Berlin-Konzert

Richard Hawley ist der Morrissey der Arbeiterklasse

Richard Hawley treibt im Neuköllner Heimathafen zwischen Melancholie und Leichtigkeit - ein Working-Class-Morrissey ohne eitles Pathos.

Richard Hawleygibt sich unprätentiöse

Richard Hawleygibt sich unprätentiöse

Foto: Steve Gullick / Mute Records

Was ist eigentlich aus Britpop geworden? Dieser Generation Beatles-Erben, Flagschiffe: Oasis, Pulp und Blur? Zerwürfnisse, Neustarts oder stures Weitermachen. Die Epoche, als Songs wie „Wonderwall“, „Common People“ oder „Girls & Boys“ state of the art waren, scheint jedenfalls vorbei. Richard Hawley war mal nah dran an dieser Welt der großen Gesten: ein alter Freund von Jarvis Cocker, dann aber doch nur Tour-Gitarrist bei Pulp. Zu wenig entspricht er vielleicht dem dekadent-androgynen, wahlweise pöbeligen Bild eines britischen Popstars.

Auch im gut gefüllten Heimathafen wirkt Hawley – Brille, angedeutete Tolle, Jeansjacke zur Jeans – eher wie ein Tankstellenbesitzer. Was für ein Arbeiterkind aus Sheffield hoffentlich als Kompliment durchgeht. Immer wieder zieht er dazu beim Singen die Augenbrauen hoch. Das lässt ihn verloren aussehen. Der Junge damals in der Schule, der immer einen Tick zu sensibel war für die coolen Kerle. Vor der Bühne drängelt sich, passend dazu, eine Männermehrheit, Typ kernige Melancholiker: Altpunks, BWLer, dürre Rocker. Erstmal aber jault „Which Way“ los: unerwartet krachiger Pub Rock. Schon bei „Tonight the Streets are ours“ wird stark gejubelt. Eine kleine Hymne aufs Durchhalten in miesen Zeiten.

Hawley spricht mit dem Publikum, als sitze man eben zusammen auf ein paar Pints in seiner Stammkneipe. Dieser breite, freundliche Akzent. Und wenn geklatscht wird reckt er den Daumen hoch, ein Working-Class-Morrissey, ohne dessen narzistisches Pathos. Standing at the Sky’s Edgefolgt, ein schwergängiger Stampfer, düster um sich selbst kreisend, voller Feedbacks und rumpelnder Drums. Hawley lässt den letzten Akkord dröhnen und schaut ernst in den Saal, als könne er selbst nicht ganz glauben, was er da mit seiner Band für Lärm produziert.

Insgesamt stehen ihm die warmen auch Crooner-Balladen besser, wenn er den Scott Walker gibt – streicherseelig, barritonig. „I still want you“ ist so eine Nummer. Klare Message, klarer Refrain: “Until the sun goes cold, / No need to breathe all alone”. So was muss man sich erstmal trauen, zumal nach Elvis Costellos „I want you“ von 1986, mit dem man dachte, das Thema wäre, zumindest intensitätsmäßig, abgehakt. Costello steht bei nicht wenigen Stücken Pate, vor allem bei der Gesamtkonzeption: Überraschung. „Now for something completely different“, sagt Hawley und lässt auf eine zögernde Pianoballade, für die er extra um Ruhe gebeten hat, einen brätzend assymetrischen Blues folgen. Lärm-Soli auf der Rickenbacker, alle Hubschrauber-Effekte angeschmissen. Nicht radiotauglich. Gut so.

Nur Hawleys angenehm mangelnde Coolness will nicht immer zur Musik passen. Dann klingt „Leave your Body behind you“, als würde der Hausmeister des Gebäudes, wo sie mal einen Probekeller hatten, einen Song von Pulp nachspielen. Oder „Coles Corner“, das in ungebrochenen Metaphern badet („Lonelyness hangs in the air”). In „Open up your door” hat Hawley jedoch, trotz Baukasten-Reimen („smile / in a while“), doch noch einen Cinemascope-Moment: Frank Sinatra entsteigt soeben einem 80er-Pop-Gesundheitsbad. Mitsing-Refrains galore. Und das schöne „There's a Storm a Comin'“ verwandelt innerhalb von 3 ½ Minuten Melancholie in Leichtigkeit.

Zum Schluss ist Hawley sichtlich gerührt vom lang anhalten Applaus. Da muss er sich mal kurz die Nase putzen. Dann sagt er „Stop it!“ und das Publikum gehorcht. Er grinst. „I fuckin love Berlin“. Morgen spielen sie in Paris, sagt er. Man solle ihnen Glück wünschen. In drei Tagen dann sei er zurück in Sheffield. Hawley seufzt: „Ah – Sheffield.” Aber vielleicht kann ja nur dort so unprätentiöse Musik geschrieben werden.

© Berliner Morgenpost 2019 – Alle Rechte vorbehalten.