Berlin-Konzert

Marteria fühlt sich in Berlin wie im Himmel

Marteria ist der momentan wohl erfolgreichste deutsche Rapper. Jetzt begeisterte er seine Fans beim Konzert in der Wuhlheide.

Marteria hebt sich vom Gangsta-Rapper-Image ab

Marteria hebt sich vom Gangsta-Rapper-Image ab

Foto: dpa

Nutte, reich, geil und ficken sind essentielle Worte im deutschen Rap-Jargon. “Schön, dass ihr da seid, ihr Hurensöhne“, so begrüßt Aykut Anhan alias Haftbefehl für gewöhnlich sein raphungriges Publikum. Marteria eröffnet sein Open-Air-Konzert in der Wuhlheide mit „OMG“ – einem Stück dass sich um die Frage dreht, wie er verdammt noch mal in den Himmel kommen könnte und hält dann folgende Ansprache: „Ach Berlin, ist doch schon der Himmel hier“. Weißes Licht knallt in die Open-Air-Arena, 17.000 Menschen stehen auf und bewegen ihre Hände im Takt.


Marteria, der eigentlich Marten Laciny heißt, ist momentan wohl der erfolgreichste deutsche Hip-Hop-Künstler. Er ist kein Rüpel-Rapper sondern gilt quasi als eine Edelfeder der Branche. Laciny ist einer, der lieber „Super Mario“ als „Call of Duty“ spielt. Er textet über die satte Generation-Hipster, feiste Fußballfunktionäre die einem den grünen Rasen madig machen, darüber dass Golfsport quasi das neue Arschgeweih ist und hat natürlich viel zum ewigen Komplex Liebe zu sagen. Auf Gangster-Plattitüden kann „Endboss“-Marteria jedenfalls verzichten. Niveau, dass der Rapper unter anderem seiner Mutter verdankt. Mütter werden in Hip-Hop-Songs nicht ganz so oft erwähnt wie das Verb ficken, kommen aber durchaus in Reimen vor. Gerne werden auch die Mütter gegnerischer Rapper erwähnt und ordentlich erniedrigt, eine Frage der Ehre ist das dann. Wenn Marteria über seine Mutter rappt, heißt es: “Hab meiner Mama ein Haus am See gekauft“.

Kindheit in Rostock-Lichtenhagen


Vermeintliche Gangster, Babos wie Haftbefehl oder der notorische Pimp-Rapper Kollegah haben ihre Kindheit und Jugend in Offenbach oder im Hunsrück verbracht. Orte, die gar nicht nach rauem Street-Slang klingen. Bei Rostock-Lichtenhagen, wo Marteria herkommt, sieht die Sache schon ganz anders aus. 1992 applaudierten in diesem Viertel 3000 Menschen einer Meute von Rechtsradikalen, die eine Aufnahmestelle für Asylbewerber mit Molotowcocktails bewarfen. Damals war Marten Laciny gerade mal 10 Jahre alt und eine Karriere als Rapper noch weit weg, lieber spielte er Fußball bei Hansa Rostock.

Vom Fußball singt Marteria in „Bengalische Tiger“. Auf der Leinwand hinter der Bühne sieht man brennende Fackeln und Männer mit Kapuzenhoodies, ein Tigerkopf zerspringt in Flammen. Rote Bengalos leuchten im Publikum, Fäuste fliegen in die Luft, die Beats hetzen imaginäre VIP-Gucker aus ihren Logen, alle Applaudieren, viva la Revolution! Der angekündigte Regenguss fällt aus, ausgelassen feiert man sich zu „Kids“, “Verstrahlt“ oder „Lila Wolken“ in die vielleicht letzte laue Berliner Sommernacht des Jahres.

Die letzten Joints werden geraucht


Doch es gibt nicht nur den Typen in College-Jacke und Slim-Jeans, den hübschen Model-Rapper für die Marteria-Girls. Dicker, grüner Nebel wird auf die Bühne geblasen, spätestens jetzt die letzten Joints gezückt. Begleitet von Vogelgezwitscher und Reggae-Gitarren tritt Alter Ego Marsimoto auf. Die Figur hat all das, was Laciny als Marteria nicht braucht. Marsi ist abseits vom Maintstream-Pop, der grüne Kobold ist ein dreckig, anarchistischer Geist, offiziell dauerbekifft. Die grüne Maske strahlt im Bühnenhintergund, ein Marsmann im gleißend, grünen Raumanzug tanzt durch den Nebel.

Marsimotos gepitchte Mickey Mouse Stimme hängt über dreckigen Beats. Verzerrte E-Gitarren, Elektro-Getöse. Erst vor ein paar Wochen wurde das neueste Marsimoto-Album veröffentlicht. „Ring der Nebelungen“ heißt es, ein Titel der in die Marihuana-Liebeserklärungsreigen passt, im Vergleich zu „Grüner Samt“ aber ganz schön albern klingt. In den neuen Songs mixt Marsi gekonnt den Traum der jamaikanischen Kifferromantik mit dicken Bässen. Sein Großstadtdschungel verheißt sweet Dreams in green Berlin. Diese beiden musikalischen Welten könnten Tausendsassa Marten Laciny gerade so ausreichen.


Marteria ist mittlerweile 32, der Schnitt des Publikums etwas jünger. Frenetisch singen sie mit: „Alle haben 'nen Job – ich hab Langeweile, keiner hat mehr Bock auf Kiffen, Saufen, Feiern....“ Vom momentan erfolgreichsten Hip-Hopper könnten sie, wenn sie wollten, noch was übers Altern lernen. Aber noch sind sie nicht soweit, feiern lieber, anstatt zu golfen.