Ausstellungen in Berlin

Unterwegs mit dem Künstlerflüsterer René Block

Der Berliner Galerist und Kurator René Block hat Künstler wie Gerhard Richter erst entdeckt. Zwei Ausstellungen zeigen sein Engagement.

Kuratiert weltweit: René  Block in der Berlinischen Galerie vor den Plakaten seiner Ausstellungen, die er im Laufe der Jahrzehnte erarbeitet  hat

Kuratiert weltweit: René Block in der Berlinischen Galerie vor den Plakaten seiner Ausstellungen, die er im Laufe der Jahrzehnte erarbeitet hat

Foto: Reto Klar

Am Wochenende unterwegs, doch nie ohne Kunst. „Ich kenne kein Weekend“, schnaubte Joseph Beuys, als René Block ihn damals fragte, ob er sich für die Edition „Weekend“ ein Werk vorstellen könne. Es klappte dann doch. Beuys lieferte einen schwarzen Koffer, fixierte eine Maggiflasche darin, daneben eine Reclam-Ausgabe von Kants „Kritik der reinen Vernunft“. Im zweiten Fach findet sich Platz für Grafiken von Polke und Brehmer und Hödicke. Kunstsozialist Beuys schwor schließlich darauf, dass Kunst und Leben zusammengehören.

„Ich kenne kein Weekend“, so heißt auch das schöne Motto der Zwillingsschau in der Berlinischen Galerie und im Neuen Berliner Kunstverein (NBK). Eine Hommage an René Block – und damit eine tolle Zeitreise in das Berlin der 60er- und 70er-Jahre, als es in der Mauerstadt noch gar keinen Kunstmarkt gab. Auch Block pfiff auf Wochenenden.

Kisten und Kartons mit Fotografien, Briefen, Plakaten und Lieblingsstücken

Wer sein Organigramm gleich am Eingang der Schau in der Berlinischen Galerie anschaut, dem wird schwindelig vor lauter bunten Kreisen, die durch Dutzende Pfeile verbunden sind. Leichthändig hat er die vielen Stationen seiner Karriere auf ein großes, weißes Blatt skizziert: Block Gallery New York, den Job beim Berliner Künstlerprogamm DAAD und beim Institut für Auslandsbeziehungen Stuttgart, die Leitung der Kunsthalle Fridericianum in Kassel, die Organisation der Biennalen Sydney, Istanbul, Venedig, die Lehrtätigkeit an der Akademie in Kopenhagen. Und immer wieder Ausstellungen, die weit über das hinausgehen, was in einer Galerie geleistet werden kann. „New York Downtown“ gehört dazu, ebenso „Lidice“. Und dazwischen gibt es ganz viele (Berliner) Geschichten zu erzählen.

Der Mann muss ständig unterwegs sein. René Block, 73, ist weit mehr als nur ein Galerist, er ist Kurator, Verleger, Sammler, Netzwerker, Liebhaber und Förderer der Künstler. Und bei seinem Erfolg erstaunlich unaufgeregt und uneitel geblieben. In den letzten Jahren hat er die Seite gewechselt als Berater der großen türkischen Koç Foundation, für die gerade in Istanbul ein eigenes Museum entsteht. Nun darf er Kunst kaufen.

Seine erste „Kampfgalerie“ eröffnete der junge Rheinländer 1964 in Schöneberg

Alle Pfeile des Organigramms weisen zurück auf die rote Urzelle, das ist seine „Kampfgalerie“, 1964 in Schöneberg eröffnet. Da kam der Junge mit 22 Jahren und langen Haaren aus dem Rheinland nach Berlin. Vom Kunsthandel hatte er keine Ahnung, dafür jede Menge irre Ideen, er wollte halt unbedingt Ausstellungen machen. Eine Handvoll Galerien für Gegenwartskunst gab es. Kaum Sammler in der Mauerstadt, ohnehin konnte man als Junggalerist davon nicht leben. Es ging um „wahre Kunst“, nicht wie heute oft um die „Ware Kunst“.

