Gastspiel

Schaubühne in Paris: Nicht absagen, unbedingt machen!

Am Schauplatz des Terrors: Das Berliner Theater ist derzeit mit gleich zwei Stücken zu Gast in Paris. Ein Stimmungsbericht.

Foto: Jan Pappelbaum

Alle schauen derzeit nach Paris. Wie geht es nach den Anschlägen weiter in der stolzen, leidgeprüften Stadt? ­Gelingt es, sein Leben einigermaßen normal weiterzuleben? Die Berliner Schaubühne kann das gerade vor Ort studieren.

Sie ist gleich mit zwei Produktionen auf Gastspiel in der französischen Hauptstadt: Yasmina Rezas „Bella Figura“ wird seit Donnerstag und noch bis 29. November im Théâtre Les Gémeaux gespielt, „Ödipus der Tyrann“ nach Sophokles/Hölderlin seit Freitag und noch bis 24. November – als Teil des „Festival d’Automne“ – im Théâtre de la Ville.

Mit 96 Mann vor Ort

Außerdem probt Milo Rau, weil sonst zu wenig Probenzeit wäre, hier auch sein neues Stück – mit dem ­bezeich­nenden Titel „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“. Und mit all den Technikern ist die Schaubühne derzeit mit 96 Mann in der Stadt. „Das ist eine große Unternehmung, die wir da gerade machen“, bekennt Thomas Ostermeier, der Künstlerische Leiter der Schaubühne, der ebenfalls vor Ort ist, am Telefon.

Die Gastspiele waren von langer Hand vorbereitet. Die Vorführungen sind seit Monaten ausverkauft. Gab es je einen Moment, wo man überlegt hat, das Ganze zu verschieben? „Nein, wir haben keinen Augenblick daran gedacht“, sagt Ostermeier mit Nachdruck. Natürlich habe man sich mit den französischen Partnern beraten, wie diese darüber denken.

Ein Akt der Solidarität

„Aber von denen“, sagt der 47-Jährige, „kam noch viel stärker die Energie: Auf keinen Fall absagen! Unbedingt machen!“ Die Techniker sind unmittelbar am Tag nach den Anschlägen nach Paris geflogen, die Schauspieler kamen einen Tag später. Alle sind mit Freuden aufgenommen worden. „Dass da ein Theater aus dem Ausland spielt“, analysiert Ostermeier, „wird als Akt der Solidarität wahrgenommen.“

Kurz hatte der Künstlerische Leiter die Sorge, dass einige Zuschauer ihre Karten zurückgehen lassen könnten. Das Gegenteil war der Fall: „Die haben eher angerufen und wollten wissen, ob die Vorstellungen auch wirklich stattfinden.“ Selbst an den Premierenabenden standen noch Leute vor den Häusern, auf der Suche nach Tickets.

Je näher dran, desto weniger Hysterie

Natürlich gibt es Sicherheitsvorkehrungen am Eingang. Aber das nehmen die Zuschauer eher als etwas Beruhigendes zur Kenntnis. Und das ist das Schaubühnen-Team, so traurig das auch klingen mag, durchaus gewöhnt: von Gastspielen in Israel und Palästina oder selbst in Moskau.

Aber: „Je näher man dran ist an den Orten des Schreckens“, so Ostermeiers Erfahrung, „desto geringer ist die Hysterie.“ Er habe, was die Wahrnehmung über die Medien angehe, viel mehr Angst um das, was gerade in Deutschland passiere.

Kann man jetzt Komödie spielen?

Mark Waschke steht abends mit Nina Hoss in „Bella Figura“ auf der Bühne. Der neue Berliner „Tatort“-Kommissar, den wir in einem anderen Pariser Hotelzimmer erreichen, hat sich insgeheim gefragt, ob das jetzt das Richtige sei: eine Komödie zu spielen.

Dabei wird Yasmina Rezas neues Stück hier noch viel interessierter aufgenommen, ist Reza doch Pariserin, die ihr neues Werk aber in Berlin, an der Schaubühne hat uraufführen lassen. Die Pariser sehen es jetzt also erstmals in der Regie von Thomas Ostermeier, mit dem deutschen Blick auf französische Gegebenheiten.

Wichtig ist, Haltung zu zeigen

Und auch wenn es scheinbar um europäische Mittelstandsneurosen geht: Eigentlich, so Waschke, „wird hier genau das Leben gefeiert und reflektiert, das von den Terroristen attackiert wurde.“ Letztlich sei es aber völlig sekundär, was sie hier spielten, ob Shakespeare oder Reza.

„Es ist einfach enorm wichtig, Haltung zu zeigen: Wir machen weiter!“ Auch Ostermeier hatte Bedenken, eine Komödie zu zeigen. Das Publikum habe sie aber weggewischt. „Die haben ostentativ gelacht, als ob sie demonstrativ zeigen wollten, dass sie Freude am Leben haben.“

„Da pochte mein Herz“

Jule Böwe wünschte sich, sie würde auch in einer Komödie mitspielen. Sie aber wirkt in „Ödipus der Tyrann“ mit. Und fragt sich, ob eine Tragödie nicht noch mehr herunterziehe. Vor der Premiere gab es eine bewegende Rede des Theaterleiters, dann eine Schweigeminute für die Opfer des Terrors. „Da pochte mein Herz“, gesteht die Schauspielerin. Als sie dann mit dem Text von König Kreon loslegen sollte, „hörte es gar nicht mehr auf zu pochen.“

Wie ist das, unter diesen Umständen zu spielen? „In dem Moment, wo gespielt wird, wird gespielt“, sagt Waschke. „Da ist keine Zeit, an andere Dinge zu denken.“ Jule Böwe widerspricht: „Das fühlt sich schon anders an. Das Gefühl, dass Theater ein Dialog mit dem Zuschauer ist, verstärkt sich.“ Dass die Reaktion aus dem Publikum intensiver ist, das empfindet aber auch Waschke so.

Endlich in einen Austausch treten

Jule Böwe hatte bislang noch keine Zeit, in die Stadt zu gehen. Dass will sie jetzt, nach der Premiere, nachholen. Bei „Ödipus“ spielen sie vor einer Gaze-Wand, da bekomme man das Publikum gar nicht mit. Danach gebe es Applaus oder ein Merci. „Ich will aber endlich in einen Austausch treten.“

Waschke war schon in Bistros und Cafés. Und hat den Eindruck, dass es gerade eine ganz andere Offenheit gibt, eine Lust, zusammenzukommen, sich zu begegnen. Auch Ostermeier empfindet das so: dass alle es wertschätzen, dass man sich jetzt in Paris aufhält und mit ihnen das Leben teilt. Eine bei allem Terror auch irgendwie sehr beglückende Erfahrung.