Klassik

Peter Schreier, der Evangelist für Generationen

Im Juli wurde Startenor Peter Schreier 80. Dafür huldigt Daniel Barenboim ihm heute in der Staatsoper. Wir haben ihn vorab gesprochen.

Am 29. Juli wurde er 80 Jahre alt: Der deutsche Sänger und Dirigent Peter Schreier

Am 29. Juli wurde er 80 Jahre alt: Der deutsche Sänger und Dirigent Peter Schreier

Foto: dpa Picture-Alliance / Sebastian Kahnert / picture alliance / dpa

„Die Berliner Zeit war für mich eine künstlerisch sehr wertvolle Zeit“, sagt Peter Schreier, „es ist schön, dass man mich hier nicht vergessen hat“. Der Star-Tenor ist seit zehn Jahren im Ruhestand, Ende Juli hatte er seinen 80. Geburtstag, am heutigen Sonntagnachmittag gratulieren Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin dem Ehrenmitglied der Staatsoper in einer Feierstunde. MDR-Moderatorin Bettina Volksdorf wird ein Gespräch mit dem Kammersänger führen. Er wolle anschließend noch mit einigen Freunden zusammen sitzen, sagt Schreier. Deswegen reist er erst am Montag in seine Heimatstadt Dresden zurück.

Peter Schreier ist 1935 in Meißen geboren, bereits als Zehnjähriger kam er zum Dresdner Kreuzchor, dem weltberühmten Knabenchor. Es war eine Zeit, in der ihm Neugierde und Disziplin antrainiert wurde. Und dort überstand er seine erste künstlerische Krise. Kreuzkantor Rudolf Mauersberger hatte den 19-Jährigen als Evangelisten in Bachs „Matthäus-Passion“ eingesetzt. Bereits im zweiten Teil war die Stimme weg, er konnte nur noch sprechen. Daraufhin hat er an der Dresdner Musikhochschule mit einem ordentlichen Gesangsstudium begonnen.

Christlicher Bestseller in einem atheistischen Land

Eine ganze Generation hat Peter Schreier als Evangelisten im Ohr. Es war eine seiner Paraderolle. Mit seinem lyrischen, leicht näselnden Tenor hat er ein bestimmtes Bild des Künders geprägt. Während die Berliner Philharmoniker bei ihrem „Matthäus“-Ritual zuletzt mit Mark Padmore auf einen charismatischen, emotional verwickelten Evangelisten setzten, hat Schreier das Gegenmodell vertreten. Sein Evangelist hatte immer auch etwas Distanziertes und Bewahrendes.

Möglicherweise war das auch seine Rolle in der DDR. Der Kantorensohn und Kruzianer stand immer für eine Tradition, die vergangene Werte beschwor, wohingegen die Gesellschaft offiziell auf einer Zukunftsvision beharrte. Je mehr diese Utopie verblasste, desto stärker wurde auch Schreiers Stimme und das, was er in seiner Kunst verkündete. Schreier hat nie ein Glaubwürdigkeitsproblem gehabt, sein Album „Peter Schreier singt Weihnachtslieder“ wurde mit 1,4 Millionen Exemplaren zum meist verkauften Tonträger der DDR. Ein christlicher Bestseller in einem atheistischen Land.

Ohne ihn hätte es das Konzerthaus Berlin nicht gegeben

In Berlin hatte Schreier, der Mittler, lange eine Wohnung gleich am Gendarmenmarkt. Es gibt Insider, die behaupten, ohne ihn hätte es das wieder aufgebaute Konzerthaus gar nicht geben. Von 1984 bis 1990 war er Präsident des „Kuratoriums Schauspielhaus Berlin“. Die DDR brauchte international erfolgreiche Künstler wie Peter Schreier (Schauspielhaus Berlin), Bassbariton Theo Adam (Semperoper Dresden) oder Dirigent Kurt Masur (Gewandhaus Leipzig) als Repräsentanten, um westliche Stars in den Osten locken zu können. Das damalige Schauspielhaus war als Konkurrenz zur West-Berliner Philharmonie gedacht. Eigentlich sollte Schreier Intendant werden. Das wollte der Sänger aber nicht. Er habe den Staatschef Erich Honecker davon überzeugt, sagte er einmal, dass es doch besser ein Ökonom macht.