Künstlerflüsterer, so kann man Block nennen, er zeigte spannende, junge Künstler wie Gerhard Richter, Sigmar Polke, Wolf Vostell und Joseph Beuys, als sie noch niemand kannte. In einer Vitrine liegt eine von Richter fein geschriebene Werkliste – ein aufschlußreiches Zeitdokument: „A. Bode“, reserviert, steht da. „Helen“, 400 Mark, steht daneben. „1965 kostete kein Richter mehr als 800 Mark“, erzählt Block. Heute ist man schon mal mit 41 Millionen Euro für ein Bild dabei.

Die Jungs ticken ähnlich, waren solidarisch, was den Aufbruchsgeist betraf. Raus aus dem Spießertum, weg von all den Konventionen. Block reist nach New York, die Vitalität des Künstlerviertels Soho zieht ihn an, „ich versuchte das auf Berlin zu übertragen“.

Besitzt er einen Richter? Er zögert. Als Galerist sammelt man nicht, meint er. Stimmt natürlich nicht, was er sammelt ist im NBK zu sehen. Einer von vier „kleinen Richtern“ ist auch dabei.

Eigentlich war die Doppelschau ein Jahr früher, zum 50. „Dienst“-Jubiläum Blocks geplant, aber wegen eines Sanierungsfalles musste die Berlinische Galerie schließen. Nicht schlimm, findet Block. So hatte er einfach mehr Zeit, die unzähligen Kisten und Kartons zu sichten, in denen sich sein Archiv versteckte.

Da waren sie noch preiswert: Gerhard Richter für 800 Mark, Joseph Beuys für 300 Mark

Er gehört nicht zu der Sorte Mensch, die ihre Hinterlassenschaften akribisch ordnen. Schon allein, weil ihm die Zeit fehlt, und so musste er sich erst einmal Übersicht verschaffen über Berge von Korrespondenzen, Fotografien, Plakaten, Lieblingsstücken, Filmausschnitten und Multiples wie Beuys’ „Schlitten“ (damals 300 Mark), der nun ganz hoch oben über den Köpfen der Besucher an der Wand schwebt.

Wenn mal so will, war Block selbst ein Avantgardist, der munter die Sprengung der engen Grenzen der bildenden Kunst betrieb. Klangkunst, Performance, Happening, Schnittstellen interessieren ihn. Ganz pragmatisch sieht er das: „Es war meine Generation, die diesen Umschwung durchgeführt hat. Heute ist das Interdisziplinäre selbstverständlich, wird an allen Akademien unterrichtet.“

Langweilt ihn da die Kunst heute nicht? „Kommt vor! Im Alter hat man bestimmte Dinge eben gesehen. Aber es ging uns, als wir jung waren, mit der Generation unser Väter und Großväter doch ähnlich.“

Gleich seine erste Schau trägt den programmatischen Titel „Neodada, Pop, Decollage, Kapitalistischer Realismus“. Dadaist Raoul Hausmann schreibt ihm daraufhin einen Brief, ziemlich gekränkt. „Warum Neodada ausstellen, wenn die Dadaisten noch leben?“ Typischer Vater-Sohn -Konflikt. Als er ihn später einladen will, verstirbt Hausmann.

Schon ist der weißhaarige Kunstmann bei Joseph Beuys, Leuchtstern im Blockschen Universum. Zeigt auf ein Aktionsfoto, wo Beuys vor der Schöneberger Galerie gerade Erdäpfel ausbuddelt. eine Aktion zum Documenta-Jahr. Danach gab`es ein großes Kartoffelessen mit den Künstlern. Aber das ist jetzt eine ganz andere Geschichte.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124– 128, bis 15. Februar. NBK, Chausseestr. 128/29. Bis 24. Januar