalen Erzählhaltung des Romans immer auch wie eine Fremde erschien, deren Gefühle und Entscheidungen man nur wie durch Milchglas nachvollziehen konnte.

Aufbruch zur Emanzipation

„Madame Bovary“ ist ein kühles und zutiefst ironisches Buch, gerade darin liegt seine Modernität. Es handelt eigentlich von Kunst, vom Roman und seinen Ausdrucksformen, und erst in zweiter Linie geht es um die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen, um ihren langsamen und schweren Aufbruch auf dem Weg zur Emanzipation im 19. Jahrhundert.

Wollte man sie bewusst missverstehen, dann könnte man Sophie Barthes nun vorhalten, dass sie sich um die ästhetische Dimension des Buches wenig schert. Aber dabei würde man übersehen, dass sie es nur vom Kopf auf die Füße gestellt hat – und sich zu allererst für die Sozialgeschichte des Bürgertums der damaligen Zeit interessiert, für seine Rituale, Sitten und Gebräuche.

„.Gerade weil ich den Realismus zutiefst verachte, habe ich diesen Roman geschrieben“, sagte Flaubert. Sophie Barthes liebt den Realismus. Und davon lebt dieser Film sehr gut. Von einer Hauptdarstellerin (Mia Wasikowska), die in ihren Kostümen ebenso eingeschnürt wirkt wie in ihrem Leben.

Von all den ungeschriebenen Gesetzen der Etikette, die das Leben zwischen den Geschlechtern strukturierten. Von Männern, die in ihren Frauen wahlweise Trophäen oder Dienstmägde sahen, und von Frauen, die das immer weniger zu akzeptieren bereit waren und sich die Freiheit zu nehmen begannen, die ihnen zustand.

Von dieser Wegscheide handelt dieser Film, und er tut es mit ruhiger Stimme, mit guten Darstellern (etwa auch Henry Lloyd-Hughes als Charles Bovary) und mit grandiosen Bildern aus der Normandie. Es ist ein guter Film, der nicht von Literatur handelt, sondern von Geschichte.