Literatur

Judith Holofernes - "Tiere haben es schon besser raus"

Mit "Wir sind Helden" wurde die Berliner Judith Holofernes bekannt. Nun hat sie ein Lyrikbuch geschrieben. Ein Treffen in Kreuzberg.

Judith Holofernes: „Wir haben sehr viele schöne Sachen mit ,Wir sind Helden’ erlebt. Aber jetzt erlebe ich eben andere schöne Sachen“

Judith Holofernes: „Wir haben sehr viele schöne Sachen mit ,Wir sind Helden’ erlebt. Aber jetzt erlebe ich eben andere schöne Sachen“

Foto: Reto Klar

Judith Holofernes, früher Sängerin von „Wir sind Helden“, einer der erfolgreichsten Bands des Landes, hat sich auf ruhigere Wege begeben. 2013 veröffentliche sie ein Solo-Album. Jetzt ist im Tropen-Verlag, aufwendig illustriert, ein Band mit Tiergedichten von ihr erschienen. Kein wilder Rockstar-Roman, keine Alltagsstories aus dem Kreuzberger Kiezleben, nein: Gedichte über Marabus, Kühe und Lemuren. Wir trafen Holofernes in einem Café nahe Südstern und sprachen mit ihr über Lyrik und Songwriting, über Humor, das Bewusstsein von Hunden und wie man die eigene Karriere runterkocht.

Berliner Morgenpost: Frau Holofernes, nach der bislang letzten Platte von „Wir sind Helden“ und einem Soloalbum erscheint nun ein von Ihnen Gedichtband. Wie kam’s dazu?

Judith Holofernes: Als wir mit „Wir sind Helden“ eine Pause eingelegt haben, habe ich angefangen, neue Songs zu schreiben, so halb bewusst, gar nicht im Hinblick auf eine Soloplatte. Und eben Tiergedichte. Das hat sich so ergeben. Dann wurden mir auf meinem Blog von Lesern Tiere vorgeschlagen, die ich bedichten sollte.

Ihre Fans haben also mitgemacht?

Ja, von der Leserschaft kam hin und wieder ein Tier. Und dann hab ich ein Konzert mit der Band „Die höchste Eisenbahn“ gespielt, da ließ ich mir Tiernamen zurufen, von jemandem aus dem Publikum die Ohren zuhalten und während die Band ein Lied spielte hab ich ein Tiergedicht geschrieben. In 3 ½ Minuten. Das war eine ziemlich hohe Wette, weil ich so was noch nie gemacht hatte. Aber auch sehr lustig.

Entstehen Ihre Gedichte also nicht geplant?

Viele sind einfach so rausgeflossen und ich habe erst danach verstanden, was sie über mich oder jemand anderen sagen. Im Prinzip haben die sich selbst geschrieben. Aber auch die stärksten Songtexte entstehen, finde ich, wenn man erst im Nachhinein versteht, was man da gemacht hat.

Hatten Sie von vornherein den Plan, daraus ein Buch zu machen?

Ein Buch wäre es wohl nicht geworden, wäre nicht schnell klar gewesen, dass Vanessa Karré so tolle Zeichnungen dazu machen kann. Den Band haben wir gemeinsam entworfen. Ein extrem aufwendiges Spaßprojekt.

Aber warum ausgerechnet Tiere?

Erstmal hat es mich amüsiert, so ein Korsett zu haben. Das bringt paradoxerweise viel Freiheit ins Schreiben. Und Tiere gehen nicht so schnell alle, das ist ein riesengroßes Spielfeld. Und Tiere sind einfach sehr geeignete Träger für Humor. Die Komik, die darin besteht, dass sie sich selbst nicht komisch finden. Wie bei Buster Keaton. Diese Ernsthaftigkeit, mit der Tiere völlig bekloppte Sachen machen, ist einfach witzig.

„Die Kuh denkt nicht / Sie weiß“ heißt es in einem der Gedichte.

Wenn alles gut ist, geht’s den Tieren besser als uns. Weil sie ganz im Moment sind. Wenn es keinen Grund zum Leiden gibt: einfach mal nicht leiden. Andererseits sind sie ihrem Leiden aber auch stärker unterworfen als wir. Sie haben keine Wahl. Das ist dem Menschsein wohl nicht vorzuziehen.

Also weder noch?

Naja – wenn man sich mal so einen Hund anguckt, der im Sommer mit der Nase am Asphalt beim Café draußen liegt, und daneben den Menschen mit seinem Laptop oder einem Freund, den er gar nicht mag – dann haben’s die Tiere schon besser raus.

Wie haben Sie entschieden, welche Gedichte ins Buch kommen?

