Konzertkritik

Die Philharmoniker können sich auf Pianist Krystian Zimerman verlassen

Der polnische Dirigent spielt in der Philharmonie unter der Leitung von Simon Rattle. Nach dem Brahms-Konzert bleibt festzuhalten: Die beiden Interpreten verstehen sich außerordentlich gut

Foto: Kasskara/DG; funke media

Nicht ohne seinen Steinway: Wenn Krystian Zimerman als Pianist durch die Welt reist, dann nur mit eigenem Instrument. Zum Klavierstimmer braucht er hundertprozentiges Vertrauen, mit dem Dirigenten pflegt er engste musikalische Absprachen. Kurzum: Zimerman mag keine Überraschungen. Er plant seine Auftritte so perfekt wie möglich.

In der Philharmonie erscheint der polnische Pianist nun mit Brahms‘ d-Moll-Klavierkonzert. Zehn Jahre liegt die Veröffentlichung seiner hochgelobten Studioaufnahme zurück. Damals wie heute an Zimermans Seite: die Philharmoniker unter Simon Rattle. Es herrscht angespannte Aufbruchsstimmung im Orchester. Gleich drei Konzertmeister bieten die Philharmoniker an diesem Abend auf, darüber hinaus auch noch die denkbar luxuriöseste Bläserbesetzung. Man spürt den Willen zu Großem an allen Ecken und Enden. Rattle ballt die Schicksalsfaust. Er presst und treibt, wirbelt und drückt. Bereits beim ersten klanglichen Zusammentreffen von Rattle und Zimerman wird deutlich: Hier verstehen sich zwei Interpreten außerordentlich gut.

Streng kalkulierender Klangdenker

Zimerman ist ein streng kalkulierender Klangdenker, ein ehrlicher Feinarbeiter, der alle technischen Herausforderungen des Werks mit Hilfe seines Intellekts gelöst hat. Er bietet einen mustergültigen Brahms, stringent in der Tempogestaltung, zeitlos ausgefeilt in der Artikulation. Die Philharmoniker können sich auf Zimermans gradlinige Tempi verlassen. Und verzichten auch ihrerseits auf alle künstlerischen Bequemlichkeiten. Konzentration und Bescheidenheit, Brillanz und Konsequenz – das sind die musikalischen Tugenden, die Zimerman und Rattle in Brahms‘ Klavierkonzert gemeinsam haben.

Sehr viel bunter mutet dagegen die erste Konzerthälfte an. Unsuk Chins „Le Silence des Sirènes“ gehört zu jenen üppigen Werken der Neuen Musik, die das Publikum auf hohem Niveau unterhalten. Gekonnt jongliert die koreanische Wahlberlinerin mit Farben und Geräuschen, spielt mit Effekten und Affekten. Dafür, dass es in dieser Komposition eigentlich um Stille und Schweigen gehen soll, stecken ziemlich viele Noten in der Partitur. Sei es drum: Für die kanadische Stimmakrobatin Barbara Hannigan bietet sich dadurch die Gelegenheit, Wunderliches zu vollbringen. Sie gurrt und flötet, zirpt und raunt. Sie zitiert aus Homers „Odyssee“ und James Joyces „Ulysses“. Sie schwingt sich in übersinnliche Höhen, schlägt Haken, saust pfeilschnell durch die Gegend.

Joseph Haydn ist sein Lieblingskomponist

Das Orchester spielt nicht nur dieses Werk zum allerersten Mal. Auch Haydns d-Moll-Sinfonie Nr. 80 zu Beginn des Konzerts erlebt seine philharmonische Premiere. In einem seiner seltenen Interviews war Rattle einst nach seinem Lieblingskomponisten gefragt worden. „Joseph Haydn!“ lautete damals seine Antwort. Auch an diesem Abend klingt Haydn nach Rattles Lieblingskomponisten. Es ist eine erfüllte, bis ins letzte Detail durchdrungene Interpretation. Mit viel Humor und einer ordentlichen Prise Beethoven-Grimm. Am Ende bleibt die drängende Frage, warum Rattle mit den Philharmonikern in den letzten Jahren so wenig Haydn gemacht hat. Und der fromme Wunsch, dass sich Pianist Krystian Zimerman doch gerne wieder öfters in Berlin zeigen möge.