Musik

Ein Mann namens Allie und der Filmsound seines Lebens

Melodien findet er leicht, Auftritte schwierig: Florian Boss nennt sich Allie und lässt die Stimmen in seinen Liedern sprechen.

Sein neues Album ist erschienen: Melodien findet er mitunter leicht, erzählt Allie, Texte seien da schon schwieriger

Sein neues Album ist erschienen: Melodien findet er mitunter leicht, erzählt Allie, Texte seien da schon schwieriger

Foto: Sergej Glanze / Glanze

„Allie“, das ist ein Album, Musik, die einen auf Reisen schickt, wegschickt, etwa in einen Wald, einen sehr heißen Wald. So heiß, dass es einen in die Knie zwingt, in ein Zelt, das Vorzelt ist geöffnet, man sitzt im Eingang, schaut heraus in das leicht beschienene Dunkel, sieht, wie dichter, heißer Nebel zäh aus dem betannennadelten Grund aufsteigt.

Gras und Blätter wachsen üppig, sie glitzern, es ist Tau, der sie bedeckt, es sind Schneckenspuren, die auf ihnen zurückgeblieben sind. Ihr Glitzer ist klebrig, zart, wie der Film, der die eigene Haut bedeckt. Man schwitzt.

Man sehnt sich nach Erfrischung

Ganz nah an der eigenen glühenden Ohrmuschel hört man eine Stimme wispern, so leise, dass sie einen kühlt, sich einem die kleinsten Härchen aufstellen: „Thinking ’bout how it’s getting cold with one foot on the icy road“, sing-flüstert die Stimme. Icy.

Man sehnt sich nach Erfrischung, man sucht mit den Augen, aber alles, was man entdeckt, irgendwo in der Ferne, hinter den Tannen, im tiefsten Dunkel, ist nur ein Schnipsen, langsam, leise und daneben, dahinten, muss jemand klatschen, verzögert, verzerrt, aber all das erschrickt einen nicht.

Musik ganz alleine machen

Hinter dem Album „Allie“ steckt der Künstler Allie und dahinter wiederum der 27-jährige Wahlberliner Florian Boss. Seitdem er zwölf ist, macht er Musik. Damals noch in Bands. Punkmusik. Rockmusik. Gitarre, Schlagzeug, Bass. Gesungene Wut, gesungenes Jung- und Junge-Sein, gemeinsam mit seinem Bruder, gemeinsam mit anderen.

2007 zieht er nach Berlin, hört viel Animal Collective, leistet Zivildienst und sitzt nach Feierabend allein in seiner WG, nimmt die Gitarre in die Hand, eine Akustikgitarre, alles andere wäre in der Wohnung – so rücksichtsvoll ist er – zu laut, und beginnt, Musik zu machen. Zu singen, zu spielen, alleine als Allie. Er sagt, das war befreiend für ihn, zu sehen, dass er, um Musik zu machen, keine Band braucht, dass er das auch allein kann.

Krank vor jedem Konzert

Anfangs hat er sich nur mit dem Handy aufgenommen, dann beginnt er ein Studium. Ein Praktikum bringt ihn für ein halbes Jahr nach New York. Hier besucht er Konzerte, unendliche viele, sagt er, und erzählt seinen Freunden, dass er auch Musik macht, und sie laden ihn ein ins zwei Stunden von New York City entfernte Woodstock.

Hier hat er seinen ersten Auftritt. Und es ging ihm schlecht, sagt er, sehr schlecht. Allie ist schmal, schwarz gekleidet. Er trägt eine Kappe. Und man kann schon so sagen, ein wenig schüchtern. Vor seinen ersten Konzerten, sagt er, sei er jedes Mal krank geworden. Nicht nur Lampenfieber, richtiges Fieber habe er gehabt, richtig schlimm und alles vor Aufregung.