Unter Schmerzen. Vanessa und ich haben versucht, Kategorien zu unterscheiden, haben Vieles wieder rausgeschmissen. Nach dem Motto: Drei von den ganz kurzen, die mir zugeflogen sind beim Spazierengehen, reichen – dann will ich aber auch drei drin haben, die eine Tiefe und Schönheit haben. Dann haben wir zusammen bei mir auf dem Boden gesessen und alles hin und her geschoben. Das war hochkomplex. Gedichte-Tetris.

Haben Sie auch Vorbilder in der Lyrik?

Ich habe eine lang zurückreichende Beziehung zu komischer Lyrik. Und alle komischen Dichter, die ich schätze, haben auch Tiergedichte geschrieben: Morgenstern, Robert Gernhardt, Heinz Erhardt auch. Insofern ist das auch eine Hommage an ein Genre.

In Ihrem Band wird viel gereimt. Das ist - oder war - in der aktuellen Lyrik ja eher verpönt.

Aber ich muss mich ja nicht als Gegenwartslyrikerin behaupten! Deswegen ist das alles so lustig für mich. Weil ich nichts muss, weder reimen noch nicht-reimen. Das ist vielleicht sehr altmodisch gedacht. Meine Vorbilder sind ja auch keine aktuellen. Und ich reime natürlich, weil ich vom Groove herkomme. Es ist viel schwieriger, einen guten Groove zu erzeugen, wenn man nicht reimt. Außerdem tragen einen Reime beim Schreiben oft in Richtungen, die man semantisch erstmal für unmöglich hielt.

Wie läuft der Schreibprozess ab bei Ihren Songtexten, wie bei Gedichten?

Gedichte gehen meist viel schneller. Bei manchen habe ich mir vorgenommen, die schreib ich bis heute Abend zu Ende. Andere haben mich hinterrücks mit der Keule über den Kopf geschlagen, mitten in der Nacht, und ich musste fünf Mal das Licht wieder anmachen und was notieren.

Und sonst, außer der Geschwindigkeit?

Der Hauptunterschied zum Songwriting ist für mich die offene Form. Ich bin popmusikgeprägt und mache Lieder mit einigermaßen klaren Strukturen. Bei einem Gedicht kann ich nach vier Zeilen beschließen, dass das fertig ist. Oder behaupten, dass es noch zwölf weitere Strophen braucht. Und ich kann viel rumprobieren: Hab ich eigentlich schon ein Haiku, hab ich ein Sonett? Das hat eine wahnsinnige Freiheit. Da geht eigentlich alles.

Gibt es auch Rückkopplungen zwischen Gedichten und Songs?

Ich würde gerne mal Songs schreiben, die nur aus zwei Vierzeiler-Strophen und einen Refrain bestehen. Das schaff ich nur nie, ich kann immer nicht aufhören. Rio Reisers „Land in Sicht“ zum Beispiel hat nur zwei kurze Strophen und einen wunderschönen Refrain. Fertig. Songs zu schreiben, die so stark und dicht sind wie Gedichte, das wäre sehr reizvoll.

War das ein Runterkochen, dieser Weg von der Band zur Solo-Platte zum Buch?

Ja, klar. Erfolg ist schön, er ermöglicht vieles, bringt auch die Freiheit, Dinge so zu machen, wie man sie machen will. Aber wenn man ihn dann nicht in diese Freiheit umsetzt, ist er auch für’n Arsch. Und das ist eben meine Umsetzung.

Fiel Ihnen das leicht?

Nein. Ich war der Band extrem verbunden, ich bin total froh über die Zeit mit ihr. Aber wenn man halbwegs schlau ist und nett zu sich selbst, dann sieht man den Punkt, an dem man Sachen gehabt hat und sie nicht wiederholen muss. Ich weiß, was schön ist am Erfolg, und was schwierig, und dass es sich nur mühsam aufwiegt.

Was ist denn so schwierig am Erfolg?

Druck. Wahnsinnig viel Druck. Es gab mal einen Moment, da sagte mir jemand: einfach nur zu schreiben, was ich will, das könnte ich mir nicht mehr leisten, da hingen Arbeitsplätze von ab.

Im Ernst?

Absolut. Das war der Moment, wo mir der Löffel aus der Hand fiel und ich dachte: Entschuldigen Sie, ich muss mich mal kurz sortieren. Ich glaub, ich muss was anderes machen. Ich will nicht undankbar klingen – es war der helle Wahnsinn mit den „Helden“. Wir haben sehr viele schöne Sachen erlebt. Aber jetzt erlebe ich eben andere schöne Sachen.

Und – fühlt sich das Leben jetzt besser an?

Jetzt bin ich endlich da, wo ich mich immer hingehörig gefühlt habe – so’n Alternative-Künstler. Mit meinem Köfferchen und meiner Ukulele loszuziehen und Lesungen zu machen. In der Summe geht das für mich viel besser auf.