Berlin-Konzert

Die Puhdys hören auf, echt jetzt

Die Puhdys machen Schluss, so fast jedenfalls. Auf ihrer Abschiedstournée spielten sie jetzt in der Wuhlheide.

Die Puhdys sind auf Abschiedstour

Die Puhdys sind auf Abschiedstour

Foto: dpa

Irgendwie glaubt ihnen das doch kein Mensch. Die Puhdys und aufhören. Wo gibt's denn sowas? Die waren doch irgendwie immer da. Im Osten wie im Westen. Die Konsensband in einem geteilten Land. Die Musiker, die gezeigt haben, dass sich auch mit deutschen Texten fern des Schlagers guter Rock machen lässt. Als die Mauer gefallen war, haben sie sich nach kurzfristiger Auflösung berappelt und einfach weitergemacht. Und doch haben die Puhdys nun den langen Abschied ausgerufen.

Im vergangenen Herbst, im Jahr ihres 45-jährigen Bestehens, starteten sie in der O2 World zu einer großen Abschiedstournee, die sie am Sonnabend zum betont „allerletzten Mal" in die Freilichtbühne Wuhlheide führte. Und rund 14.000 Fans, die sich so jung fühlen wie die älteren Herren da oben im Rampenlicht, singen alle Hits mit und drücken insgeheim die Daumen, dass das mit dem Aufhören eher etwas mit Altersstarrsinn zu tun hat und die Lust auf Bühne vielleicht doch noch einmal siegt.

"Geh zu ihr" und die Stimmung kocht

Nach dem Vorprogramm der Berliner Poprock-Band Goldmannpark, bei der mit Tom Groß der Enkel von Puhdys-Keyboarders Peter Meyer am Schlagzeug sitzt, eröffnen die Puhdys den Abend mit „Mein Schiff", einem Stück vom 2012er-Album „Es war schön". Um gleich darauf mit „Geh zu ihr" die Stimmung anzufachen. Der Song erschien 1973 als Filmmusik zu Heiner Carows „Die Legende von Paul und Paula". Und erinnerte damals mehr als heute an „Look Wot You Dun" von Slade. Wie der andere Filmsong „Wenn ein Mensch lebt", den es später auch zu hören gibt, ebenso eindeutig an „Spicks and Specks" der Bee Gees gemahnte.

Aus gutem Grund. Eigentlich sollten „Spicks and Specks" und „Look Wot You Dun" zum Soundtrack für „Paul und Paula" gehören. Wurden aber, so geht die Legende, aufgrund von Devisenmangel gestrichen. Also nahm man einfach zwei neue, recht ähnliche Stücke selbst auf. Zum Glück. Beide wurden für die Puhdys zu Hits. Die Originale kennen heute nur noch die wenigsten. Dafür werden die Puhdys-Stücke in der Wuhlheide umso kräftiger mitgesungen.

Inzwischen sind sie zwar langsam wirklich so alt und knorrig wie der Baum, den sie einst besungen haben, aber wer so agil und abgebrüht auf der Bühne steht wie diese fünf Rockkumpane, dem will man den Abschied einfach nicht abnehmen. Trotz der vielen Jahresringe. Die Sänger und Gitarristen Dieter „Maschine" Birr (71) und Dieter „Quaster" Hertrampf (70) und Keyboarder Peter Eingehängt" Meyer (75) sind von Anfang an dabei. Schlagzeuger Klaus Scharfschwerdt (61) wurde 1979 zum Puhdy, Bassist Peter „Bimbo" Rasym (62) gehört seit 1997 zur Band.

35 Alben in 45 Jahren

Okay, alle sind inzwischen in einem Alter, in dem man schon mal ans leiser treten denkt. Vor allem in einer Truppe, die so unermüdlich unterwegs. 35 Alben haben sie veröffentlicht, seit sie am 19. November 1969 in Freiberg zum ersten Mal unter dem Namen Puhdys aufgetreten sind. Und wenig später mit „Türen öffnen sich zur Stadt" ihren ersten Erfolg feiern konnten – der übrigens nicht zum Abschiedsprogramm gehört. Mehr als 20 Millionen Platten haben sie in Ost und West verkauft.

Im Abschiedsprogramm spielen sie sich einmal quer durch 46 Jahre Karriere. Neues und Altes wechseln sich ab. Der Wiedererkennungswert ist hoch. „Melanie" ist so eine Und-jetzt-singen-aber-alle-mit-Hymne. Bei „Kühle Lady" schaukelt eine gigantische Aufblaspuppe mit den Hüften. Als Intro zu „Ich will nicht vergessen" gniedelt „Maschine" die DDR-Hymne „Auferstanden aus Ruinen" in die Saiten. Einige ihrer großen Erfolge hauen sie in einem Medley weg, „Perlenfischer" gehört dazu, „Reise zum Mittelpunkt der Erde", „Sturmvogel" und auch das Lied vom „Ikarus", bei dem „Maschine" ganz im Geiste von Status Quo zu einem ausufernden Gitarrensolo abhebt und dazu auch noch zwei Mädchen aus dem Publikum zum Gitarrenballett auf die Bühne holt.

Und vieles, was sie da singen, klingt keineswegs so, als sollte das nun das Ende sein. In „Lust auf Abenteuer" von 2009 beispielsweise heißt es: „Wir haben keine Langeweile, wir haben noch so viel zu tun, wir haben keine Lust, uns jetzt schon auszuruhn". Ja, wie jetzt? Warum tut ihr es dann? Fragt sich da der gesittet euphorisierte Fan auf den Rängen. Beim Finale stimmen alle im Refrain mit ein: „Es ist keine Ente, wir spielen bis zur Rockerrente". Das Stück ist auch schon wieder gute 30 Jahre alt.

Klar, die biologische Uhr tickt. Und den Musikern juckt es in den Fingern, endlich mal eigene Soloprojekte auf den Weg zu bringen. Ruhe für Neues zu haben. Und nicht mehr dieses stete unruhige Tourneeleben führen zu müssen. Drum haben sie beim Konzert in der Wuhlheide auch ihr definitiv allerallerletztes Konzert angekündigt, genau genommen sogar zwei. Am 1. und 2. Januar 2016 werden die Puhdys nochmals in der Mercedes-Arena auftreten. Danach soll wirklich Schluss sein. Aber mal sehen: 2019 gäbe es da ja ein 50. Bandjubiläum zu feiern.