Kunst

Chiharu Shiota ist in Berlin auf die Wolle gekommen

Biennale Venedig, das Bühnenbild für Sasha Waltz’ "Matsukaze": Die Künstlerin Chiharu Shiota stellt weltweit aus. Ein Besuch.

Ein Schlüsselwerk: Die japanische Künstlerin Chiharu Shitoa vor ihrer Installation "The Key in the Hand"

Ein Schlüsselwerk: Die japanische Künstlerin Chiharu Shitoa vor ihrer Installation "The Key in the Hand"

Foto: Getty Images / AFP/Getty Images

Es ist heiß im Himmel über Berlin. Hanna, Chiharu Shiotas kleine Tochter, kommt ganz leise und ganz nah an den Besucher heran, fragt, ob er ein Eis wolle, Schokolade oder Frucht. In der 200 Quadratmeter großen Loft-Atelierwohnung gibt es wenige Wände, eigentlich nur Panorama-Fenster, ein bisschen wie Kino, überall Berlin von oben, die Dächer, begrünten Terrassen, der Mauerpark, die Schönhauser Allee auf der anderen Seite.

Hier am oberen Ende der Kopenhagener Straße ist der Kiez noch ursprünglich, frei von Szene-Lokalen, auf dem Bürgersteig wird an diesem späten Nachmittag gegrillt. In der ausgebauten Fabriketage wohnt Chiharu Shiota mit Tochter und Mann – wenn sie nicht gerade unterwegs ist. Sie reist ziemlich viel, 2015 ist ein gutes Jahr, sie ist eine gefragte Künstlerin. Allein im vergangenen Jahr war sie in zwölf Ausstellungen vertreten.

14 Ausstellungen pro Jahr

Gerade ist sie aus Düsseldorf zurückgekommen, im K21 präsentiert sie mit „A Long Day“ und „State of Being“ gleich zwei neue Installationen. Doch der Höhepunkt des Sommers ist die Teilnahme an der Biennale in Venedig, dort bespielt sie den Japanischen Pavillon. Das Foto ihrer raumgreifenden Installation „Key in the hand“ ging vor einigen Wochen durch viele Medien, weil es ein Hingucker ist und sehr suggestiv: Ein altes venezianisches Boot, um die fünf, sechs Meter lang, steht da im Raum, komplett eingenommen von einem blutroten Fadengespinnst, das aussieht, als hätte eine Monsterspinne hier ihr Werk mit tausenden Wollknäulen verrichtet. 180.000 alte Schüssel hängen in diesem Netzwerk. Metapher für die untergehende Lagunenstadt? Jedenfalls lässt ihr Werk jede Menge Raum für eigene Imagination.

„Der Schlüssel“, sagt sie, „ist in allen Kulturen ein starkes Symbol – für Sicherheit und Vertrauen und Glück.“ Die Künstlerin zeigt uns noch einmal das Foto, kurios, die Raumfädelei sieht nun aus wie abstrakte Malerei. „Na ja, ich komme aus der Malerei“, sagt Chiharu Shiota. Nach ihrem Studium in Kyoto, wechselte sie an die Universität der Künste in Berlin, war Schülerin von Marina Abramovic, der gestrengen Exerzitienmeisterin der Performance. In Berlin habe man als junge Künstlerin einfach bessere Chancen, erzählt sie. In Japan würde das nicht funktionieren.

Die Schlüssel stammen übrigens aus der ganzen Welt, Chiharu Shiota hat Tausende übers Internet erworben, ein Museum half ihr auch mit Aufrufen, allein 30.000 stammen aus ihrer Heimat.

Japanischer Shakespeare

Die Spinnen-Weberei, nennen wir Shiotas Technik einmal so, bleibt in ihren verschiedenen Installationen und Performances immer gleich, egal, ob sie mit schwarzen oder roten Fäden agiert, egal, ob sie Stühle, Betten, Schuhe, Kleider, ganze Räume oder selbst Menschen einspinnt. Alles Handarbeit pur, die die Japanerin immer vor Ort und am direkt Gegenstand vornimmt. Meisten mit Hilfe von Mitarbeitern, die genau wissen, wie die Chefin die Fäden tackert und zu führt. Wer so etwas macht, muss geduldig sein. Das ist eine Form der Meditation.

