Tanz

Ein mörderisch hohes Tempo beim Staatsballett

Als neuer Intendant des Staatsballetts wird Nacho Duato nur gescholten. Aber so wie in seinem neuen Programm kann es gern weitergehen.

Staatsballett-Berlin poto Yan Revazov

Staatsballett-Berlin poto Yan Revazov

Foto: Yan Revazov

Zwei neue Exponate für das Duato-Kylián-Gedenkmuseum namens Staats­ballett Berlin gab es am Donnerstagabend in der Deutschen Oper zu sehen. Erneut ein Abend der kurzen Stücke, wie gefühlt etliche Male seit Nacho Duatos Amtsantritt als Intendant 2014: „Duato | Kylián | Naharin“.

Und doch war etwas anders als bisher, kam der dritte Beitrag, neben Duatos „Castrati“ aus dem Jahr 2002 und dem „Petit Mort“ von 1991 seines Mentors Jiří Kylián, einer Neuerfindung des Staatsballetts gleich: Ohad Naharins jazzig-leichthändiges „Secus“ von 2005 machte das klassisch ausgerichtete Berliner Ballettensemble mit einer explizit zeitgenössischen Bewegungssprache vertraut – und der unter Duato radikal verjüngten Truppe stand das ausgezeichnet.

Den Bewegungsfluss hemmen

Doch zuerst galt es eine erneute Begegnung mit Duatos verschmockt wirkendem choreografischem Stil durchzustehen, auch wenn die rasanten Szenen seines Männerstücks „Castrati“ mit kraftvollen, an Kampfsport erinnernden Dreh-, Sprung- oder Schlagbewegungen beeindrucken.

Doch die Einstudierung wirkte mitunter unsauber; vor Hebe­figuren verpassten sich mitunter fast die Tänzerhände. Das mochte am mörderisch hohen Tempo liegen oder daran, dass Duato taktgenau auf die Musik choreographiert, in Körperfiguren und Raumornamenten denkt und dadurch immer wieder den organischen Bewegungsfluss hemmt.

Angst vor der Kastration

Auch Duatos Drang zum Thematischen erschien hier wieder eher oberflächlich: Da bedroht eine in martialisch-mönchische schwarze Röcke gekleidete Bruderschaft einen wie nackt wirkenden Jüngling. Der fürchtet die Initiation in den betont virilen Kreis, bedeutet sie doch: die Kastration.

Schlicht ist die Narration von der Angst des Sängers vor der Entmännlichung, oder: des Künstlers vor dem ­Opfer, und sie ähnelt erstaunlich den unzähligen Künstlerviten, die Duatos Intendantenvorgänger Vladimir Malakhov während seiner zehnjährigen Regentschaft immer wieder auf die hiesigen Opernbühnen wuchtete.

Ringen mit blutigen Händen

Auch der im Dämmerlicht christologisch hell leuchtende Körper des Kastratenanwärters (Wei Wang) – zerbrochen, geschunden, zu süßlich-schmerzensvollen liturgischen Countertenor-Gesängen Vivaldis von den acht Schwarzgekleideten hin und her geschleift – erinnert an die Malakhov’sche Ästhetik.

Kein Wunder, denkt man bei derartigen ästhetischen Parallelen, dass Duato vor seiner Berliner Berufung drei Jahre lang Künstlerischer Leiter des klassisch russischen Mikhailovsky Theaters in St. Petersburg gewesen ist. Pathos siegt in den „Castrati“: Aus dem bedrohlich sich schließenden schwarzen Kreis entlassen, darf Wei Wang schließlich blutig rote Hände ringen.

Hoch geschnittene Höschen

„Castrati“ ist trotz aller Einwände nicht die schlechteste Arbeit, die Nacho Duato bislang in Berlin gezeigt hat. Das erweist sich im Vergleich mit Jiří Kyliáns „Petit Mort“, einer theatralen, schon leicht schalen Mozart-Miniatur des Altmeisters vom Nederlands Dans Theater, an dem auch Duato lange tanzte und choreographierte.

Sechs in seltsam hoch geschnittene Höschen gekleidete Männer lassen ihre Degen durch die Luft sausen; im Hintergrund beobachtet eine Reihe Frauen ungerührt die stereotype Männlichkeit dieser artistischen Duellistik.

