Oper

„Ein Frauenversteher war Luther nicht“

Der Berliner Komponist Siegfried Matthus eine Luther-Oper zum Reformationsjubiläum

Mit Opern wie „Graf Mirabeau“, „Farinelli“ oder „Kronprinz Friedrich“ hat sich der Berliner Komponist Siegfried Matthus, 81, einen Namen gemacht. Jetzt bereitet er zum Reformationsjubiläum 2017 eine anderthalbstündige Oper über Martin Luther vor, die der Berliner Dirigent Christian Thielemann in Dresden uraufführen will.

Berliner Morgenpost: Was treibt einen Komponisten um, sich einen Reformator als Hauptfigur auszusuchen?

Siegfried Matthus: 2017 ist das Reformationsjubiläumsjahr und ein Freund hat mich auf Luther aufmerksam gemacht. Daraufhin habe ich das Leben Luthers studiert. Er ist eine faszinierende widersprüchliche Persönlichkeit. Die große Tat der Reformation kennt jeder, aber was er sonst noch geleistet hat, wissen doch eher wenige.

Eine reibungslose Heldenfigur ist der Tod für jede Oper?

Wie Luther gehandelt und geredet hat, war teilweise schlimm. Darin ist er für mich mit Richard Wagner vergleichbar. Das war auch ein Mann der Widersprüche, einerseits ein genialer Schöpfer, andererseits als Antisemit ein Zerstörer. In einer Oper kann man reale Szenen mit Luthers Partnern und Widersachern nicht im historisch zeitlichen Ablauf wiedergeben, deshalb habe ich die Dramaturgie der Träume gewählt. Ich lasse meine Opernfigur Luther träumen. Dadurch habe ich die Freiheit, vieles zu behandeln oder auch wegzulassen. In mehreren Träumen belagern ihn etwa schöne Teufelinnen. Wer kann mir nachweisen, dass er diese Träume nicht gehabt hat?

Wie geht dieser sinnliche Albtraum aus?

Luther war sicherlich kein Frauenversteher, er sah Frauen nicht als geistige Partner. Im Traum wehrt er sich erst einmal gegen die Teufelinnen. Aus der Biografie wissen wir aber, dass er dann die flüchtige Nonne Katharina von Bora geheiratet hat. Alle Texte der Oper sind Originalzitate, entweder von Luther, Philipp Melanchthon, Thomas Müntzer, dem Ablassprediger, oder der Bora. Darüber hinaus habe ich Texte aus der Bibel genommen.

Sind Sie bibelfest?

Hmm, ich habe eine Bibel. Als Kind habe ich sie mal ganz durchgelesen. Ich weiß schon, wo ich die richtigen Stellen finde.

Muss man, wenn man sich mit Luther künstlerisch befasst, selber religiös sein?

Ich komponiere Mörder, Revolutionäre, arrogante Politiker, untreue Liebhaber – das muss ich, um Gottes Willen, doch nicht alles selbst sein. Die Reformation behandle ich relativ knapp, und zwar über die Argumente von Luthers Gegnern auf dem Reichstag in Worms. Ich lasse dort all die Dinge benennen, die er widerrufen soll. Das ist eine dramaturgische Möglichkeit, seine Lebensleistung kurz und knapp darzustellen.

Wenn man sich so lange mit einer Figur befasst, wie groß wird die Identifikation?

Ich habe ihn sehr kritisch gesehen. Das schwierigste Kapitel war für mich sein Antisemitismus. Er hat sich da sehr gehen lassen. Ich lasse ihn in der Oper seine furchtbaren Texte geifern, aber das Orchester schweigt. Und dann steigen alle Sänger aus der Rolle aus und sagen: Halt ein!

Weltveränderer und Reformatoren tragen immer auch etwas Zerstörerisches in sich.

Das ist richtig. Aber Luther hat sich in seiner Wut verrannt. Viele wollen das mit dem Zeitgeist erklären. Aber als Komponist muss ich seine Widersprüchlichkeit nicht erklären, sondern ästhetisch erfahrbar machen.

Was hat Sie am meisten fasziniert an ihm?

Dass er so standhaft geblieben ist. Dass er sich gegen die Kirche durchgesetzt und geheiratet hat. Und: Er ist durch seine Bibelübersetzung der Schöpfer der deutschen Sprache. Luther ist eine Weltfigur. Ich bedaure es, dass sich nicht ein Mann wie Shakespeare dieses Stoffes angenommen hat. Das wäre spannend gewesen, was er aus dem Leben alles herausgelesen hätte.

Was war der innere Konflikt Luthers?

Es war schon sehr mutig, gegen den Ablasshandel des Papstes vorzugehen. Als Priester litt er unter seiner Kirche. Es offenbart seinen Gerechtigkeitssinn, seine Unbestechlichkeit. Das sind schon Eigenschaften, die zu Konflikten führen müssen.

Sie gehen mit Luther auf den Opernmarkt. Wie waren die Reaktionen?

Die großen Theater haben sich alle dafür interessiert, aber 2017 ist bereits durchgeplant. Christian Thielemann hat das Libretto gelesen und möchte die Oper an der Dresdner Semperoper aufführen. An dem Haus bin ich in der Spielzeit 2016/17 Capellcompositeur der Staatskapelle. Über einen Uraufführungstermin sind wir im Gespräch. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von mittleren Theatern wie Halle, Radebeul oder Schwerin, die darauf warten, es nachzuspielen.

Das klingt nach mühsamen Gesprächen.

Ich komme mit meiner Oper etwas zu spät. Die zeitgenössische Oper hat es heute nicht leicht. In den 70er- und 80er-Jahren war es noch einfacher. Es hängt auch damit zusammen, dass in der Allgemeinbildung vieles vernachlässigt wird. Ich setze mich mit dem Bildungsministerium gerade dafür ein, dass im Land Brandenburg ein Unterrichtsfach eingeführt wird, wo über nationale kulturelle Traditionen ähnlich wie im Geschichtsunterricht gesprochen wird. Es geht um den immateriellen Reichtum, der von Generation zu Generation weitergegeben werden muss. Wenn sich nicht bald etwas ändert, dann sind wir dabei, diesen großen kulturellen Reichtum, um den uns die ganze Welt beneidet, leichtfertig zu vergeben.

Ihr Festival Kammeroper Schloss Rheinsberg haben Sie im letzten Jahr an Ihren Sohn Frank übergeben. Wie schmerzlich waren die letzten Monate?

Ach, für mich war es eine Erleichterung. Als Festivalleiter muss man sich mit vielerlei Dingen auseinandersetzen. Ich war Organisator der täglichen Probleme und Seelsorger für junge Sänger, und andauernd musste man die Wetterberichte studieren. Ich bin sehr froh darüber, dass Frank einen guten Einstieg hatte. Außerdem bekomme ich Freikarten zu den Premieren.