Waldbühne

Mit David Garrett auf Cover-Butterfahrt durchs Hit-Programm

David Garretts Classic Revolution Konzert in der Berliner Waldbühne ist eine überbordende Show quer durch die Hits der letzten Jahre.

Geiger David Garrett ist in Berlin aufgetreten

Geiger David Garrett ist in Berlin aufgetreten

Foto: Malte Christians / dpa

2009 hat David Garrett seine eigene T-Shirt-Kollektion herausgebracht. Ein Jahr später lancierte der Star-Geiger sein eigenes Duschgel. Es hieß „Rock Symphonies“. Wenn man das weiß, weiß man eigentlich schon viel, wenn nicht alles über ein David-Garrett-Konzert, wie es riecht, wie es aussieht und wie es sich anhört. Sie können sich darunter jetzt gar nichts vorstellen? Keine Sorge, wir gehen weiter ins Detail:

Wie es riecht

Da ist ein weißes Piano. Davor sitzt Valentina Babor, die Piano Princess, so nennt sie sich, die am Mozarteum Salzburg studiert hat. Das heißt, sie hat Talent, sehr viel sogar, leider aber etwas weniger Geschmack, was wiederum erklärt, warum sie sich Piano Princess nennt. Sie ist das Vorprogramm von Garrett, sie ist die Werbung, seine Entdeckung, er produziert sie, erfährt man, ihr Crossover-Album-Debüt, es ist jetzt draußen. Sie lächelt, angespannt, ihr Gesicht setzt sich dabei kontrastreich braunrot von ihrem weißblonden Haar ab. Die Augen geschlossen, den Oberkörper golden befrackt legt sie die Hände auf die Pianotasten, und dann – dann spielt sie 90er-Jahre Trance. Robert Miles, „Children“, der Song, der vor zwanzig Jahren aus den Micro-Stereoanlagen von bauchnabelgepiercten Bravo-Lesern stampfte, er stampft nun über die bunten Regenponcho-Köpfe vor der Waldbühne. Das Orchester ächzt, das Schlagzeug bummst, die peroxidierte Princess, sie kann das, Trance auf dem Piano nachspielen. Ja, es klingt ja fast wie damals, von CD, toll, toll. Und all die exaltierten Pianistenbewegungen, die kann sie auch. Sie spielt, spielt, spielt, das Bühnenlicht blitzt dabei mit ihr um die Wette, nur die bunten Poncho-Köpfe, die bewegen sich nicht, wie Nadeln in einer Pinnwand stecken sie vor der Waldbühne fest. Als Babor nach drei Liedern aufsteht, sich lächelnd verbeugt, und geht, riecht es leicht nach verbranntem Talent.

Wie es sich anhört

Ein Tusch, ein Feuerwerk, ein großes Bumm, Bumm, Bumm, so eröffnet Garrett. Es gibt einige Lieder, die wirklich niemand mehr covern sollte, und da muss man sagen, da ist der Geiger sehr gründlich, denn er spielt sie alle. „Let Me Enterain You“ macht, das passt natürlich, genial, genial, den Anfang. Seine Violine wird elektronisch verstärkt, man hört sie am meisten, wie ein fröhliches Mäuschen in der Käsekammer fiept sie Gouda-hungrig vor dem Neue Philharmonie Frankfurt Orchester herum. Fidelt Garrett mal nicht, tritt eine heulige E-Gitarre in den Fokus. Es ist eine Mischung, sie nennt sich Crossover, sie klingt wie orange zu pink. Es folgt was folgen muss Orffs, „Carmina O Burana“ in einer leicht entenquakigen Version, mit scheppernden Schlagzeug zu zeterndem Violinen. Danach „Living On A Prayer“ von Bon Jovi, zudem sich Garrett von zwei Tänzerinnen im Kiss-Shirt flankieren lässt, die zuvor noch mit Tänzern im Ramones-Shirt tanzten, sich nun aber gierig, gierig wie Stripperinnen um den Geiger herumwinden. Nach jedem Lied und vor jedem Lied, da lässt er keine Distanz aufkommen, spricht der Geiger zum Publikum. Denn es ist ihm wichtig, dass das Publikum das weiß, jedes Cover, jeder fremde Evergreen hat hier doch seine ganz persönliche Daseinsberechtigung. Es ist nicht etwa Wahllosigkeit, die ihn dazu veranlasst „New York, New York“ zu spielen, nein, das gehört ins Programm, weil er da doch studiert hat. Und weil er da doch mit seinem Bruder noch immer eine Wohnung hat, und seine Mutter, die Primaballerina Dove-Marie Garrett, ihn letztes Jahr da besuchte und seine alte Butter weggeschmissen hat. Gelächter. Alte Butter, das passt. Der Garrett, der geigt einem eine fidele Orchester-Cover-Butterfahrt durchs Hit-Hit-Hit-Radioprogramm. Es gilt, was da gilt, es stört nicht, man baut keinen Unfall während man es hört, aber es nimmt einen eben auch nicht mit – nach New York.

Wie es aussieht

Garrett trägt ein weißes T-Shirt, mit dem Aufdruck eines bellenden Kampfhundes, oben glitzert es, unten am Rand, kurz vor der Jeans, ist es auch noch beschriftet, da steht: Orgasm. Man weiß nicht, wo man zuerst hinsehen soll, es ist zu viel, es erweckt den Eindruck, Schnitt und Stoff des T-Shirts können nicht ideal sein, wenn man soviel Beigabe bemüht, es kleidsam zu machen. Für Garretts Bühnenshow gilt das gleiche. Es ist eine einzige Ablenkung. Garrett geigt gut, das Publikum soll davon aber lieber nicht so viel mitbekommen. E-Gitarren, Feuer frei, Flamenco-Tänzerinnen wirbeln, ein DJ tritt auf, tischt noch mehr Beat, mehr Schmiss, mehr Krach dazu auf. Zu Springsteens „Born in the USA“ zeigt die Leinwand sicherheitshalber nochmal die amerikanische Flagge und alle 50 Sterne. Wenn Garertt dann sein eigenes Stück „Serenity“ zum Besten gibt, darf es nicht langweilig werden, schließlich ist es kein seit Jahren bekannter Riesenhit, stimmungsvoll ist die Ambiance auf die er abzielt, also werden stimmungsvolle Kerzen, im noch stimmungsvolleren Sepia-Ton eingeblendet. Zu Mozart schießen Feuerfontänen aus dem Boden. Geil, geil, sagt einer im Publikum, er freut sich über das Feuer, während Garrett schon wieder weiter ist, erklärt, warum er als nächstes Abba covert, und dass er, darauf ist er stolz, diese Coverversion einst in nur 20 Minuten erarbeitet hat. Manchmal sagt er, kann alles so einfach sein. Seine Bühnenshow, die ist es leider nicht.