Wer heute mit Peter Schreier spricht, muss zuerst darüber staunen, dass er immer noch dasselbe Timbre in der Stimme hat. Dabei hat Schreier bereits zum 70. Geburtstag mit dem Singen bewusst aufgehört. „Und es auch eingehalten“, wie er lächelnd hinzufügt. Viel Zeit verbringt er seither in Jurys und bei Meisterkursen. Dann singe er auch mal etwas an, aber das sei nicht mehr professionell. Schreier wirkt im Gespräch immer noch so geradlinig und von feiner Bescheidenheit, dafür haben ihn seine Fans immer bewundert.

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere: Peter Schreier im DDR-Fernsehen bei einem Liederabend am 17.10.1979 picture alliance / zb dpa Picture-Alliance / Klaus Winkler

An die Staatsoper Unter den Linden wurde Peter Schreier erstmals 1962 verpflichtet. Sein Belmonte war ein Erfolg. Es begründete seinen Ruf als Mozartsänger. Ein Jahr später gehörte er zum Ensemble des Opernhauses. Er hat alles Mögliche gesungen: Belmonte, Tamino, Ottavio, David, Graf Almaviva, Lenski, Palestrina oder den Alfred in der „Fledermaus“. Schreier hatte keine Berührungsängste mit der leichten Muse. An der Staatsoper sei man immer sehr Ensemble-bewusst gewesen. „Der Spielplan war für Sänger komfortabler als heute, sagt Schreier, „aber es gab nicht diese Spitzenvorstellungen, bei denen die Oper viele Spitzensänger engagieren konnte.“ Das sei zu DDR-Zeiten schon aus finanziellen Gründen nicht möglich gewesen. Schreier reist nach wie vor regelmäßig für Staatsopern-Premieren aus Dresden an, Barenboims „Meistersinger“-Premiere Anfang Oktober hat er schon fest eingeplant.

In der Dresdner Kreuzkirche wird Schreier am nächsten Sonntag ein Benefizkonzert zugunsten der Orgel im neuen Konzertsaal dirigieren. Die Dresdner Philharmonie spielt. Schreier hat auch eine beachtliche Karriere als Dirigent hinter sich. Auch sie geht, sagt er, auf Bachs Evangelisten zurück. Bei Eterna-Aufnahmen, die er selber dirigierte, merkte er, dass der Evangelist eigentlich ein Dirigent des Geschehens ist. Er führt das Orchester an und nimmt Einfluss auf die Reaktionen des Chors. Schreier fühlte sich geradezu ans Pult berufen.

Andere Evangelisten erträgt er nicht

Die Staatskapelle Berlin hat er seit 1970 regelmäßig dirigiert, ebenso das Berliner Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach. An der Staatsoper hat er Aufführungen von Händels „Julius Caesar“ und „Alcina“, Mozarts „Idomeneo“ oder Strauss’ „Capriccio“ geleitet. Auch die Berliner Philharmoniker hat Schreier auf Einladung von Herbert von Karajan, mit dem er in Salzburg bestens vertraut war, dirigiert. Das war kein Riesenerfolg, sagt Schreier, aber er habe niemanden rausgebracht. Schreier hat eine Weltkarriere hinter sich. An der Staatsoper verabschiedete er sich im Juni 2000 als Tamino. Und zugegeben, als jugendlicher Mozart-Held war er überreif. 2005 hat er in Prag mit Bachs Weihnachtsoratorium seine Laufbahn beendet.

Ob er an Gott glaube? Das wurde Peter Schreier zum 80. Geburtstag gefragt. Er antwortete: „Ja, an Johann Sebastian Bach.“ Das hat einige irritiert. Aber die würden Bachs Musik nicht kennen. „Für mich ist Bach das A und O meiner Existenz“, so Schreier: „Da darf ich schon mal sagen, dass ich an ihn glaube.“ Ist es für ihn leicht, anderen Evangelisten zuzuhören? Es gäbe eine Reihe guter Evangelisten, sagt er. „Aber nein“, gibt er zu, „es ist nur schwer zu ertragen. Das muss man mir verzeihen. Man hat seine bestimmten Vorstellungen davon. Beim Evangelisten gibt es für mich nur eines, das Publikum zu überzeugen.“

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