Heimathafen

Wenn sich Rocko Schamoni von Ost nach West singt

Retro-Stimmung im Neuköllner Heimathafen: Rocko Schamoni präsentiert seine Lieblingsstücke aus dem Plattenregal - kräftig entstaubt.

Rocko Schamoni

Rocko Schamoni

Foto: Pressebild.de/Bertold Fabricius

Wer sich die Hände links und rechts neben die Augen legt und an der Karl-Marx-Straße / Ecke Thomasstraße streng geradeaus durch den kleinen Ausschnitt guckt, der sieht ein Haus mit schmutzigbrauner Fassade. Im Erdgeschoss ist ein Musikgeschäft, Leuchtreklame aus vergangenen Zeiten prangt an der Wand. Gelb auf grünem Grund, RADIO steht da zum Beispiel und GRAMMOPHON. Die Leuchtschrift ist noch nicht an, vielleicht weil es noch nicht dunkel genug ist, wahrscheinlich aber weil sie seit zig Jahren nicht mehr funktioniert.

Die vom den Autoabgasen braun-schwarz gesprenkelte Fassade, der große Notenschlüssel und das 60er-Jahre Schild über der Eingangstür auf dem in rot geschwungen „Schallplatten“ steht, all das wirkt mehr als nostalgisch.

Und deshalb eignet sich der Blick auf die Fassade des 1919 gegründeten Geschäftes „Musik Bading“ ziemlich gut zur Einstimmung auf das Konzert, das für neun Uhr im Heimathafen angekündigt ist. Schließlich handelt es sich hierbei um die Aufführung vergessener Songs, Lieblingsstücke, die Rocko Schamoni aus seinem Plattenregal gezogen und kräftig entstaubt hat.

Genau genommen soll gar kein Konzert, sondern eine Revue gegeben werden, was noch viel passender ist für die vom „Bading“ mitschwingende Retro-Stimmung.

Ist eine Platte noch eine Platte?

Vor besagtem Musikhaus stellt sich auch die Frage, ob eine Platte auch dann noch eine Platte ist, wenn man sie auf einem Telefon gespeichert hat. Wahrscheinlich schon, weil man ja auch dann sagen kann: „Hey, ich höre gerade eine Platte“. Auf einmal wird es dunkel, die Leuchtschnüre sind nicht angesprungen, dafür hat sich die Schlange vor dem Heimathafen gelichtet.

Eigentlich hatte die Revue ja nur ein Musikabend auf der Ruhr Triennale werden sollen. Doch weil es offensichtlich so viele Leute gibt, die Lust auf Schnee von gestern haben, kam bei der Crowdfunding-Aktion im Jahr 2013 so viel Geld zusammen, dass es sowohl für die Plattenaufnahmen als auch für eine Tour gereicht hat.

Die Bühne ist gerammelt voll, weil das Equipment des opulenten Orchesters komplett drauf stehen muss. Zunächst ziehen die Musiker ein (mehr als 15 sind es) und sie spielen “La Moglie Piu Bella“ vom Großmeister Morricone. Dann erscheint Gastgeber Schamoni. Er trägt ein Sakko (grau), das er – weil es so heiß ist – schnell auf dem Flügel ablegen muss, Hemd (schwarz) und eine Weste (ebenfalls grau).

Ganz vergessen sind die Vergessenen, deren Stücke Schamoni hier aufführt natürlich nicht. Hier in Berlin schon gar nicht. Schamoni singt sich von Ost durch Mitte bis West mit Jeans Team, Ton, Steine, Scherben und der Knef. Im ersten Teil des Abends swingt sich das l’Orchestre Mirage eher ins Melancholische. Im Bühnenhintergrund zittert ein orangener Oktopus zwischen Reigen tanzenden Quallen. Es wirkt pathetisch, nicht radikal, als sich Schamoni den großen Aufstand aus dem GUZ-Song „Die geheime Weltregierung“ herbeisehnt.

Berliner Melancholie

Als Schamoni und seine Duettpartnerin Hildegard Knefs Stück „Das Jahr 2000“ darbieten (in dem Knef uns zu recht Schnellstraßen, Computerlisten, Röntgenaugen und vor allem Banken prophezeit) ist man drauf und dran, ganz wehmütig zu werden und vermisst, ohne es je gekannt zu haben, dieses mysthische Berlin von früher, in dem selbst die Leuchtschrift von „Musik Bading“ noch funktioniert hat.

In die melancholische Stimmung platzt Gaststar Axel Prahl (Fischerjacke und T-Shirt) und mit ihm kommt endlich auch der Punk in den Heimathafen. Die Männer geben ein fulminantes Duett zum Tokio-Hotel-Hit „Durch den Monsun“. Es folgt eine Anspielung auf deren Konzert im Heimathafen und den anschließend lautstarken Beschwerden der Band, weil ihnen das Licht nicht „fett“ genug gewesen war.

Dann kommt „Hamburg“, wieder von den Lassie Singers, wo vor allem die Feststellung „Nur weil wir keine Ausbildung haben machen wir den ganzen Scheiß“ bejubelt wird. Bei „Das Zelt“ von Jeans Team gibt es dann kein Halten mehr. Aus vollem Herzen grölen alle: „Kein Gott, kein Staat, keine Arbeit, kein Geld“. Ein paar schütteln sogar die Fäuste.

Beim Verlassen des Heimathafens ist man mit der Gegenwart dann eigentlich doch ganz zufrieden. Man sehnt sich höchstens nach einer Fahrt nach Hamburg, aber nur, wenn es wie im Stück der Lassie Singers einen Abstecher nach Frankenhöhe gibt - wegen Schnitzelalarm.