Sieben Wochen durch Europa

Aber er lässt sich davon nicht abhalten. Natürlich nicht. Macht weiter. Spielte Soloshows und Open Mics. Nahm ein Album auf, buchte Konzerte, spielte dann auch in Deutschland. Nahm noch mehr Musik auf, verschickte sie an etliche Labels. Bekam einen Plattenvertrag und nahm das Album „Uncanny Valley“ auf. Die deutsch-griechische Band „Sea & Air“ nahm ihn mit auf Tour, danach tourte er solo weiter.

Sieben Wochen fuhr er vergangenes Jahr alleine mit dem Auto durch Europa. Besonders in Südfrankreich sei er gut angekommen, sagt er. Aber auch Berlin gefällt, was er macht. Das Musicboard verlieh ihm ein Künstlerstipendium. Von dem Geld kaufte er sich Equipment, Synthesizer sowie Drum Pads und nahm ein neues Album auf – „Allie“. Gerade ist es erschienen.

Melodien kommen schnell, Texte nicht so

Er sagt, Melodien finde er mitunter leicht. Einfach wenn er ein wenig auf dem Synthesizer herumklimpere. Die Texte dauern bei ihm länger, denn, er sagt, sie seien nicht autobiografisch, kein Tagebuch, das fände er eher langweilig. Er möchte was anderes, Geschichten, Konflikte erzählen, solche, die ihn interessieren. Sein Opener-Track „Wtf4“ ist Spoken Word, vorgetragen von dem Berliner Rapper und Dichter Black Cracker. Allie sagt, das Stück sei für ihn wie eine Bucheinleitung.

Die Stimmen in seinen Liedern, die leise flüstern – „Thinking ’bout how it’s getting cold with one foot on the icy road“ –, seien Charaktere, inspiriert von Wes-Anderson-Filmen, leicht größenwahnsinnige Helden, Angeber, die aber dann doch auf eine Art sehr sympathisch seien. „Die Tiefseetaucher“, das sei sein Lieblingsfilm. Aber auch der im Jahr 2019 spielende Scifi-Klassiker „Blade Runner“, habe ihn inspiriert, sagt er. Sein Soundtrack, die dunklen, von bunten Neonröhren beleuchteten Bilder, Harrison Fords Stimme, das Flirren, das Funkeln, Surren, all das kann man in seiner stark atmosphärischen Musik wiederfinden.

Ein Pharao traut sich nicht aus dem Sarg

Seine Lieder heißen „Needle in The Hay“, „The Great“ und „This Is How I Go“. Seine Texte, sagt er, die baut er aus Wörtern, die er gesammelt hat. Icy. Wörter, die ihm gefallen, weil er sie gerne ausspricht. Wörter, die er in Liedern von anderen Künstlern falsch verstanden hat und dann nachrecherchiert, er sammelt Wortgut, klaubt und collagiert es in seinen Liedern und dichten Stimmungsteppichen zusammen.

So erzählt er in „The Great“ von einem Charakter, der starke Schuldgefühle hat, weil er nicht trauern kann. Und in „No no no no“ von einem Pharao, der sich nicht raustraut aus seinem Sarg. So klingt „Allie“ textlich wie ein Film und musikalisch wie Filmmusik. Film, ja, sagt er, das hört er öfter, vielleicht sei das sein Genre.

Tricks im Zauberzirkel

Ab Oktober wird er auf Tour gehen. Dieses Mal nicht allein, zwei Musikerinnen begleiten ihn. Sie sind sein Chor, sie bedienen Drum Pad und Synthesizer. Allie singt und spielt Gitarre. Häufig mit geschlossenen Augen. Vielleicht wird ihn auch dann und wann mal wieder ein Zauberer als Vor-Act begleiten. So wie bei seiner Record Release Party vor ein paar Wochen in Berlin. Denn wenn Allie keine Musik macht, dann trifft er sich mit einem Zaubererzirkel. Gemeinsam, sagt er, trinken sie Whiskey und zeigen sich Tricks.

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