Ausstellung

Graffiti-Kunst aus Persien - Oham One in Berlin

| Lesedauer: 6 Minuten
Eva Lindner
Schnelle Übung an der Graffiti-Mauer: Für einen Schriftzug braucht der iranische Graffiti-Künstler Oham One etwa zehn Minuten

Schnelle Übung an der Graffiti-Mauer: Für einen Schriftzug braucht der iranische Graffiti-Künstler Oham One etwa zehn Minuten

Foto: Ricarda Spiegel

Ein junger Iraner präsentiert die besten Streetart-Künstler seines Landes – in der ersten persischen Graffiti-Ausstellung Berlins.

In Deutschland ist es schlimmsten Falls Vandalismus, im Iran kann ein Graffiti-Künstler für ein illegales Bild an einer Wand im gefürchteten Gefängnis Evin landen. Trotzdem hat der 23 Jahre alte Mann, der sich in der Szene Oham One nennt, es immer wieder gewagt und seine Kunst an die Mauern und Wände Teherans gesprüht. Was er riskiert hat? „Der Geheimdienst des Regimes hätte mich erwischen können. Dann hätten sie mir die Augen verbunden, mich an einen unbekannten Platz gebracht, verhört, tagelang, vielleicht wäre ich in Evin gelandet und gefoltert worden, monatelang“, sagt der junge Iraner auf Deutsch. Er weiß, dass illegale Graffitis auch in seiner neuen Heimat Deutschland verboten sind und er hält sich daran. Denn was dem Asylbewerber hier droht, macht ihm mehr Angst als Evin – die Abschiebung.

„Spannende Subkultur im Iran“

Seit zwei Jahren warten Oham und seine Mutter auf einen Bescheid, was aus ihnen wird. Oham verbringt die Zeit damit, sich selbst Deutsch beizubringen und Graffitis auf Leinwände zu sprühen. 100 bis 200 Dosen hat er im Schrank stehen. Kaum eines seiner Kleidungsstücke sei ohne Farbflecken. Weil er immer wieder feststellt, wie wenig die Deutschen über den Iran wissen, hat er zusammen mit vier anderen Künstlern die Ausstellung „Tehran94“ organisiert: Graffiti-Kunst von iranischen Sprayern aus New York, London, Teheran und Deutschland.

Bis Donnerstag zeigt der Kunstraum „Somos“ in Neukölln 25 Werke, darunter Schrift-Graffitis, figürliche Bilder, Grafiken, Kurzfilme, Schablonenkunst und Skulpturen aus Dosen. „Viele Deutschen denken, im Iran laufen Kamele rum und die Menschen dort sind konservativ oder sogar Terroristen“, sagt Oham. „Wir wollen mit unserer Kunst zeigen, dass wir trotz der schlechten Politik gute Menschen sind und uns nicht besonders von den Deutschen unterscheiden. Wir sind modern und haben eine spannende Subkultur.“

Eigentlich hätten er für die Ausstellung noch fünf Kunstwerke mehr gehabt, sie wären von einem iranischen Sprüher gekommen, der in Kanada lebt. Die sperrigen Leinwände hatten es schon bis zum deutschen Zoll geschafft, als die Post streikte und die Abholungsbenachrichtigung irgendwo liegen blieb. „Bis wir endlich Bescheid wussten, hatte der Zoll die Sachen schon wieder zurück nach Kanada geschickt“, sagt Oham.

„Im Iran haben junge Menschen wie ich keine Zukunft“

Für die Ausstellung ist der 23-Jährige, der eigentlich in Aschaffenburg untergebracht ist, nach Berlin gekommen. An der legalen Graffiti-Wand im Mauerpark zeigt er, was er übt, seit er 16 Jahre alt ist: Er sprüht er einen Schriftzug in Farsi in Rot und Minzgrün auf den Beton. Dämpfe steigen von seinen Dosen auf, der beißende Geruch von Lack liegt in der Luft. Wer es versteht, liest von rechts nach links seinen Künstlernamen, „Oham“, übersetzt heißt das Illusion. „Im Iran haben junge Menschen wie ich keine Zukunft“, sagt er. Seinen richtigen Namen will er nicht veröffentlichen, auf Fotos zeigt er sich lieber mit Sonnenbrille. Schließlich will er seine Kunst auch irgendwann auf Wände sprühen, die mehr Beachtung finden, illegale Wände.

In Teheran gehörte er zur ersten Generation der Graffiti-Künstler, etwa 20 Profis gebe es im Land. Seine Spezialität ist typisch iranische Kunst wie Kalligraphie und Miniaturen. Im Gegensatz zu deutschen Sprayern stellt er weniger „Character“, also figürliche Bilder, her. Für „Hichkas“, einen der bekanntesten Rapper des Iran, der auch einige Zeit in Deutschland lebte, schreibt Oham Texte. „Gedichte“ nennt er sie, sie sind politisch, lyrisch, intellektuell.

Flucht aus Teheran

Nach zehn Minuten ist sein Schriftzug fertig, für ein großes „Piece“, also ein Werk, braucht er zwei bis drei Stunden. Im Iran hat er das auf der Straße am Ende nicht mehr oft gewagt. „Das Regime denkt, Graffiti-Künstler sind Satanisten oder Freimaurer“, sagt er.

Vor zwei Jahren floh Oham mit seiner Mutter nach Deutschland. Das hatte aber nichts mit seiner Kunst zu tun, Oham war die meiste Zeit mit seinem Grafik- und Textildesign-Studium in Teheran beschäftigt. Aber er und seine Mutter praktizieren den esoterischen Glauben des „Interuniversalismus“, den der schiitische Staatsislam anfangs geduldet und später, als er sich zur Massenbewegung entwickelt hat, als falsche Mystik verfolgt hat.

Weil Ohams Mutter eine Meisterin des Glauben ist, stand schon bald die Sicherheitspolizei vor der Tür. Dreimal zogen die beiden um, versuchten sogar unterzutauchen, doch bald schon standen ihre Namen „auf der Liste“, wie sie von einem Freund erfuhren. Im schlimmsten Fall droht Abtrünnigen der Staatsreligion, gehängt zu werden. Mutter und Sohn versteckten sich 15 Tage lang, dann flohen sie über Frankreich nach Deutschland, wo schon ein Onkel wohnt. Heute leben die beiden in einem Dorf in der Nähe von Aschaffenburg und hoffen, dass die Behörden ihre Aufenthaltsgestattung in ein Bleiberecht umwandeln.

Weil Oham weiter Kunst studieren will, hat er sich vergangenes Jahr an der Hochschule für Künste in Bremen für den Studiengang Integriertes Design beworben – und wurde genommen. Doch wegen der Residenzpflicht darf er als Asylbewerber seinen Landkreis nicht verlassen, also musste er seinen Studienplatz wieder abgeben. Gerne würde er sich noch mal bewerben, aber erst einmal müsse sich sein Aufenthaltsstatus klären. Bis dahin will er weiter von zuhause aus an seinen Graffitis arbeiten. Der ersten persischen Graffiti-Ausstellung in Berlin soll im nächsten Jahr eine zweite folgen. Vielleicht könne man einen Verein gründen, es gäbe noch viel Bedarf an iranisch-deutschem Kulturaustausch. Auch das Berliner Fenster mit seinen Bildschirmen in den U-Bahnen, macht auf die Ausstellung aufmerksam. Zur Eröffnung hatten auf Facebook 12.000 Menschen zugesagt – die Besucher warteten in langen Schlangen vor der Tür auf Einlass.

SomoS, Kottbusser Damm 95, bis Donnerstag, täglich 14-19 Uhr