Radio Paradiso

Durch die Berliner Nacht in b-Moll

Der christliche Sender Radio Paradiso liefert den Soundtrack einsamer Großstädter. Die Soft-Hits kommen gut an.

Radio Paradiso residiert am Wannsee

Radio Paradiso residiert am Wannsee

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Nächte, deren Stunden in irgendeiner Bar vorbeifliegen, münden immer in zwei Gefühlen: Euphorie oder Weinerlichkeit. Besser enden sie in jedem Fall, wenn man erschöpft auf die Rückbank eines Taxis fällt und dort die passende Musik läuft. Wenn dann, in einer Nacht der aufgekratzteren, glücklicheren Sorte, „Don’t stop me now“ von Queen gespielt wird. Man den Taxifahrer bittet, lauter zu machen, das Fenster runterfährt und die Lichter vorbeirauschen.

Am Ende ist es auch ein Taxifahrer, der die Sache auf den Punkt bringt: „Die spielen viel Musik, nicht so viel Gequatsche. Die erzählen zwar ab und zu mal, Jesus hat dieses und jenes gesagt, aber man weiß ja, dass das nur erfunden ist.“ Und das ist genau das, was Radio Paradiso ausmacht, Deutschlands einziger privater christlicher Radiosender. Mit diesem Ansatz scheint man bei Paradiso vieles richtig zu machen. Der Sender ist der Lieblingssender der Berliner Taxifahrer und ihrer Fahrgäste.

Mit Gebet und Glockengeläut

Wie aber kann es sein, dass ein so aus der Zeit gefallenes Ding wie Paradiso den Soundtrack einsamer Nächte liefert? Alles beginnt im Februar 1997, als Paradiso die UKW-Frequenz 98,2 in Betrieb nimmt. Mit einem Gebet und Glockengeläut. Gegründet auf Initiative des Evangelischen Presseverbandes Nord. Bis heute der Hauptgesellschafter. Der Sender soll von seinen idyllisch gelegenen Räumen am Kleinen Wannsee im Gewölbe der Immanuel-Diakonie und unter Protest christlicher Bildungsbürger „auf unkonventionellem Wege die Menschen wieder oder zum ersten Mal mit dem Christsein konfrontieren“.

Kein einfaches Unterfangen. Berlin gehört mit 36 Sendern, darunter 22 privaten, zu den hart umkämpften Radiomärkten Europas. Während der Anteil der Christen im gesamten Land bei etwa 62 Prozent liegt, beläuft er sich im von Einwanderern und durch den konfessionslosen Osten geprägten Berlin auf gerade mal 27 Prozent. Daher war immer klar: Paradiso kann kein Radiosender der Kirche sein, sondern lediglich einer mit christlicher Grundausrichtung. Das heißt: keine Kirchenmusik, dafür aber den Morgensegen, eine sonntägliche Andacht, das Vaterunser, mehrmals stündlich die „Gedanken zum Auftanken“, eine Art „Besinnlichkeitssnack“ für zwischendurch. Früher gab es auch Brandreden gegen die Scheidung.

„Man kann ja Werte statt kirchlich auch ethisch-moralisch interpretieren“, sagt Joachim Radünz. Der ausgebildete Hörfunkjournalist und ehemalige Afrika-Korrespondent, bei dem Musik noch „Mucke“ heißt, ist seit einem Jahr Paradisos Programmdirektor und arbeitet mit einer Redaktion von zwölf Mitarbeitern daran, es zu einem weltoffenen Sender mit humanen Werten zu machen. So gibt es heute die „Großen Worte der Menschheitsgeschichte“, die ebenso von John F. Kennedy oder Richard Weizsäcker stammen können und auch den atheistischen Hörer nicht verschrecken. Jeden Abend läuft eine Spezialsendung wie die Kolumne „Mehr als Ja und Amen“. Den Sendernamen sagt mehrmals stündlich die angesexte Synchronstimme von Julia Roberts an. „Aber Inhalte hin oder her: 80 Prozent unserer Hörer schalten uns wegen der Musik ein“, sagt Radünz. Und da liegt das Geheimnis von Paradisos Erfolg: in den „Soft Hits“.

Eingängig, ohne dödelig zu sein

„Unsere Leute wollen entspannte Musik haben“, erklärt Radünz. Musik die „eingängig ist, ohne dödelig zu sein“. Musik in getragenem Tempo, ohne Beat. Kein Dance, kein Hip-Hop. Kuschelrock aber schon. Ein Raster, durch das Pharrell Williams’ „Happy“ nur aufgrund seiner Bekanntheit nicht gefallen ist. Denn auch das ist Teil des Konzepts, was Schriftsteller Max Goldt folgendermaßen beschreibt: „Das Publikum klatscht doch nicht, weil ein Lied besonders gut ist, sondern weil es ein Lied bereits kennt. Es beklatscht sein eigenes Gedächtnis.“ Es beklatscht „The Most Beautiful Girl in the World“ von Prince, „My Girl“ der Temptations und alles von a-ha. Seit Radünz am Ruder sitzt, auch die dunkel verhallten Depeche Mode.

Paradiso erzählt von einer Zeit, die weniger schnell und anstrengend gewesen zu sein scheint, weniger digital. Als Pop noch Leben retten konnte und Phil Collins’ „Follow you, follow me“ noch nicht mit Twitter assoziiert wurde. Das Durchschnittshöreralter liegt heute bei 49 Jahren, mit vielen um die 60-Jährigen. Aber ein Sechstel der Hörer ist zwischen 20 und 25 Jahren alt. Die große Zeit des Senders bricht um 21 Uhr an – sonnabends schon eine Stunde früher –, wenn die Moderatoren nach Hause gehen, die Wortbeiträge wegfallen und Paradiso ausschließlich Musik spielt.

Gute Musik, stilsicher

Alle Lebensbereiche, von der Schallplattensammlung über die Garderobe, den Instagram-Account und die Freundeskreise, sind inzwischen sorgfältig durchkuratiert. Da befreit einen das Einschalten eines Radiosenders vom Lifestylestress, der mit eben diesem ständigen Auswahlprozess verbunden ist. Radio streichelt die Seele des erschöpften Geschmacksmenschen. Statt der eklektisch durchgeplanten Playlist liefert Paradiso eine Zusammenstellung guter Musik; und das seltsam stilsicher. Heimeligkeit, die frei Haus kommt. Oder wie es ein Taxifahrer formuliert: „Das ist wie Klassikradio, nur mit Pop.“

Mit dem Konzept, ausschließlich getragen-eingängige Musik zu spielen, ohne Beat, war Paradiso seiner Zeit zufällig ziemlich voraus. „Die Soft-Hit-Nummer ist das, was gerade alle haben wollen, auch die Hitradios“, sagt Radünz. Der Sender bewirbt sich mittlerweile deutschlandweit um Lizenzen. Der softe Sound bestimmt seit ein paar Jahren das Radiogeschäft. Der Jingle-Komponist stellte fest, dass 80 Prozent der Songs, die auf Paradiso laufen, in b-Moll gehalten sind, der dunkelromantischen Tonart, der Stimmung von U2s „Sunday, Bloody Sunday“, Lou Reeds „Perfect Day“ und „Hotel California“.

Da liegt das Geheimnis von Radio Paradiso: In einer Zeit der allseits verordneten Diktatur der guten Laune schafft es Inseln sanfter Melancholie.