Auch in Berlin ist die 43-Jährige derzeit zu sehen, im Bühnenbild von „Matsukaze“ im Schiller-Theater. Die Opernfassung des Klassikers des japanischen No-Theaters hat Sasha Waltz in musikalisches Tanztheater überführt. Da liegt es nahe, eine Japanerin zu verpflichten, die sich in der Tradition des „japanischen Shakespeares“ bestens auskennt. Ohnehin kennen sich die beiden Künstlerinnen schon seit 15 Jahren, damals hatte Sasha Waltz noch ihr Domizil in den Sophiensälen und Shiota in der Sophienstraße eine Ausstellung in einer kleinen Galerie.

Alte Koffer aus Berlin

Matsukaze, fängt Chiharu Shiota an zu erzählen, sei sehr traurig. Zwei Schwestern, Salzschöpferinnen, liebten vor vielen hundert Jahren einen Mann, der sie irgendwann verlassen musste und bald starb. Über ihren Kummer sterben auch die Schwestern, Jahre nach ihrem Tod kehren ihre ruhelosen Seelen ins Diesseits zurück, auf der Suche nach dem ewigen Geliebten. Ihre Sehnsucht hält sie fest in einem Zwischenreich von Leben und Tod, mehr dunkel als hell. Für diese Übergangswelt entwickelte Chiharu Shiota dramaturgisch ein ebenso leichtes wie fragiles Netz, zehn Meter hoch und 14 Meter lang, darin klettern, verheddern, hangeln, schweben und verknoten sich die beiden liebeshungrigen Todesengel.

Nach jeder Aufführung muss nachgeflickt werden, erzählt die Künstlerin, die Fäden verschieben sich durch die Bewegungen der Tänzer und Sänger. Der Verbrauch an Wolle ist hoch, Tausende von Knäulen braucht sie für ein Stück wie „Matzukaze“. Der Lieferant aus Süddeutschland hat zu tun. Das Stück wurde 2011 in Brüssel uraufgeführt, als Shiota damals in der Generalprobe die Vorstellung erstmals komplett sah, kamen ihr die Tränen.

Wenn sie ein Bühnenbild entwickelt, Skizzen helfen dabei, ist sie, anders als bei einem autonomen Kunstwerk, Teil eines Ganzen, muss mit Musikern, Lichtregie, Sängern und Regisseurin zusammenarbeiten. „Das macht mich unsicher, denn ich weiß nicht genau, was da rauskommt.“

Doch mittlerweile hat sie Erfahrung mit Teamarbeit, auch für das Opernoratorium „Ödipius Rex“ der Berliner Choreographin Constanza Macras kreierte sie einen schwebenden Bühnenhimmel, gespickt mit Stühlen und Betten, Objekte, die sie häufig benutzt.

Stasi-Wachpsoten auf dem Dach

Viele ihre Installationen kreisen um das Thema Erinnerung, die alten Koffer, die getragenen Schuhe gehen in diese Richtung. Mit dem Gepäckstück verbindet uns ein gutes Stück Wegstrecke des Lebens und mit Stiefeln ebenso, Gegenstände, die doch ganz „viele Geschichten über uns erzählen“, sagt Chiharu Shiota. Sie spricht sehr leise, so als scheue sie den Auftritt. Geschichten findet sie viele in Berlin, wo sie seit 1998 lebt. Es sei unglaublich, wie viele Erinnerungen diese Stadt berge. Das Gebäude, in dem sie wohnt, sei früher von der Stasi genutzt worden, oben auf dem Turm hockte der Wachposten, die Mauer im Blick und jene, die sich ihr näherten. Die Flohmärkte seien voll von Dingen und Geschichten, gerade im Osten, da findet sie viel.

Sie schaut hinaus aus dem Panoramafenster: Berlin, das ist jetzt längst ihre Geschichte.

Staatsoper im Schiller-Theater, Bismarckstr. 110. Sonntag, 12. Juli, 19.30 Uhr.

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