Ausstellung

Das schöne Kapital der Vielfalt

Die Doppelausstellung „Homosexualität_en“ fragt nach 150 Jahren sexueller Emanzipation in Deutschland. Ein Besuch lohnt sich

Foto: Paul Zinken / dpa

Es ist genau der richtige Zeitpunkt für diese Ausstellung. Gerade erst hat der Bundesrat die Bundesregierung qua Abstimmung dazu aufgefordert, homosexuelle Partnerschaften komplett mit der Ehe gleichzustellen. Es hatte zuvor für vernehmliches Rumoren gesorgt, dass sich Berlin bei dieser Abstimmung enthalten würde – und es dann auch tat. „Enthaltungen zählen im Bundesrat wie ein Nein“, schrieb die prominente Grüne Renate Künast zuvor in einem Gastbeitrag für diese Zeitung. Ausgerechnet das liberale, weltoffene Berlin mit seinem Nollendorfplatz, mit seinem Christopher Street Day, mit seiner langen Tradition homosexueller Subkulturen und Lebenswelten hat – mit Rücksicht auf den rot-schwarzen Koalitionsfrieden – die Chance verstreichen lassen, ein Zeichen für Respekt und Gleichberechtigung zu setzen.

Pathologisiert und ausgegrenzt

Da wirkt die Schau mit dem Titel „Homosexualität_en“, veranstaltet vom Deutschen Historischen Museum Unter den Linden und vom Schwulen Museum an der Lützowstraße, fast wie ein Einspruch in letzter Minute, und nicht zufällig wird sie denn auch vor dem Wochenende des Christopher Street Day in Berlin eröffnet. Sie stellt sich einer großen Herausforderung, denn die letzten 150 Jahre homosexuellen Lebens in Deutschland kann man nicht nur eindimensional als Ausgrenzungs- oder Emanzipationsgeschichte erzählen. Sie muss ebenso sehr von der Vielfalt homosexueller Lebensstile handeln und von der explosiven Kreativität seiner künstlerischen Zeugnisse. Man darf die Kuratoren dafür beglückwünschen, wie gut, wie informativ und gründlich das gelungen ist.

Das Deutsche Historische Museum mit seinem zweifellos größeren Zuschauerzuspruch widmet sich vor allem den historischen Aspekten des Themas. „Es wird gezeigt“, schreiben die Ausstellungsmacher, „wie gleichgeschlechtliche Sexualität und nonkonforme Geschlechtsidentitäten von der Gesetzgebung kriminalisiert, von der Medizin pathologisiert und von der Gesellschaft ausgegrenzt wurde.“ Sie blickt dafür zurück bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts und zeigt ein Exemplar der „Constitutio Criminalis Carolina“, der zufolge sexuelle Handlungen „wider die Natur“ mit dem „Feuertod“ bestraft werden sollten – ein eindrückliches Zeugnis historischer Homophobie.

Sexuelle Handlungen stehen unter Strafe

In diese Reihe zählt auch der wirkungsmächtige Paragraf 175 des Reichsstrafgesetzbuches, der, 1882 in Kraft getreten, sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte. Wie sehr diese Rechtsnorm gegen zivilgesellschaftliche Normen wie Gleichberechtigung oder Nächstenliebe verstieß, machte schon der linke Publizist Kurt Hiller deutlich, als er den Paragrafen 1922 in einer Aufsatzsammlung „Die Schmach des Jahrhunderts“ nannte. Dem traurigen Scheitern der Republik von Weimar mit ihrem liberalen Gestus gegenüber allen Formen sexueller Vielfalt folgte die Verschärfung des Paragrafen unter den Nationalsozialisten. Waren zuvor nur „beischlafähnliche Handlungen“ wie Anal- oder Oralverkehr juristisch sanktioniert worden, so galten nun auch schon Küsse oder Blicke als strafbare Handlungen. Es sagt viel über einen Staat, wenn er die natürlichsten Lebensregungen seiner Bürger so sehr fürchtet, dass er sie kriminalisieren muss.

Eingebettet in diesen Diskurs rechtlicher und gesellschaftlicher Diskriminierung erzählt die Ausstellung von den Einzelschicksalen, die seine Folge waren. So kommt die bizarre Affäre um Prinz Philipp Fürst zu Eulenburg (1847–1921) wieder in Erinnerung, seinerzeit ein enger Vertrauter des Kaisers Wilhelm II. Der streitbare Publizist Maximilian Harden beschuldigte das persönliche Umfeld des Monarchen, homosexuell und damit für seine zögerliche Außenpolitik verantwortlich zu sein. In dem Prozess, der 1908 gegen Eulenburg angestrengt wurde, kam der repressive Charakter eines Staatswesens zum Ausdruck, das in den Schlafzimmern der Menschen nach der rechten Gesinnung forschen zu dürfen glaubte.

Lesbische Aktivistinnen

Ähnliche Geschichten erzählt die Ausstellung anhand der Lebenswege von Oscar Wilde und Alan Turing, doch sie vermeidet den üblichen Trugschluss, die Geschichte der Homosexualität handele vor allem von schwulen Männern. Dass lesbische Frauen im besagten Paragrafen 175 gar nicht vorkamen, zeugt davon, wie wenig ernst man sie damals als Rechtssubjekte nahm. Dass sie im Lauf der Jahrzehnte eine immer lautere und wirkungsmächtige Stimme bekamen, belegen viele Zeugnisse lesbischer Aktivistinnen.

Und dass es im Spektrum sexueller Orientierung auch Zwischentöne und Schattierungen gibt, die sich den harten Kategorien von Männlich und Weiblich entziehen, das macht die Ausstellung schon mit ihrem Werbeplakat deutlich, das nun allenthalben in der Stadt zu sehen ist. Es zeigt den kanadischen Performancekünstler Heather Cassils in fast ikonografischer Pose mit nacktem Oberkörper und kirschrot geschminkten Lippen. Das Bild entstammt einem Experiment, das der Künstler am eigenen Körper vornahm und für das er sich 23 Wochen lang dem strengen Ernährungsregime eines 190 Pfund schweren Bodybuilders unterwarf – milde Steroide inklusive. Seine Performance handelt von der Transformation, verschweigt aber auch nicht die Wunden und Versehrungen, die sie mit sich bringt. Feinsinnig spielt es aber auch auf die obszöne Standardinszenierung weiblicher Physiognomien in heterosexuell dominierten Gesellschaften an.

Der Körper und seine Hypotheken sind ein genuines Thema homosexueller Kunst – das macht auch der Teil der Ausstellung klar, der im Schwulen Museum zu sehen ist. Zu sehen sind Positionen zeitgenössischer Künstler wie Monica Bonvincini, Mary Coble, Godyn Greene Henrik Oelsen oder Julian Rosenfeldt. Im Interview-Projekt „What’s next“ lassen Aktivisten und Aktivistinnen Einblicke in ein Leben zu, das jenseits traditioneller Geschlechtergrenzen und Rollenzuschreibungen stattfindet. Die Ausstellung tut das, was gute Ausstellungen tun sollen: Sie weitet den Blick, sie belehrt nicht, sondern sie zeigt die Vielfalt von Antworten. Das macht sie sehenswert.

Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2. Tgl. 10-18 Uhr. Schwules Museum, Lützowstr. 73, So., Mo., Mi., Fr., 14-18 Uhr, Do. 14-20 Uhr, Sa. 14-19 Uhr. Noch bis zum 1. Dezember.