Berliner Philharmoniker

Kirill Petrenko kommt später als erwartet nach Berlin

Aus Liebe zu München: Kirill Petrenko hält die Berliner Philharmoniker hin. Sie müssen nun ein Jahr lang ohne Chefdirigent arbeiten.

 Dirigent Kirill Petrenko

Dirigent Kirill Petrenko

Foto: dpa

Er werde seine „ganze Kraft mobilisieren, diesem außergewöhnlichen Orchester ein würdiger Leiter zu sein“, hatte Kirill Petrenko in diesem Sommer seine Wahl zum neuen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker kommentiert. Für das Sammeln all dieser Kräfte braucht er nun länger als bislang angenommen. So wird er erst in der Saison 2019/20 seine Amtszeit als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker beginnen, wie die Bayerische Staatsoper und die Berliner Philharmoniker am Mittwoch mitteilten.

Ein Jahr, bevor Kirill Petrenko nach Berlin kommt, wird Simon Rattle das Orchester verlassen. „Die Berliner Philharmoniker werden ein Jahr lang keinen Chefdirigent haben“, so eine Sprecherin.

„Dem wunderbaren Münchner Publikum sehr verbunden“

Grund für diesen verzögerten Amtsbeginn in Berlin ist, dass Kirill Petrenko in München seinen Vertrag verlängern wird. Einer Pressemitteilung der Bayerischen Staatsoper zufolge werde Generalmusikdirektor Kirill Petrenko „das Vertragsangebot von Staatsminister Ludwig Spaenle annehmen und den laufenden Vertrag an der Bayerischen Staatsoper bis Ende August 2021 verlängern“. Mit anderen Worten: Selbst in der Spielzeit 2019/20 wird Kirill Petrenko nur eingeschränkt für die Philharmoniker arbeiten können. In der letzten Spielzeit, also die Saison 2020/21, in der er in München vertraglich gebunden ist, ist er immer noch als Gastdirigent der Bayerischen Staatsoper tätig.

Mit München verbindet Kirill Petrenko eine äußerst erfolgreiche Zeit, seit 2013 arbeitet er dort. Erst vor wenigen Wochen wurde der Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper in einer Umfrage der Fachzeitschrift „Opernwelt“ zum „Dirigenten des Jahres“ gekürt – zum zweiten Mal in Folge und schon zum vierten Mal insgesamt. Zudem ist er Intendant Nikolaus Bachler besonders eng verbunden. Bachler hatte Petrenko zu sich geholt, als er die Wiener Volksoper leitete. Damals war Petrenko 25 Jahre alt, seinem Mentor fühlt er sich wohl noch immer zum Dank verpflichtet.

Eigentlich müsste auch Berlin ein Ort mit schönen Erinnerungen für ihn sein. Vier Jahre lang war er Generalmusikdirektor an der Komischen Oper. „Steil, stolz und bienenfleißig“ habe er sich selbst neben Daniel Barenboim behauptet, urteilte „Die Welt“ 2006 über den Mann aus Sibirien.

Kirill Petrenko kommentiert seine Vertragsverlängerung in München voller Euphorie: „Ich fühle mich der Bayerischen Staatsoper, dem Staatsorchester und nicht zuletzt dem wunderbaren Münchner Publikum sehr verbunden. Mir persönlich ist es wichtig, in diesem Haus und mit diesem Orchester an einer kleinen, gemeinsamen Ära zu arbeiten.“ Staatsintendant Nikolaus Bachler sagt in seinem Statement: „Wir haben noch viele Ideen und gemeinsame Projekte, auf die wir uns an diesem einzigartigen Haus zusammen mit allen Mitarbeitern freuen.“

So freudig liest sich die Pressemitteilung der Berliner Philharmoniker nicht, sie klingt mehr nach Schadensbegrenzung. Demnach werde Kirill Petrenko in den Saisons 2016/2017 sowie 2017/2018 bei den Berliner Philharmonikern als Gastdirigent präsent sein, 2018/2019 werde er „mehrere Konzertprogramme sowohl in Berlin als auch auf Tournee dirigieren“. Ulrich Knörzer, Mitglied des Orchestervorstands, „freut sich, einen Zeitplan zur Amtsübernahme gefunden zu haben.“ Martin Hoffmann, Intendant der Stiftung Berliner Philharmoniker, muss die Aufgabe übernehmen, ein paar freundliche Worte nach München zu schicken: „Wir alle bei der Stiftung Berliner Philharmoniker freuen uns auf Kirill Petrenko. Ein besonderer Dank gilt der Leitung der Bayerischen Staatsoper, mit der wir in allen terminlichen Fragen ein kollegiales Einvernehmen gefunden haben.“

Der neue Chef kommt also als Teilzeitarbeiter

Das mag man kaum glauben: Erst kommt Kirill Petrenko später als erwartet. Und wenn er dann da ist, dann ist er lediglich Teilzeitarbeiter bei den Philharmonikern. Das kann und wird nicht Plan und Wunsch der Berliner gewesen sein.

Ohne abergläubisch zu wirken, scheint auf Petrenkos Benennung kein Segen zu liegen. Denn schon die Kür war spektakulär schwierig. Im Frühjahr hatten sich die Philharmoniker in Dahlem getroffen und basisdemokratisch über einen Nachfolger für Simon Rattle diskutiert. Stundenlang dauerten die Verhandlungen, eine Entscheidung wurde vertagt und dann erst Wochen später getroffen.

In einem Porträt in der „Zeit“ aus dem Frühjahr 2015 - also vor der Ernennung Petrenkos in Berlin - heißt es: „Im Herzensgrund ist er sowieso eher eine treue Seele und zum Vagabundieren kaum gemacht.“ Mit anderen Worten: Die Philharmoniker hätten wissen müssen, worauf sie sich einlassen. Als „treue Seele“ hat er sich mit seinem Festhalten an der Bayerischen Staatsoper und Nikolaus Bachler bereits erwiesen. Nun werden wir sehen, ob er das Talent zum Pendeln hat.

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