Schlussscherz in der Hinterhand

Miteinander ringen sie in den anschließenden Pas de deux mit einer anderen Form der Todesnähe, steht der französische Ausdruck „petite mort“ doch auch für die sexuelle Ekstase beim Orgasmus.

Scherenartig geöffnete Beine oder über den Frauen aufgestützte Männerkörper erinnern dezent an diese Wortbedeutung, doch Kyliáns Choreographie wird in keinem Moment vulgär. Er feiert vielmehr die elegante klassische Linie, sie gelegentlich mit zum X eingedrehten oder leicht zuckenden Beinen zeitgenössisch formend.

Verzückte „Nacho“-Sprechchöre

Wie so oft hat Kylián auch einen kleinen Schlussscherz in der Hinterhand: Da bewegen sich die Damen in ausladenden schwarzen Reifröcken quer über die Bühne wie am Schnürchen gezogen – die üppigen Gewänder sind ferngesteuert, ein Lacherfolg beim Publikum.

Der Applaus brandet laut auf, nach diesen beiden den Abend rahmenden Stücken von Duato und Kylián. Eine Fangemeinde im Publikum ermuntert den kurz auf die Bühne tretenden, bescheiden wirkenden Staatsballett-Intendanten mit „Nacho“-Sprechchören. Eine verdiente Rückenstärkung für den Amtsträger, wurde Duato doch vor allem von der Presse bisher nicht eben herzlich willkommen geheißen.

Die Tänzer explodieren in erfindungsreiche Bewegungen

Kürzlich, als er sich in einem Interview loyal hinter seine seit Monaten für einen Haustarifvertrag und Verhandlungen mit ihrer Gewerkschaft Verdi streikenden Tänzerinnen und Tänzer stellte, soll ihn Kulturstaatssekretär Tim Renner gerügt haben, wie Kollegen berichten.

Als Ensemblespitze jedenfalls macht Nacho Duato einen guten Job, so weit man das von Außen beurteilen kann: Auf menschlichen Überzeugungen basierende Loyalität ist eine begrüßenswerte Intendanten-Eigenschaft, und anders als Malakhov baut Duato im Staatsballett Hierarchien ab, stärkt jüngere Tänzer und die Experimen­tierfreude.

Verblüffend synchron

Die Früchte dieser Bemühungen sind denn auch beim Höhepunkt des dreiteiligen Abends zu besichtigen: Energiegeladene Balletttänzer explodieren in Ohad Naharins „Secus“ geradezu in verspielt-erfindungsreiche Bewegungen. Hahnenkammartig auf dem Kopf aufgestellte Hände sieht man und kreisende Becken, wellenartig durch die Körper laufende Kaskaden und weite Sprünge mit angewinkelten Knien.

Anfangs folgen die sechzehn Tänzer ihrer je eigenen Choreographie zum elektronischen DJ-Set, die helle Bühne wimmelt von zeitgleichen, multifokalen Aktionen betont unterscheidbarer Individuen in bunten Hosen und Oberteilen. Doch wenn sich diese Tänzerindividuen zu parallelen Aktionen treffen, agieren sie verblüffend synchron.

Erspüren von Bewegungen

Waches Reagieren aufeinander und die Geschehnisse im Raum fördert der israelische Choreograph Ohad Naharin, Leiter der Batsheva Dance Company in Tel Aviv, ebenso explizit wie selbstständiges Kreieren.

Mit seiner Bewegungssprache und Trainingsmethode „Gaga“ ermutigt er gerade auch klassische Tänzer zum Loslassen, zum fast animalischen Erspüren von Bewegungen, die an den verschiedensten Stellen des Körpers ihren Ausgang nehmen können, sei es das Becken oder die Häute zwischen den Fingern.

Weiter so!

Die Staatsballett-Tänzer wirken jedenfalls wie befreit: In einem ironischen Vortanzen in drei Reihen interpretieren sie „Gaga“ in kurzen clubartigen Tanzsequenzen; Lucio Vidal und Dominic Whitbrook verausgaben sich in einem temporeichen, witzigen Duett, das Gesellschaftstänze und Liebesszenen parodiert.

„Secus“ macht Laune, und wenn das künstlerisch die Richtung ist, die Duato künftig für das Staatsballett Berlin einschlagen möchte, kann man ihm nur raten: weiter so.