Stadtgeschichte

Das ist die Geschichte der Köpenicker Straße

"Preußen am Schlesischen Tor" zeichnet die Geschichte einer Kreuzberger Straße nach. Viele unbekannte Details kommen dabei ans Licht.

Ecke Köpenicker: Geschichte von unten am Beispiel einer Straße

Ecke Köpenicker: Geschichte von unten am Beispiel einer Straße

Foto: Amin Akhtar

Die Köpenicker Straße beginnt mit einem Wunsch. Das ist ungewöhnlich. Normalerweise erwachsen Ausfallstraßen aus dem Gebrauch. Sie führen, nicht immer gerade, von einem Ort über einen anderen zu einem dritten, weil man dort Handel betreibt oder ein Gewerbe. Die Köpenicker Straße aber geht entlang der Spree über Sand und Sumpf. Sie ist, so schreibt der Stadtforscher Dieter Hoffmann-Axthelm, durch „landschaftliche Gegebenheiten“ nicht beeindruckt, sondern bei ihrer Anlegung im Jahr 1589 allein ein Produkt „fürstlicher Willkür“.

Mit einem Wunsch beginnt auch die Geschichte der Köpenicker Straße, die im Berlin Story Verlag erschienen ist („Preußen am Schlesischen Tor. Die Geschichte der Köpenicker Straße 1589–1989“, 512 Seiten, 49,95 Euro). Dem Wunsch, Geschichte anders zu erzählen. Es geht dem Autor nicht darum, ein Dokument der lokalen Erinnerung geschaffen zu haben. Vielmehr versucht sich Hoffmann-Axthelm in der Erklärung gleich einer ganzen Epoche.

Preußen, von unten her erklärt

Davon zeugt schon der groß angelegte Titel des Werks „Preußen am Schlesischen Tor“. Der Staat wird hier auf seinem Weg zum größten und mächtigsten der deutschen Staaten von unten her erklärt. Nicht durch Erlässe, Kriege und Eroberungen der Kurfürsten, späteren Könige und zuletzt Kaiser, sondern durch Bauanträge, Pläne, Gesundheitsberichte und Kaufverträge ergibt sich ein Bild Preußens. Ökonomie spielt hier die Hauptrolle. So ist Hoffmann-Axthelm anhand des Beispiels einer Straße ein Bild preußischen Lebens gelungen.

Die cöllnische Seite war aufgeweckter als die berlinische. Gustav Stresemanns Eltern betrieben hier eine Brauerei, Andreas Schlüter erbaute hier – am Ende seiner Karriere - ein Gartenhaus. Entlang der Köpenicker Straße lagen die großen Holzmärkte, der königliche, der des Magistrats, der Stabholzmarkt und die Kalkscheunen. Dass Vattenfall an dieser Stelle heute sein Werk hat, ist nur eine Fortführung der Tradition der Energiegewinnung. Die Straße war Kasernenstandort und bot Platz für berühmte Gärten, wie dem von Daniel Itzig, einem der bedeutendsten jüdischen Bankiers in Preußen.

Reitweg im Sand

So ganz ohne große Namen und große Zusammenhänge wollte Hoffmann-Axthelm sein Werk dann aber doch nicht lassen. So stellt er die Köpenicker Straße in eine Reihe mit der Allee, die Cosimo I. de‘ Medici 1550 in Florenz entlang des Arno anlegen ließ und die, die später seine Enkelin Maria de‘ Medici entlang der Seine plante. Immerhin war der mit der Bauverwaltung betreute Graf Lynar, ja auch mit Cosimo I. erzogen worden. Doch während der toskanische Großherzog seine Allee auch zur Kolonialisierung des umliegenden Territoriums nutzte, blieb es beim brandenburgischen Kurfürst letztendlich doch erstmal bei einem Reitweg im Sand.

Besonders lesenswert ist die Geschichte der hier angesiedelten Kattunindustrie. Hoffmann-Axthelm erzählt sie anhand von Persönlichkeiten. Johann Friedrich Dannenberger beispielsweise, einem Selfmademan aus bürgerlichem Haus, dessen Talent in einer der Fabriken entdeckt wurde. Er führte die Druckmaschinen und die chemische Bleiche in Berlin ein, schmuggelte Einzelteile aus englischen Werken. Seine spätere eigene Fabrik in unmittelbarer Nähe zum Schlesischen Tor wurde schließlich sogar von England aus bewundert.

Erfinder Kreuzberger Stadtgeschichte

Hoffmann-Axthelm, der sich als der Erfinder Kreuzberger Stadtgeschichte sieht, hat über sechs Jahre lang in Archiven und Aktenkellern Material über diese Straße, ihre Bewohner und Erbauer gesichtet. Mit Akribie hat er die Historie jedes einzelnen Grundstücks nachvollzogen. Er hat die Entwicklungen von Bleichtechniken, Holzhandel und die Geschichte des Militärs in seiner Forschung verarbeitet. Seine Geschichte der Köpenicker Straße ist eine Geschichte des leider stellenweise etwas zu genau erforschten Details. Über 500 Seiten umfasst sein Werk und etliche Abbildungen.

Dieter Hoffmann-Axthelm ist bekannt als scharfer Kritiker der Berliner Stadtplanung. Sein 2013 erschienenes Buch „Berlin-Testament“ ist Abrechnung mit der hiesigen Politik zur Zeit nach dem Mauerfall, in der Hoffman-Axthelm sie entscheidend mitprägte. Soviel Haltung und Meinung findet sich in seinem jetzt erscheinen Buch „Preußen vor dem Schlesischen Tor“ nicht. Aber das Werk ist auch bereits 25 Jahre alt, geschrieben hat der Autor es 1989, noch vor dem Fall der Mauer. „Man hatte die Geschichte der großen Männer und der großen Überschriften satt“, erklärt der Autor den Geist, in dem es entstand.

Als er die Gegend erforschte, war die Straße noch geteilt in Ost- und Westberlin und auf beiden Seiten zum Randgebiet verkommen. Um von seiner Wohnung nahe des Schlesischen Tors ins Stadtarchiv in der Breiten Straße zu kommen, war jedes Mal ein Grenzübergang nötig. Die Arbeit im Archiv auf Ostberliner Seite war geprägt vom Misstrauen. „Es war, als würde ich seinem Staate etwas entwenden, was mir als Westler nicht zustand“, schreibt Hoffmann-Axthelm.

Das vorindustrielle Herz

Die Köpenicker Straße ist heute wieder ein Wunschort. An ihren Fabrikruinen und verlassenen Funktionsgebäuden sind große Schilder angebracht, die sich eine luxuriösere Zukunft dieser runtergekommenen Gegend herbeisehnen. Studios, Penthouses und Dachgärten werden darauf versprochen, viel Glas, Kubismus, und weiße Balkons sind auf den Simulationen zu sehen.

Die heutigen Fürsten der Stadt, die Investoren, üben auf ihre Art ihre Willkür. Das neue Wohnen in Berlins Mitte wird angepriesen, und die Namen der Projekte, „Alte Seifenfabrik“ oder „Spree Greens“, verweisen zurück in die Vergangenheit – die Zeit, als hier die Bürgergärten und die Meiereien auf der einen Seite lagen, und auf der anderen, hin zur Spree, das vorindustrielle Herz Berlins war.