Tempodrom

Crosby, Stills und Nash - Woodstock mit Opernglas in Berlin

Crosby, Stills und Nash holen den Staub der 70er ins Tempodrom. Die Augen alter Fans glitzern, die Jungen fragen sich: Was soll das?

Stephen Stills, Graham Nash, David Crosby 2013 in Berlin - nun waren sie zurück

Stephen Stills, Graham Nash, David Crosby 2013 in Berlin - nun waren sie zurück

Foto: POP-EYE/HEINRICH / picture alliance / POP-EYE

Es ist der erste dieser Nieselregentage, die Berlin in eine graue, klamme Stadt verwandeln, wie sie kein Tourist im Reiseführer beschrieben bekommt. Zeit, sich ein Stück Hippie-Nostalgie zu gönnen. Woodstock, Endless Summer, Teach Ins, wie man früher wohl gesagt hätte.

Männer mit schütter werdendem Haar drängen sich unter die Dächer der Bierstände vorm Tempodrom. Sie tragen T-Shirts vergangener Tourneen, dazu gern auch den Originalhaarschnitt von David Crosby: hinten lang, oben nichts. Manche haben Operngläser dabei. Sie wollen ihre Helden genau sehen, diese Stars der 60er und 70er Jahre, die Folk, Southern Rock, Drogen und poltischen Protest charttauglich amalgamierten.

Formvollendeter Staub der 70er

Die drei ergrauten Herren kommen auf die Bühne geschlendert: Graham Nash barfuss mit Jeanshemd zur Jeans, die beiden anderen in schwarzen Studienrat-Sakkos.

Zwischen Nebel und dicken Altarkerzen schmeißen sie den ersten Blues-Rocker an: „Carry On / Questions“ von 1970. Sie stehen auf übergroßen Perserteppichen herum, wie sie jahrzehntelang in jedem Bandproberaum lagen, und es vielleicht noch immer tun.

Schon nach dem ersten Refrain startet ein langes Gitarrensolo von Stephen Stills. Als hätte es Punk und die 80er Jahre, all das Verknappen und Nichtspielenkönnen als Kunstgriff nie gegeben. „Carry on“, singen die drei in schönster Harmonie, „Love is coming to us all“. So formvollendet hing der Staub der 70er selten in der Luft.

Hier wird eine vergangene Zeit gefeiert

Jeder weitere Songs, den CSN spielen, bestätigt: hier wird eine vergangene Zeit gefeiert. Und zwar so ungebrochen, dass es fast schon wieder gut ist. Das hat nichts mit Retro zu tun und auf eine schwer fassbare Art auch nichts mit Anbiederei. Zu viel Spaß haben die drei daran, die letzten 40 Jahre Musikgeschichte zu ignorieren und ganz souverän und lässig so zu tun, als wär es noch immer 1975.

Das hat etwas Sympathisches, bleibt aber eben auch völlig seiner Zeit verhaftet. So sehr, dass man, ist man nicht auch darin aufgewachsen, nicht wirklich weiß, was das alles soll.

Doch eher zweitklassiges Songmaterial

Das Problem an den meisten Stücken – und es gibt sämtliche Hits; der Fan kann sich wahrlich nicht beschweren – ist leider, dass sie bei allem Beschwören von Greifvögeln und Liebe und Kampf für die korrekte Sache doch eher zweitklassiges Songmaterial sind.

Am besten stehen die Stücke vom Klassiker „Déjà Vu“ da, bei dem Neil Young als viertes Mitglied mit an Bord war. Sein Larger-than-Life-Pathos, das immer auch etwas Comichaftes haben kann, fehlt den sonstigen Songs von CSN. Keine wirklich zündenden Melodiebögen, griffigen Riffs, zwingenden Grooves.

Auch die Texte ergehen sich nicht selten in Herzschmerz- und Naturmetaphern, die groß und bewußtseinsweit gemeint sind, dabei kaum über poetische Allgemeinplätze hinauskommen.

Mini-Rockopern mit viel Verve

Davon abgesehen spielen CSN ihre Mini-Rockopern mit viel Verve. Vor allem Stills legt sich ins Zeug, holt aus seinen Verstärkern, die mindestens so alt sind wie er selbst, ein kratziges, lautes Solo nach dem andern.

Er ist es auch, der als einziger nicht mehr so lupenrein singen kann wie damals. Heiser ringt er mit den Tönen. So kommt doch noch ein Hauch von Rock’n’Roll in den Abend.

Die Fans tanzen, gestikulieren wild

Das Publikum erkennt jedes Stück nach wenigen Takten, singt mit bei „Our House“, „Almost Cut My Hair“, „Teach your Children“. Die meisten sind selbst im Alter der Band oder knapp darunter.

Sie haben ein Glitzern in den Augen, rennen zum Zugabenblock vor die Bühne, tanzen, gestikulieren wild. Sie alle, das ist klar, verbinden eine Menge mit dieser Musik.

An den Songs allein kann das nicht liegen. Es muss daran liegen, dass sie gemeinsam Zeugen sind einer Zeit, in der es noch half, einfach immer wieder von Freiheit zu singen, oder „Please come to Chicago, show your Face“ zu skandieren – ein Protestruf, der im von Krisen zerrissenen Heute wieder aktuell klingen müsste, es aber in seiner simplen Sloganhaftigkeit leider doch nicht mehr bringt. Oder wie man früher gesagt hätte.