Konzert

"Rock you, Goethe" - Eine Rockband musiziert Poesie

Ein schmetternd klingender Goethe und ein funkiger Voltaire - Rockmusiker inszenieren die Texte im Deutschen Theater einmal anders.

Sänger Peter Thiessen bei einem Konzert mit seiner Band „Kante“ in der Volksbuehne in Berlin

Sänger Peter Thiessen bei einem Konzert mit seiner Band „Kante“ in der Volksbuehne in Berlin

Foto: Eventpress Hoensch / picture alliance / Eventpress Ho

Auf der Bühne erklingen Goethe, Voltaire, Heiner Müller und Peter Handke. Auch Thomas Mann, Sophokles und Hölderlin sind im Deutschen Theater zu hören. Eigentlich nichts Ungewöhnliches an diesem Ort. Anders ist heute aber die Inszenierung. Denn statt des Ensembles steht die Band Kante auf der Bühne.

Seit acht Jahren übersetzen die Rockmusiker Theatertexte in Musik und begleiten Inszenierungen auf der Bühne. Sie schmettern dann Goethes „Morgensonne“, spielen funkige Melodien zu Voltaires blutrünstigem „Das Erdbeben von Lissabon“. So auch am Dienstag, als die fünf Hamburger das letzte ihrer Theaterkonzerte im Deutschen Theater in Berlin geben.

Geisteswissenschaftlich und gesellschaftskritisch

Kante, vor 20 Jahren mit melancholischer Poprock- und Indie-Rockmusik populär geworden, spielen an diesem Abend hauptsächlich Lieder aus dem aktuellen Album „In der Zuckerfabrik“: Ein Mix aus den musikalischen Theaterinterpretationen der vergangenen Jahre.

Seit 2007 tritt die Band in den Inszenierungen der Regisseurin Friederike Heller auf. So kommt einiges zusammen: Ein geschrienes Brecht-Lied, eine Reggae-Version von Voltaire, eine dunkle Fassung von Heiner Müllers „Engel der Verzweiflung“, Englisches zu Manns „Dr. Faustus“.

Sänger Peter Thiessen singt mit seiner tiefen, samtigen Stimme. Er erklärt dazwischen auch mal die Handlung der Stücke und gibt einen humorvollen Abriss der geisteswissenschaftlichen Debatte um das Erdbeben von Lissabon 1755. Und wird gesellschaftskritisch, etwa wenn er die Griechenlandkrise mit einem Voltaire Text beleuchtet.

„Greatest Hits of Hochkultur“

Dennoch: Es kommt verkopft daher, ist teilweise zu sperrig. Es sind eben „die greatest hits of Hochkultur“, wie Sänger Thiessen die Stücke selbst nennt. Die Texte und ihre Vertonungen sind sehr individuell, ebenso verschieden wie die Theaterstücke, denen sie entstammen. In eine Inszenierung eingebettet entfalten die Lieder ihre Symbolkraft, aber in einem Konzert lose aneinandergereiht scheinen sie sich eher gegenseitig zu hemmen.

So wirkt das zweieinhalb stündige Konzert gelegentlich wie eine Jamsession von Freunden, die zu Gedichten musikalisch experimentieren: Thiessen vergisst mal seinen Text, der Verstärker zieht mal nicht genügend Strom, und Gitarrist Felix Müller und Thiessen sind sich mal uneinig über die Songliste.

Melancholischer Indie-Rockpop der „Hamburger Schule“

So sympathisch die Hamburger durch den Abend führen, es will keine rechte Stimmung aufkommen. Die Zuhörer sitzen tief in den roten Sesseln versunken. Bis Kante die ersten Zeilen ihrer eigenen Songs spielen: Kaum erklingen da die ersten Töne ihres Publikumshits von 2006, „Die Tiere sind unruhig“, da stehen die Ersten auf. Tanzen, Singen, Mitgrooven, das geht zu den Rockpop-Nummern von Kantes ersten fünf Platten einfach besser.

Auch die Band wirkt lebendiger, gelöster, freier. Mit den Stücken „Zombi“ und „Die Summe der einzelnen Teile“ kommt Kante dann musikalisch zu ihren Anfängen zurück, dem melancholischen Indie-Rockpop der „Hamburger Schule“, jener Musikrichtung, der auch die Bands Blumfeld, Tomte und Selig erwuchsen.