"The Vacancy"

Ist das schon Kunst? Oder noch Baustelle?

Die Ausstellung "The Vacancy" zeigt Kunst in 33 Zimmern eines Hotels in Berlin-Mitte, das gerade umgebaut wird.

Sinnvoll genutzte Leerstelle: Hier sollen Hotelgäste wohnen. Jetzt können hier Fotoarbeiten von Pola Sieverding bewundert werden

Sinnvoll genutzte Leerstelle: Hier sollen Hotelgäste wohnen. Jetzt können hier Fotoarbeiten von Pola Sieverding bewundert werden

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Der Putz ist abgeschlagen, die Bodendielen sind abgezogen, Spannholzplatten ebnen notdürftig einen Weg durch rohe Räume, Zigarettenkippen liegen vergessen in den Ecken, Kabel hängen aus den Wänden, Löcher überall. Auf den ersten Blick eine typische Baustelle. Auf den zweiten: eine Kunstausstellung. Denn in dem im Umbau befindlichen Hotel an der Friedrichstraße 124 wird ab Donnerstag Kunst gezeigt. In 33 zukünftigen Hotelzimmern präsentieren 33 Künstler ihre Arbeiten. Aber nur drei Wochen lang, dann soll der Umbau des Hotels weiter vorangehen. Bis es so weit ist, können Besucher die fünf Stückwerke der Baustelle als Kunststelle „The Vacancy“ besichtigen.

Jungen Künstlern eine leere Fläche zum Experimentieren anbieten, mitten in Berlins Mitte – das ist mittlerweile so selten wie schwierig. „Dabei sind Leerstellen so wichtig für junge Künstler, damit sie etwas besetzen können“, sagt der Initiator der Ausstellung, Markus Peichl von der Galerie Crone. Aus diesem Grund hat er die 33 internationalen Künstler, darunter viele Newcomer, hier zusammengebracht. Sie sollen die Leerstelle, auf Englisch „the vacancy“ wie der Name der Ausstellung, mit ihrer Kunst füllen.

Das ehemalige Hostel an der Friedrichstraße Ecke Oranienburger Straße, das seit einigen Jahren ungenutzt ist, scheint den perfekten Platz für Peichls Projekt zu bieten: mitten im Umbau, ganz roh, auf seinen Ur-Zustand zurückgesetzt. Das haben die Künstler in ihren Arbeiten, die größtenteils extra für „The Vacancy“ geschaffen wurden, aufgegriffen.

So wie die Französin Juliette Bon­neviot im ersten Raum der Ausstellung. Ihr scheint es um den eigenartigen Moment dieser Ausstellung zu gehen: Die Baustelle steht still, alles wirkt wie ­liegen gelassen, und gleichzeitig befindet es sich mitten in einem Wandlungsprozess. Um diesen paradoxen Zustand zu zeigen, hat die Künstlerin herkömmliche PET-Flaschen eingeschmolzen und aus der Plastikmasse menschliche Torsi modelliert. Die Plastikfiguren scheinen sich zu bewegen. Sie recken die Arme nach oben, sodass ihre T-Shirts Falten werfen. Doch sie sind in der Bewegung erstarrt, eingefroren wie ihre Umgebung.

Zwei Räume weiter ist Ähnliches bei Pola Sieverding zu beobachten. Die Berlinerin zeigt ein großformatiges Foto von wallendem Frauenhaar. Durch die noch offen stehende Decke dieses Zimmers scheinen die langen Haare wie von Rapunzel geschüttelt in das Zimmer herabzureichen.

Diese Idee des Unfertigen, sich noch im Wandel Befindenden, ist auf den 1.400 Quadratmetern allgegenwärtig – sowohl in den Werken der Ausstellung als auch im Hotel selbst. Der Besucher muss schon mal über einen Holzbalken steigen, hinter die unverputzten Wände lugen. Nie ist man ganz sicher: Ist das Kunst oder Baustelle? Ist das Abstellraum oder Ausstellungsfläche? Oder wie bei Künstlerin Jenny Feldmann: Ist das Teppich oder Kunst? Die Hamburger Künstlerin zeigt die Installation eines persischen Teppichs. Genau wie das Hotel befindet sich das Kunstwerk aber noch im Aufbau: Überall sind kleine Lücken, und unzählige Teppichteile liegen am Rand, lugen aus Kartons hervor, als warteten sie auf ihren Einsatz. Nur die Teppichkünstlerin fehlt – genau wie die Bauarbeiter auf der Baustelle des Hotels. Kunst und Baustelle verschwimmen hier ineinander.

„The Vacancy“ Friedrichstr. 124, Mitte. Di-Fr 13-20 Uhr, Sa/So 11-20 Uhr. Bis 19. Oktober