Kultur

Die Nazibraut und der Flüchtlingsjunge

Robert Neumann inszeniert „Kriegerin“ am Grips Theater

Gegenwärtig sind die Stoffe im Grips Theater ja immer, das gehört zum Grundverständnis dieser Bühne. Die neueste Uraufführung verdient sogar das Prädikat tagesaktuell: Robert Neumann inszeniert „Kriegerin“ – nach dem gleichnamigen Film von David Wnendt mit Alina Levshin aus dem Jahr 2011 – am Mittwochabend war Premiere am Hansaplatz. Die Autorin Tina Müller hat die Bühnenfassung erstellt und die Flüchtlingsproblematik dieser Tage mit eingearbeitet. Anders als im Film steht nicht mehr die „Kriegerin“, die 18-jährige, rechtsradikale Marisa im Zentrum, sondern das Ensemble.

Scheckheftgepflegte Pistole mit Wehrmachtstradition

Jeder Schauspieler übernimmt mindestens zwei Rollen, spielt gewissermaßen Opfer und Täter. So ist Titeldarstellerin Alessa Kordeck als stets gewaltbereite Nazibraut Marisa zu sehen – und als die Geflüchtete Niku. Lorris Andre Blazejewski verkörpert den grundsympathischen, schlagfertigen Flüchtlingsjungen Rasul, außerdem Markus aus der Fascho-Gang. Und Paul Jumin Hoffmann spielt sowohl Rasuls Bruder Jamil als auch den Obernazi Sandro. Dem wird eine Pistole vom Rechtsextremisten Clemens (René Schubert), der nicht nur für Wehrsportübungen, sondern auch die ideologische Indoktrination der Gruppe zuständig ist, mit den Worten angeboten: „Damit hast du die besten Argumente immer auf deiner Seite. Die ist echt. Walther P38. 1938 in der Wehrmacht eingeführt. Scheckheftgepflegt“.

Marisa will ihren Freund Sandro vom Kauf abhalten. Ihr rechtes Bewusstsein bröckelt bereits, außerdem ahnt sie wohl, dass Sandro die Pistole auch benutzen wird, um die Disziplin in der Gruppe durchzusetzen. Zudem ist die Waffe teuer. Clemens verlangt Barzahlung, denn: „Seh ich aus wie ein Jude? Oder warum glaubst du, dass du bei mir einen Kredit kriegen könntest?“

Ungewöhnlich harte Töne im Grips Theater, aber ein weichgespültes Stück über Nazis wäre unglaubwürdig. Und die angepeilte Zielgruppe, Zuschauer ab 14 Jahren, dürften damit keine Probleme haben.

Den Gegenpart zu den Rechten bildet die Gruppe um Jana, Olek und Meret. Sie betreiben Parkour, das möglichst effiziente Überwinden von Hindernissen. An der Imbissbude von Warda (Regine Seidler) legen sie gern eine gemüsefreie Falafel-Pause ein. Dort treffen sie auch auf die Jungnazis.

Silke Pielsticker hat eine Art Upcycling-Bühnenbild geschaffen: Ein Baugerüst mit Planen, die umgehängt werden, um neue Räume zu schaffen – das Leben ist gestaltbar. Als zentrales Requisit dient eine multifunktionale Imbiss-Lebensmittelmarktkasse-Flüchtlingsschlafbox-Kiste. Antinaturalistisch die Ausstattung von Jan A. Schroeder: Falafelbällchen, Zigaretten, Computer – alles aus Alu­folie geformt, die Supermarktkassiererinnen ziehen sich Plastiktüten über, die Nazis sind mit Farbe kenntlich gemacht.

Regisseur Robert Neumann inszeniert mit schnellen Schnitten, den Charakteren hätte mehr Raum zur Entfaltung durchaus gut getan. So ist Marisas Wandel vom Nazi zur Flüchtlingshelferin nur bedingt nachvollziehbar. Sie bezahlt schließlich die Schlepper, damit Rasul nach Schweden weiterflüchten kann. Top aktuell: Das Land hat gerade wieder Grenzkontrollen eingeführt.

Grips Theater, Hansaplatz, Tiergarten. Termine: 13., 24.–26.11./Karten: 397 47 477